Amnesty Journal Bangladesch 01. April 2015

"Ich kann nur schreiben"

"Ich kann nur schreiben"

Acht tiefe Stiche. Asif Mohiuddin

Der Blogger Asif Mohiuddin setzt sich gegen religiösen Fundamentalismus und
für Frauenrechte und Meinungsfreiheit in Bangladesch ein. Deshalb wurde der
30-Jährige von Islamisten bedroht und mehrfach angegriffen. Im Januar 2013 verletzten ihn drei Attentäter lebensgefährlich. Fundamentalisten setzten ihn auf eine Todesliste und die Behörden nahmen ihn wegen Verletzung religiöser Gefühle fest. Mohiuddin kam ­zunächst gegen Kaution frei, sein Verfahren und die Drohungen dauerten jedoch an. Auf Einladung von Amnesty International konnte er Anfang 2014 nach Deutschland ausreisen, wo er heute lebt.

Fundamentalisten bezeichnen Sie als »Feind des Islam«. Sind Sie das?

Ich bin ein Feind von Heuchelei und Intoleranz und damit ein Gegner aller religiösen Gruppierungen, die Menschenrechte verletzen – nicht aber der Religionen an sich. Ich bekämpfe nur den politischen Fundamentalismus.

Sie sind als Muslim geboren. Woher kam Ihre Kritik an Religion?

In meiner Kindheit wurde im indischen Ayodhya die Babri-Moschee zerstört. Als Vergeltung mussten in Bangladesch viele Hindus leiden. Damals fühlte ich, dass ein einzelner Mensch mehr zählen muss als eine große Moschee. Gebetshäuser sind aus Steinen gemacht, Menschen aus Fleisch und Blut. Sie leiden, Steine nicht.

In Bangladesch stellen Muslime die Mehrheit. Die Religionsführer rufen dazu auf, Andersgläubige zu töten oder zu vergewaltigen. Sie berufen sich auf den Koran und die Hadithe. Zunächst dachte ich, sie interpretieren die Schriften nur falsch. Später stellte ich fest, dass sich manches tatsächlich in diesen Schriften findet. Das macht auch andere Religionen unverträglich mit modernem Denken und moderner Moral und führt nicht zuletzt zu Menschenrechtsverletzungen.

Was sind ihre Kernthemen als Blogger?

Ich richte mich gegen Fundamentalismus und Terrorismus, gegen Bildungssysteme und Politik, die auf Religion aufbaut, ­gegen die Unterdrückung von Frauen, insbesondere durch die Scharia. Ich befürworte in meinem Blog dagegen säkulare Politik, Menschenrechte, Rechte von Homosexuellen, das Recht auf freie Bildung und Meinungsfreiheit.

Wie greifen Sie die Themen auf?

Oft erzähle ich Einzelfälle, wie den von Hana. Sie wurde als Zwölfjährige mit einem fast 40-jährigen Mann verheiratet. Mit 14 wurde sie vergewaltigt. Nicht der Vergewaltiger, sondern sie wurde vor ein Dorfgericht gestellt – auf Antrag ihrer Eltern. Es galt das Recht der Scharia. Weil sie keine Burka getragen hatte, wurde sie für die Vergewaltigung verantwortlich gemacht und wegen Ehebruchs zu 101 Stockschlägen verurteilt.

Nach 70 Schlägen wurde sie bewusstlos in ein Krankenhaus gebracht, wo sie eine Woche später starb. Polizisten und Ärzte attestierten Selbstmord – vermutlich aus Angst vor dem Scharia-Gericht. Hana ist keine Ausnahme. Geschichten wie ihre greife ich auf.

Wie lässt sich die Bloggerszene in Bangladesch beschreiben?

Es gibt Blogger aller Ausrichtungen, auch Fundamentalisten. Lange Zeit war das Internet eine Plattform für den freien Austausch von Meinungen. Im Zuge der »Shabhag-Bewegung«, die gegen den zunehmenden Fundamentalismus in unserem Land zu Feld zog, wurden Blogger im Frühjahr 2013 zeitweise zur Stimme einer modernen Nation.

Bangladesch wurde als säkularer Staat gegründet. Später wurde die Verfassung in Richtung Islam verändert. Etwa 15 Prozent der Bevölkerung gehören anderen Religionsgemeinschaften an. Wie ist die Lage für Hindus, Buddhisten und Christen?

