Amnesty Journal 22. Juli 2015

"Ohne Sie wäre ich heute vermutlich tot"

Im Bergischen Land östlich von Köln setzen sich Amnesty-Mitglieder seit Jahrzehnten erfolgreich für die Menschenrechte ein. In diesem Jahr feiert die älteste noch aktive Amnesty-Gruppe Deutschlands ­ihren 50. Geburtstag.

Von Katrin Schwarz

Eine elegante Fünfzig aus dunkler Schokolade ziert die Torte – und alle müssen an ihr vorbei. "Noch nicht anschneiden!", mahnt der Zettel auf dem Buffet im Vorraum der evangelischen Gemeinde Bensberg.

Im Festsaal begrüßt kurz darauf Ursula Kleinert-Gentz gut 70 Gäste, unter ihnen viele langjährige Mitstreiter und Unterstützer von Amnesty. Auch der Bürgermeister von Bergisch-Gladbach ist gekommen. Wie und mit wem alles begann, sei heute nicht mehr zu klären, bedauert Kleinert-Gentz. Fest stehe, dass die Gruppe Bensberg-Rösrath-Overath am 13. Mai 1965 gegründet wurde und seitdem in dem Gebiet östlich von Köln aktiv ist. Sie selbst ist seit 1976 dabei und an einen Fall erinnert sie sich besonders, den Andrea Reusch, Sprecherin der Gruppe, dann schildert.

Sambia, Weihnachten 1981: Die malawische Juristin Vera Chirwa ist mit ihrer Familie auf dem Weg zu Verwandten, als ihr Wagen von Bewaffneten gestoppt wird. Sie werden zusammengeschlagen, ausgeraubt und in das Nachbarland Malawi entführt. Doch dies war kein gewöhnlicher Überfall: 1983 werden sie und ihr Mann Orton wegen Hochverrats zum Tode verurteilt und im Gefängnis gefoltert.

Mit Petitionen, Briefen, Aktionen und in Gottesdiensten macht die Amnesty-Gruppe auf das Schicksal des Paares aufmerksam. 1984 wird das Urteil aufgrund der internationalen Proteste in lebenslange Haft umgewandelt. 1992 stirbt Orton Chirwa unter ungeklärten Umständen. Seit ihrer Freilassung im Januar 1993 engagiert sich seine Witwe weiterhin für die Menschenrechte. "Wenn so jemand vor mir steht und sagt' 'ohne Sie wäre ich heute vermutlich tot', dann weiß ich, warum ich mich bei Amnesty engagiere", schließt Andrea Reusch ihre Erzählung.

Seit vielen Jahren ist mittlerweile Mexiko ein Schwerpunkt der Gruppenarbeit. Aktuell setzen sich die Mitglieder für Ines Fernández Ortega und Valentina Rosendo Cantú ein. Die politisch engagierten Frauen wurden von Soldaten vergewaltigt und kämpfen für eine Anklage der Täter sowie eine Entschädigung.

Die Amnesty-Gruppe kooperiert bei mexikanischen Fällen seit langem mit dem lokalen Menschenrechtszentrum Tlachinollan, das sich besonders für die Rechte indigener Personen einsetzt. Auch der Bundestagsabgeordnete Wolfgang Bosbach (CDU) hat sich auf Initiative der Gruppe wiederholt per Brief an offizielle Stellen gewendet.

Für das Jubiläumsjahr ist neben Aktionen gegen die Todesstrafe und Info-Ständen zu verschiedenen Themen eine Ausstellung zu Bootsflüchtlingen geplant. Ideen für die Zukunft gibt es reichlich. Für weitere erfolgreiche 50 Jahre sucht die Gruppe daher noch dringend engagierte Mitglieder.

Bevor es zu der Geburtstagstorte und dem internationalen Buffet geht, findet der mexikanische Musiker Josué Avaros, der bei dem Festakt auftritt, das perfekte Schlusswort: "Wenn man schwere Wege geht, ist es wichtig, dies in guter Begleitung zu tun. Amnesty ist eine sehr gute Begleitung."

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