Amnesty Journal Georgien 17. September 2014

Georgische Moral

Vor zwei Jahren wurde der georgische Schriftsteller Zaza Burchuladze wegen seiner gesellschaftskritischen Texte krankenhausreif geschlagen. Seither lebt er im deutschen Exil. Ein Porträt von Georg Kasch

Tiflis, Hauptstadt von Georgien, 17. Mai 2013: Etwa 30 Menschen demonstrieren am Internationalen Tag ­gegen Homophobie für ihre Rechte. Ein Polizeikordon schützt sie vor mehr als 5.000 Gegendemonstranten, die nationalistische Lieder singen und den Schwulen, Lesben und Transgender mit dem Tod drohen. Plötzlich durchbricht die aufgebrachte Menge die doppelte Schutzkette, beginnt, die Demonstrierenden zu jagen. So mancher in dem Mob ist mit Stühlen bewaffnet, alte Frauen schwenken Brennnesselbüschel. Dabei werden einige der Polizisten so stark verletzt, dass sie ins Krankenhaus müssen. Wie auch etliche Passanten, die angegriffen wurden, weil sie »schwul aussehen«. Angefeuert wird die Menge von orthodoxen Geistlichen, die den »Angriff auf die georgische Moral« verurteilen. Der Gewaltexzess hat ihren Segen.

Szenen wie diese sind auf Youtube dokumentiert. Der Schriftsteller Zaza Burchuladze zeigt sie, um die Macht der Kirche in Georgien und die Folgen ihrer restriktiven Moralvorstellungen zu demonstrieren. Er sitzt in seinem Arbeitszimmer in Berlin, später kommt seine Frau Salomé Jashi dazu, eine Filmemacherin, die mal Details ergänzt, mal ihrem Mann mit einer englischen Vokabel hilft. An den Wänden hängen Plakate von Sonic Youth und John Coltrane, im Regal fällt Jonathan Franzens Roman »Freiheit« auf. Der Titel passt, seit Januar lebt Burchuladze als Stipendiat des »Writers-in-Exile«-Programms in Berlin, das die deutsche Sektion des PEN ins Leben rief, damit verfolgte Autoren auch im Ausland in ihrem Beruf arbeiten können.

Dass Burchuladze und seine Frau im November 2012 Georgien verlassen haben, hat vor allem mit dem Einfluss der Georgischen Orthodoxen Apostelkirche zu tun. »75 Prozent der Georgier sind Anhänger der unglaublich mächtigen orthodoxen Kirche«, sagt Burchuladze. In Georgien genießt sie Verfassungsrang – so steht der Patriarch am Unabhängigkeitstag mit der Regierung auf dem Podium und segnet das Parlament zu Beginn der Legislaturperiode. Die Kirche muss keine Steuern zahlen und bestimmt den Alltag und die Moral eines Großteils der Bevölkerung. Viele Georgier sind gewillt, die Ziele der Kirche mit Gewalt zu verteidigen. Wer sie sich zum Feind macht, hat ein Problem.

Burchuladze erfuhr das am eigenen Leib. Nachdem er in seinem Erzählungsband »Löslicher Kafka« gegen den georgischen Patriarchen anschrieb, wurde er »zum Sündenbock für alles« ­erklärt, wie er sagt. Zumal auch seine übrigen Bücher, darunter sieben Romane und mehrere Essaybände, eine Gesellschaft zeichnen, die wenig mit dem gemein hat, wie sich die Mehrheit der georgischen Bevölkerung selbst sieht.

Mit kritischen und provokativen Texten schockierte er anfangs seine Leser und schaffte es in die wichtigen Medien, die mit Vorliebe jenes Foto abdruckten, auf dem er nackt dasteht – nur sein Schambereich ist mit einem Buch verdeckt. Mit seinen großen Romanen entwickelte er sich aber bald zu den führenden Intellektuellen des Landes: 2011 zeichnete eine Jury aus Hochschulprofessoren »Aufblasbarer Engel« als besten georgischen Roman des Jahres aus. Seine Popularität nutzte er, um sich für ein offenes, menschliches Georgien einzusetzen, für Presse- und Meinungsfreiheit – in seinem Blog beim Radio »Freies Europa«, als Universitätsdozent, aber auch bei Protesten und Bürgerinitiativen.

