Gut|mensch, der
Amnesty Journal Cover: Ausgabe Dezember 2015/ Januar 2016
© Amnesty/ Gabriel Holzner
Gutmensch – ein Wort mit einem erstaunlichen Bedeutungswandel.
Wortart: Substantiv, maskulin Gebrauch: meist abwertend oder ironisch
Worte sind wie Vögel, sagt ein Sprichwort. Lässt man sie einmal los, kann man sie nicht mehr einfangen. Kurt Scheel, 67, ein freundlicher Hanseat, hat in seinem Berufsleben Hundertausende Wörter zu Papier gebracht. Nur eines hob so richtig ab. Scheel schenkte der deutschen Sprache das Wort "Gutmensch".
Seine Wortschöpfung ist heute wohl präsenter denn je. Wer für Amnesty spendet, seinen schwulen Nachbarn grüßt oder sich mit Bürgerkriegsflüchtlingen solidarisch erklärt, wird von vielen als "Gutmensch" verspottet. Die Vokabel ist zum Kampfbegriff geworden, mit dem Rechte und Rechtsradikale ihre politischen Gegner immer enthemmter niederbrüllen.
"Ich war in der Tat ein bisschen stolz auf meine Erfindung", sagt Kurt Scheel heute. Scheel ist ebenso nett wie zivilisiert. Gemeinsam mit dem Literaturtheoretiker Karl-Heinz Bohrer hat er zwanzig Jahre lang den "Merkur" herausgegeben, die wohl wichtigste Intellektuellenzeitschrift Deutschlands. Im Dezember 1991, die Berliner Mauer war gefallen, im Osten brannten Asylbewerberheime, redigierte Scheel das Wort "Gutmensch" in ein Manuskript seines Kollegen Bohrer.
"Der Begriff war selbstkritisch gemeint", sagt Scheel. Als "Gutmenschen" bezeichnete er jene Linken, die ständig Moral predigen, nicht um die Welt besser zu machen, sondern um sich besser zu fühlen. Der Gutmensch tut Gutes – solange es ihn nichts kostet. Asylbewerber heißt er "Willkommen", aber bitte nicht in seiner Nachbarschaft. "Das Wort war spöttisch, nicht diffamierend gedacht", sagt Scheel. "In jedem moralisch hochstehenden Menschen, also auch in Ihnen und mir, steckt ein Gutmensch. Und man muss höllisch aufpassen, dass er nicht ständig das Kommando übernimmt."
Das Wort hatte Wahrheit, Wut und Witz. Und so machte es in den Neunzigern zunächst im linken Lager seinen Runde. Doch schnell wurde das Wort von Liberalen und Konservativen entdeckt und als Hau-drauf-Vokabel über die Jahre nach rechts durchgereicht: Von Henryk Broder und Matthias Matussek gelangte es zu Guido Westerwelle und Kai Dieckmann, von Thilo Sarrazin zu Pegida, der AfD und Akif Pirinçci. Heute kämpft auch die NPD gegen das "Gutmenschentum". Die Bedeutung des Wortes hat sich in ihr Gegenteil verkehrt.
"Ich benutze den Begriff seit Jahren nicht mehr, weil er allzu häufig von rechten Idioten gebraucht wird", sagt Scheel. "Wenn man schon das Gutmenschentum nicht los wird, dann doch wenigstens das Wort!" Aber Wörter sind wie Vögel. Der Gutmensch flog besonders weit.
Ramin M. Nowzad