Es gab zuletzt viele Übergriffe auf religiöse Minderheiten. Hindus und Buddhisten wurden attackiert, Tempel zerstört, Häuser und Geschäfte niedergebrannt, Besitz geplündert, Frauen vergewaltigt, einige getötet. Niemand half, keine Partei, keine Polizei. Kaum jemand wurde zur Rechenschaft gezogen, nicht zuletzt wegen einflussreicher Unterstützer. Staat und Regierung werben für den Islam. Unsere Premierministerin Hasina Wajed spricht vom Islam als einzig wahrer Religion. Bangladesch sei ein muslimisches Land.

Wie ist es Ihnen ergangen, nachdem Sie Kritik im Internet ­geäußert hatten?

Es gab Gewalt und sogar Todesdrohungen. Fundamentalisten versuchten mich mehrmals zu entführen – allerdings erfolglos. Im Januar 2013 wurde ich von drei Mitgliedern des Netzwerks Al-Qaida in Bangladesch brutal überfallen. Sie stachen mit Messern zu: Ich hatte acht tiefe und 53 kleinere Stiche. Nur mit viel Glück habe ich überlebt.

Wurden die Täter inzwischen gefasst?

Die Attentäter wurden mittlerweile inhaftiert, ihr Verfahren steht noch aus. Ich habe sie im Gefängnis getroffen, nachdem ich später selbst inhaftiert worden war. Sie kündigten mir weitere Gewalt an. Dabei wissen sie nicht einmal, weshalb sie mich angegriffen haben. Sie lesen keine Blogs. Sie folgen nur ihren Führern. Das Hauptproblem sind nicht sie, sondern das Bildungssystem, das solche kriminellen Fundamentalisten hervorbringt. Jedes Jahr absolvieren Millionen Schüler die fundamentalistischen Koranschulen.

Warum wurden Sie inhaftiert?

Das war eine politische Entscheidung. Eine Fundamentalistengruppe hatte die Regierung unter Druck gesetzt. Sie überreichten der Regierung eine Liste mit 84 Personen, für die sie die Todesstrafe forderten. Andernfalls würden sie das selbst übernehmen und die Hauptstadt verwüsten. Meine Festnahme sowie die drei weiterer Blogger sollte die Islamisten ruhigstellen.

Auf welches Gesetz beriefen sich die Behörden?

Wir sollen die religiösen Gefühle verletzt haben. Mein Blog wurde wegen Blasphemie geschlossen, konkret hatte ich den Gedanken aufgegriffen, dass Gott in jedem Menschen ist. Zweitens bin ich angeklagt, Bangladesch in ein »Homosexuellenland« verwandeln zu wollen – weil ich mich für die Menschenrechte sexueller Minderheiten einsetze.

Und die dritte Anklage wirft mir vor, alle Moscheen in Dhaka zerstören und stattdessen öffentliche Frauentoiletten errichten zu wollen. Ich hatte mich dafür eingesetzt, dass ein säkularer Staat keine Moscheen finanzieren, aber öffentliche Bibliotheken und Toiletten für alle bereitstellen soll. Denn in Bangladesch gibt es meist nur für Männer öffentliche Toiletten.

Wie ist die Situation der drei anderen Blogger?

Derzeit sind sie gegen Kaution frei. Sie werden sich aber ihr ganzes Leben lang nicht sicher fühlen. Demjenigen, der den Bloggern die Hände abtrennt, versprachen Fundamentalisten eine Geldprämie.

Gibt es überhaupt Meinungsfreiheit in Bangladesch?
Die Gesetze wurden 2013 dahingehend verändert, dass die Polizei jeden willkürlich festnehmen kann. Schon die Behauptung, man habe den Staat, die Regierung oder den Islam kritisiert, reicht aus. Das Gesetz soll offiziell nicht angewendet werden, aber dann sollte es auch nicht existierten. Jeder muss das Recht haben, jeden und alles zu kritisieren. Das steht in unserer Verfassung und ist die Basis jeder Demokratie. Faktisch stoßen alle, die frei denken, auf den Widerstand unseres etablierten ­politischen und religiösen Systems.

Sie sind 2014 auf Einladung von Amnesty International nach Deutschland gekommen. Welche Erfahrungen haben Sie bisher gemacht? Was bedeutet dieser Aufenthalt für Sie?

Ich spreche für mein Land, insbesondere für die Frauen, die religiösen Minderheiten und die Inhaftierten in den Gefängnissen. Ich bin ihre Stimme. Ich will mehr über Europa lernen und Erfahrungen mit nach Bangladesch nehmen. Das Leben hier fühlt sich freier und sicherer an. Für die Bedrohten ist es wichtig, zu wissen, dass sie nicht allein sind. Ich bin ohne Macht, ohne Geld, ohne eigene Organisation. Ich kann nur schreiben.

Fragen: Bernhard Hertlein

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