Die Antwort der orthodoxen Kirche ließ nicht lange auf sich warten. So wurde ihm unterstellt, Anführer einer satanischen Sekte zu sein. Was man – bei aller Vorsicht – durchaus mit jener Fatwa vergleichen kann, die der iranische Ayatollah Khomeini gegen Salman Rushdie aussprach. Zwei Mal wurden in der Folge seine Bücher öffentlich verbrannt, mehrfach bedrohten ihn fremde Menschen mit Waffen oder mit ihren Autos – wie etwa jener Mann in einem Jeep, der vergeblich versuchte, Burchuladze zu überfahren und ihm hinterherrief: »Du wirst sterben!«

Lange waren die Anschläge und spontanen Gewaltausbrüche gegen Burchuladze glimpflich ausgegangen. »Ich dachte immer: Das ist Teil des Theaters, die machen nie ernst.« Bis er im Oktober 2012 nach einer Ausstellungseröffnung auf die Straße trat und zwei Männer auf ihn zukamen. »Als ich in ihre Augen sah, wusste ich, dass sie bereit waren, mich zu töten.« Sie versuchten, ihn in eine kleine Nebenstraße zu schleppen und schlugen ihn krankenhausreif – zwei Wochen lag er mit Gehirnerschütterung im Bett. Schlimmer waren die psychologischen Folgen. Der Polizei vertraute er nicht: Schon in anderen Fällen hatte er die Erfahrung gemacht, dass in Georgien einige Menschen über dem Gesetz stehen. Für sich als von der orthodoxen Kirche Geächteten sah er kaum Chancen, dass der Angriff aufgeklärt würde: »Bei der Polizei hängen überall Ikonen herum. Sie sind Teil der religiös geprägten Gesellschaft, die mich ablehnt.«

»Ich wollte nie das Land verlassen«, erzählt Burchuladze. Nach dem Anschlag aber hatte er nur einen Gedanken: »Ich muss hier raus.« In dieser Zeit besuchte Jürgen Jakob Becker vom Literarischen Colloquium Berlin (LCB) Tiflis. Er kannte Burchuladze, der bereits Stipendiat des LCB war – und lud ihn kur­zerhand ein zweites Mal nach Berlin ein. Das verstößt zwar gegen die LCB-Regeln, war aber der schnellste Weg, Burchuladze aus Georgien herauszuholen. Danach lebte der Autor ein Jahr lang als Stipendiat im Heinrich-Böll-Haus in Langenbroich, wo er sich sehr wohl und aufgenommen fühlte vom »kleinen, wunderbaren Team«. Freunde kümmerten sich darum, dass der PEN von seiner Lage erfuhr, der seit Januar für die Berliner Wohnung und eine monatliche finanzielle Unterstützung sorgt.

Inzwischen arbeitet Burchuladze auch wieder – an einem Roman, der Parallelgeschichten aus Georgien und Berlin erzählt. Im September 2015 wird aber erst einmal sein Roman »Adibas« auf Deutsch erscheinen. Das bereits in mehrere Sprachen übersetzte Buch eignet sich gut als Einstieg in Burchuladzes Werk: In kurzen, lose miteinander verwobenen Episoden hält der Autor der jungen, konsumorientierten Generation seines Landes den Spiegel vor. Ein cooles, zuweilen schmerzhaftes Stück Popliteratur, dass sich problemlos auch auf Westeuropa beziehen lässt. Ebenfalls übersetzt, aber in Deutschland noch ohne Veröffentlichungsdatum ist »Aufblasbarer Engel«, ein ironiesatter Kommentar auf das georgische Kleinbürgertum und seine scheinheilige Religiosität.

In Berlin fühlt sich Burchuladze wohl, er liebt das multikulturelle Miteinander. Deutschland sei jetzt seine Heimat, sagt er. Auch seine kleine Tochter ist hier geboren. Für Georgien hingegen sieht er kaum noch eine Perspektive: »Die Hauptwaffe gegen die Bigotterie der Kirche ist Wissen. Solange aber die Regierung nicht das Bildungssystem reformiert, wird es in Georgien keine Veränderung geben.«

Der Autor ist freier Kulturjournalist in Berlin.

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