Amnesty Journal 31. März 2015

"Ich habe gedacht, ich werde sterben"

Der Familienvater Ali Aarrass wurde in einem Geheim­gefängnis in Marokko zwölf Tage lang gefoltert. Ihm wurde vorgeworfen, ein Terrorist zu sein. Unter der massiven ­Folter gestand er schließlich die Vorwürfe und wurde allein deshalb zu zwölf Jahren Haft verurteilt.

Von Daniel Kreuz

Als Ali Aarrass seiner Schwester Farida am Telefon erzählt, was ihm in dem geheimen Haftzentrum Témara in Marokko angetan wurde, kann er irgendwann einfach nicht mehr. Er gerät ins Stocken, muss tief einatmen: "Es geht mir zu nahe, wenn ich ­davon erzähle."

Doch vorher hat er all seine Kraft zusammengenommen und von seinen schrecklichen Erlebnissen berichtet, damit die Welt weiß, was in Témara passiert: "Die Männer, die sich dort auf mich gestürzt haben, sind keine Menschen – das können ­unmöglich Menschen sein! (…) Sie haben mich an Händen und Füßen aufgehängt und meinen ganzen Körper misshandelt. Sie haben mich so heftig auf den Kopf geschlagen, dass mein Trommelfell gerissen ist. Sie haben mich immer wieder fast ertränkt und jedes Mal, wenn ich das Bewusstsein verloren habe, haben sie mich wiederbelebt, um mit der Folter weiterzumachen. Sie haben mir Substanzen in die Venen gespritzt. Es waren Ärzte in weißen Kitteln. Ich habe gedacht, ich werde sterben oder wahnsinnig werden."

Zwölf Tage lang ging das so, im Dezember 2010. Man warf dem heute 52-Jährigen vor, ein Terrorist zu sein. Als er die Qualen nicht mehr länger aushielt, gestand er. Am 19. November 2011 wurde er wegen illegalen Waffenbesitzes und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zu 15 Jahren Haft ­verurteilt. Später wurde die Strafe auf zwölf Jahre reduziert.

Das Urteil beruhte allein auf den unter Folter erzwungenen Aussagen. Seitdem ist Ali Aarrass im Gefängnis Salé II in der Nähe der marokkanischen Hauptstadt Rabat inhaftiert. Auch im Gefängnis gehen die Misshandlungen weiter, u.a. mit Schlägen, Schlafentzug und angedrohter Vergewaltigung, wie er seiner Schwester am Telefon berichtet: "Ihr müsst wissen, dass es die Hölle hier ist. (…) Wir sind die Sündenböcke eines fehlgeschlagenen Krieges gegen den Terror. Obwohl wir nichts verbrochen haben, sind wir hier inhaftiert. Wir sind machtlos. Aber ich habe mir meine Würde und meine Integrität bewahrt – obwohl sie alles versucht haben, diese zu brechen, ist es ihnen nicht gelungen. Ich schwöre, dass ich niemals schweigen werde und weiterhin das Unrecht anprangere". 2013 gelang es ihm, Skizzen der erlittenen Foltermethoden aus dem Gefängnis zu schmuggeln.

Ali Aarrass ist Vater einer Tochter, Amina. Sie ist heute acht Jahre alt. Seit dem Tag seiner Verhaftung hat er sie nicht mehr gesehen. Zu dieser katastrophalen Situation haben auch europäische Staaten beigetragen, allen voran Spanien, das Aarrass unter Verletzung internationalen Rechts nach Marokko überstellte.

Der in der spanischen Exklave Melilla geborene Ali Aarrass, der sowohl die marokkanische als auch die belgische Staatsangehörigkeit besitzt, wurde 2006 von spanischen Behörden verdächtigt, Mitglied einer terroristischen Vereinigung zu sein. Die Ermittlungen wurden aus Mangel an Beweisen wieder eingestellt. 2008 erhoben marokkanische Behörden ähnlich lautende Vorwürfe gegen Ali Aarrass. Auf der Grundlage eines internationalen Haftbefehls wurde er Anfang April 2008 in Mellila fest­genommen. In Spanien saß der Familienvater über zweieinhalb Jahre in Einzelhaft und trat dreimal in den Hungerstreik, den er aus gesundheitlichen Gründen jeweils abbrechen musste.

