Amnesty Journal Russische Föderation 01. April 2015

Russischer Frühling

Eine Kolumne Sergej Nikitin

In den Tagen nach dem Mord an Boris Nemzow wurde mir klar, dass in Russland ein neues Zeitalter angebrochen ist. Ein Zeitalter, in dem ein dreister Mord an ­einem Oppositionellen möglich ist; ein Zeitalter, in dem alles möglich ist. Und ­obwohl es scheint, als seien wir über Nacht in dieses Zeitalter eingetreten, hat sich das Klima der Intoleranz gegenüber jeder Art von Kritik über mehrere Jahre hinweg entwickelt.

Eine alles durchdringende Kultur der Straflosigkeit, das Fehlen jeglichen politischen Willens, diejenigen zu identifizieren und vor Gericht zu stellen, die für Menschenrechtsverletzungen verantwortlich sind, haben erheblich zur Schaffung dieser Atmosphäre beigetragen. Wir erleben tagtäglich ein exponentielles Wachstum an Schmierenpropaganda in den staatlichen Medien und eine Flut von Beleidigungen gegen alle, deren Meinung von der Kreml-Linie abweicht.

Vor seinem Tod hatte Boris Nemzow eine Protestdemonstration für den 1. März ­geplant – ein "Frühlingsmarsch" zum Frühlingsbeginn. Die Organisatoren, darunter bekannte Oppositionsführer, wollten die Kundgebung im Zentrum von Moskau abhalten, waren aber gezwungen worden, sie in die Außenbezirke zu verlegen. Die Menschen waren unglücklich darüber, man ging von weniger Beteiligung aus.

Doch all das änderte sich über Nacht. Am Samstag, den 28. Februar, erhielt ich um 4 Uhr morgens eine ungewöhnliche E-Mail von einer unbekannten Person, die mich total erschüttert hat. Sie lautete: "Boris Nemzow wurde in Moskau getötet." Boris, ein ehemaliger Vizeministerpräsident in Jelzins Kabinett, wurde am Vor­abend der von ihm organisierten Protestveranstaltung ermordet? Ich hatte keinen Zweifel, es war wahr.

Trotz anfänglicher Weigerung der Moskauer Behörden, die Demonstration in der Innenstadt zu genehmigen, setzte sich der gesunde Menschenverstand durch. 50.000 Menschen gingen langsam über die Brücke nahe dem Kreml, auf der Boris von vier Kugeln niedergestreckt wurde, vorbei an der Stelle, wo er getötet wurde.

Die Demonstranten hielten Tausende von russischen Flaggen mit schwarzen Bändern in den Händen und legten Blumen entlang des Brückengeländers nieder. Überall waren Plakate mit Fotos von Boris zu sehen.

Ich sehe eine tragische Symbolik in der Ermordung eines der aktivsten Verfechter der Freiheit in Russland auf derselben Brücke, auf der sieben Direktoren europäischer Sektionen von Amnesty International vor einem Jahr friedlich für die Versammlungsfreiheit demonstriert hatten.

Aber es ist ermutigend, dass es immer noch Leute gibt, die keine Angst haben – Tausende von Menschen, die sich nicht scheuten, vor dem Kreml in stillem Protest über die Brücke zu gehen; die sich nicht scheuen, für die Menschenrechte einzutreten – trotz der hysterischen Anschuldigungen, sie seien "ausländische Agenten", Spione und Verräter; die keine Angst davor haben, in Blogs, Artikeln und Interviews in den wenigen überlebenden unabhängigen Medien die Machthaber mit der Wahrheit zu konfrontieren.

Sie alle wissen, dass mit diesem Frühling eine Saison begonnen hat, in der es leicht passieren kann, dass man für die Äußerung der eigenen Meinung angegriffen oder sogar getötet wird.

Die mutigen Menschen in Russland mögen für ein so großes Land immer noch eine kleine Minderheit sein. Aber allein ihre Existenz, ihr Enthusiasmus, Charisma und Selbstvertrauen geben mir in diesen dunklen Tagen Hoffnung. Russland wird frei sein; die Frage ist nur, wann und zu welchem Preis? Die Alternative ist, dass der Frühling sich sofort in den Winter verwandelt.

Sergej Nikitin ist Direktor des Moskauer Büros von Amnesty International.
Übersetzung: Klaus Walter

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