Amnesty Journal Syrien 31. März 2015

Analysen aus der Hölle

Alle gegen Assad? Gegen den »Islamischen Staat«? Oder beides? »Innenansichten aus Syrien« ist ein Buch, das aus der Vielfalt seiner Autoren gute Beobachtungen und Einschätzungen gewinnt.

Von Maik Söhler

Wenn das Leben um einen herum zur Hölle wird, was dann? Fliehen, sterben oder selbst töten? 36 Beiträge – darunter auch Fotoserien, Kalligrafien und künstlerische Arbeiten – in dem neuen Sammelband »Innenansichten aus Syrien« versuchen Antworten auf diese fatale Frage zu geben.

Es sind nicht nur, aber überwiegend Syrer, die sich mit dem nun seit fast vier Jahren andauernden Krieg befassen. Sichtbar werden dabei zuerst die verschiedenen Stationen, die der Aufstand gegen Syriens Präsidenten Bashar al-Assad durchlaufen hat: der Terror des Regimes gegen unbewaffnete Demonstranten, der Übergang vom gewaltlosen zum bewaffneten Kampf gegen das Regime, die Spaltung der Oppo­sition, das Erstarken islamistischer Gruppen, die Einmischung libanesischer, iranischer und irakischer Milizen, die Beteiligung Russlands mittels finanzieller Hilfen und Waffenlieferungen an Assad, schließlich der grenzüberschreitende Terror des »Islamischen Staats« (IS).

Wer sich heute den Einsatz westlicher Kampfflugzeuge gegen IS-Stellungen ansieht, mag glauben, der Westen und das ­syrische Regime hätten den gleichen Hauptfeind. Genau davor aber warnen die meisten der Autoren und Künstler. Für sie ist der IS-Terror nur eine Folge jener Situation, die Assad schuf, als er mit Repression, Haft, Isolation, Folter, Mord, Krieg und der Waffe Hunger all jene zu töten versuchte und noch immer zu ­töten versucht, die gegen ihn sind.

Der syrische Philosoph Sadik J. Al-Azm nennt die fehlende Hilfe des Westens eine »Verschwörung des Schweigens«, die sich angesichts der jetzigen Stärke des IS als kurzsichtig erwiesen habe.

Friederike Stolleis, eine für die Friedrich-Ebert-Stiftung tätige ­Politik- und Islamwissenschaftlerin, meint: »Eine politische ­Lösung ist nur als Ergebnis einer Einigung der internationalen und regionalen Großmächte denkbar.

Würden sich die Großmächte USA und Russland auf eine gemeinsame Strategie verständigen und entsprechend auf die Regionalmächte Saudi-Arabien und Iran einwirken, hätten diplomatische Verhandlungen eine Chance.« Die Europäer wiederum sollten auf die USA und Russland einwirken und somit die Grundlage für eine Einigung erarbeiten.

Viele Autorinnen und Autoren aber wenden sich wohlbegründet vom großen Ganzen ab. Das Versagen der Diplomatie vor Augen, liegt ihre Hoffnung primär in lokalen gesellschaftlichen Initiativen, die Solidarität und Hilfe im täglichen Überleben zum Ziel haben.

Die syrische Soziologin Huda Zein beschäftigt sich etwa mit der Rolle der Frauen und der weit verbreiteten Gewalt gegen Frauen und Mädchen. Sie schreibt: »Trotzdem kann man festhalten, dass die syrischen Frauen von Beginn an für die Befreiung des Landes vom Totalitarismus des Assad-Regimes und für ihre Befreiung aus den Fängen oppositioneller Warlords islamistischer oder sonstiger Couleur kämpfen.«

Ob Flucht und das Leben im Exil, innere Emigration und Verzweiflung, das Leben im Gefängnis und die Marter von Assads Folterknechten, Alltag und Zufall, Kunst und Medien, Humor und Revolution – die syrischen Autoren und Künstler haben ihre Sprache gefunden, ohne die sie der Hölle nicht trotzen könnten. »Innenansichten aus Syrien« ist ein Buch, das alle erdenklichen Antworten gibt und für Aufklärung im besten Sinne steht.

Larissa Bender (Hrsg.): Innenansichten aus Syrien. Edition Faust, Frankfurt/Main 2014. 296 Seiten, 24 Euro.

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