Im Dezember 2010 wurde er schließlich nach Marokko ausgeliefert, obwohl der UNO-Menschenrechtsausschuss und Amnesty International gewarnt hatten, dass ihm dort Folter drohe.

Folter ist in Marokko weitverbreitet, obwohl das nordafrikanische Land die UNO-Antifolterkonvention bereits 1993 ratifizierte. Marokko ist daher eines von fünf ausgewählten Ländern, auf die sich die aktuelle weltweite Amnesty-Kampagne "Stop Folter" besonders konzentriert. Zwar hat sich seit dem Machtantritt von König Mohamed VI. im Jahr 1999 die Menschenrechtssituation erheblich verbessert, doch Amnesty erhält weiterhin Berichte über Folter in Untersuchungshaft bei Polizei und Gendarmerie und in geringerem Maße in Gefängnissen und in geheimen Hafteinrichtungen. Mängel im Justizsystem, wie das Fehlen eines Rechtsbeistands während des Polizeiverhörs, begünstigen ein Klima, das Folter weiterhin fördert.

"Geständnisse", die mit Hilfe von Folter erzwungen wurden, werden immer vor Gericht verwertet, nicht selten werden Verurteilungen allein auf sie gestützt, so wie bei Ali Aarrass. Auf Berichte über Folter und andere Misshandlungen reagieren Justizbehörden kaum. Täter werden nicht zur Verantwortung gezogen.

Mit der Kampagne "Stop Folter" fordert Amnesty unter anderem die Freilassung von Ali Arrass und eine Untersuchung der Foltervorwürfe. Seitdem gab es einige positive Entwicklungen in dem Fall. So entschied im Juli 2014 ein Berufungsgericht in Brüssel, dass die belgischen Behörden Ali Aarrass konsularische Unterstützung zukommen lassen müssen. Ebenfalls im Juli hatte der UNO-Menschenrechtsausschuss entschieden, dass Spanien mit Aarrass’ Auslieferung gegen internationales Recht verstoßen habe, und forderte das Land auf, ihn angemessen zu entschädigen und alle Mittel zu ergreifen, um mit Marokko zu kooperieren und sicherzustellen, dass er in Haft gut behandelt wird.

Amnesty sammelte in 120 Ländern mehr als 216.000 Unterschriften für die Freilassung von Ali Aarrass. Im September 2014 traf sich eine internationale Amnesty-Delegation mit dem marokkanischen Justizminister und anderen Offiziellen, um die Unterschriften zu übergeben und um über den Fall Ali Aarrass und Folter in Marokko zu sprechen. Später organisierte die Delegation gemeinsam mit Mitgliedern der marokkanischen Amnesty-Sektion eine Solidaritätsveranstaltung für Ali Aarrass vor dem marokkanischen Parlament.

Die Solidarität der Amnesty-Mitglieder und -Unterstützer gibt Ali Aarrass neue Kraft. Über seine Schwester ließ er ausrichten: "Ich möchte euch allen meinen Respekt und meinen Dank für eure Arbeit ausdrücken. Nur dank eurer Unterstützung schaffe ich es, zu widerstehen. Dank eurer Hilfe finde ich immer wieder Mut und Zuversicht. (...) Ich gewinne an Geduld und meine Zuversicht wächst von Tag zu Tag. Gott sei mit euch für diese großartige Arbeit. Glaubt mir, ihr seid die Quelle meiner Inspiration. Und wisst, dass ich mich nie auf das Niveau jener begeben werde, die mich gefoltert haben. Niemals!"

Der Autor ist freier Journalist und lebt in Berlin.

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