Amnesty Journal Sierra Leone 03. Juni 2014

Die Geister des Bürgerkriegs

Der deutsche Reggae-Sänger Patrice hat in Sierra Leone, dem Geburtsland seines Vaters, einen Kurzfilm mit ehemaligen Kindersoldaten gedreht.

Von Daniel Bax

Nacht liegt über dem Hafen von Freetown, nur eine ­kleine Barke schaukelt im Wind. Später sieht man eine Gruppe junger Männer in einem verwahrlosten Gebäude, die Schießübungen machen. So beginnt der Kurzfilm, den der Reggae-Sänger Patrice zu seinem neuen Album »The Rising of the Son« in Sierra Leone gedreht hat. Es ist das ­Regie-Debüt des 34-Jährigen, das bisher nur vor ausgewählten Zuschauern in Berlin und New York gezeigt wurde.

Der gebürtige Kölner Patrice Bart-Williams ist der erfolgreichste Reggae-Star Deutschlands. Auch in Sierra Leone wird Patrice inzwischen als Musiker gefeiert. Ein ausdrücklich politischer Künstler ist er, trotz seines bedeutungsschweren Vornamens, aber nicht – seine Eltern benannten ihn nach Patrice Lumumba, dem ersten Ministerpräsidenten des unabhängigen Kongo, der 1961 vermutlich unter Mitwirkung der CIA ermordet und dadurch zu einer Ikone des afrikanischen Anti-Kolonialismus wurde. Mit seinem ersten Film tritt Patrice nun in die Fußstapfen seines Vaters, der ein bekannter Schriftsteller und Regisseur war. Gaston Bart-Williams kam, als Patrice elf Jahre alt war, 1990 bei einem Bootsunglück in Westafrika ums Leben. Patrice leugnet nicht, dass sein Vater ihn inspiriert habe, lehnt aber jeden direkten Vergleich ab: »Er hat an der Filmhochschule in Berlin studiert, ich bin Autodidakt«, rückt er die Dinge im ­Gespräch zurecht.

Sein Film handelt von einem jungen Mann, der versucht, ­einer gefährlichen Gang zu entkommen. Im Subtext geht es ­Patrice um den Umgang mit Ängsten und der Suche nach sich selbst. Der Titel, »The Rising of the Son«, ist ein Wortspiel, das so klingt, als wolle Patrice aus dem Schatten seines Vaters heraustreten. Doch so ist es nicht gemeint, betont er: »Dahinter steht die Idee einer Art Wiedergeburt: mit den Erfahrungen der Vergangenheit, aber mit der Unschuld eines Neugeborenen«. Für Patrice ist das ein Lebensthema, denn an dem Tag, an dem er ­geboren wurde, starb sein Großvater. »Für meinen Vater war das ein Symbol für den Kreislauf des Lebens, dass das Leben immer weitergeht«, sagt Patrice.

In seinen Liedern transportiert Patrice ein Lebensgefühl, das weit über jene simple Happy-Go-Lucky-Botschaft hinausgeht, auf die Reggae manchmal reduziert wird. Sein Roots-Ansatz und seine eingängigen, aber raffinierten Kompositionen sind eigen, lassen indes Bezüge zu Vorbildern wie Bob Marley erkennen.

Seinen Film hat Patrice bewusst im Land seines Vaters gedreht. Ein bis zwei Monate im Jahr verbringt er in Sierra Leone. »Ich hatte schon immer eine große Sehnsucht, diesen Teil meiner Familie kennenzulernen, mich da öfter aufzuhalten und das Land zu verstehen.« Die Dreharbeiten hätten »in einem der schlimmsten Slums von Freetown« stattgefunden, berichtet Patrice. Seine Schwester betreibt in Freetown ein Projekt, das Stoffe für namhafte Modelabels in den USA und Europa herstellt. Die Jungs, die für sie arbeiten, verdienen sich so ihr Schulgeld und ihre Ausbildung. Durch sie kam Patrice an seine Darsteller, die zum Teil ehemalige Mitglieder einer Straßengang und frühere Kindersoldaten waren.

»Sierra Leone ist ein sehr besonderes Land: sehr gemischt, sehr karibisch«, findet Patrice. Es wurde, wie Liberia, von befreiten Sklaven aus England, den USA und Jamaika gegründet. Auch Patrice kann seine Vorfahren auf sie zurückführen. »Zum Teil waren sie Sklaven, die über Kanada zurückgekommen sind. Und ein Urgroßvater von mir stammte aus Malaysia. Meine Familie hat also auch einen asiatischen Zweig«, sagt er. Besonders beeindruckt hat ihn in Freetown die St.-Johns-Church, die von befreiten Sklaven aus Jamaika errichtet wurde – die Decke besteht aus den Planken des Schiffs, auf dem sie einst gekommen waren. Reggae steht in Sierra Leone hoch im Kurs. »Es gibt einen offiziellen Bob-Marley-Day, eine 12-Tribes-Rastafari-Gemeinde wie auf Jamaika und die Sprache ist auch sehr nah am Patois«, berichtet Patrice. Ist das ein Grund, warum er sich selbst dem Reggae verschrieben hat? »Ich weiß nicht so genau, warum«, zögert er. »Aber je mehr ich die Geschichte kenne, ­desto mehr verstehe ich, warum das vielleicht in meinem Code so drin ist.«

Sierra Leone ist eines der ärmsten Länder der Welt. Dass es reich an Diamanten ist, erwies sich als Fluch, denn damit wurde der Bürgerkrieg finanziert, der dort von 1991 bis 2002 tobte, mehr als 120.000 Menschen das Leben kostete und das Land bis heute zeichnet. Dennoch gilt der Wiederaufbau bisher als gelungen. Aber lassen sich die Wunden und Traumata so schnell lindern? Patrice ist da skeptisch: »Die Rebellen waren regelrechte Kampfmaschinen und haben Kindersoldaten rekrutiert. Es ist schwer, sie wieder in die Gesellschaft einzugliedern«, sagt er. Hinzu komme, dass man während des Bürgerkriegs nie so genau gewusst habe, wer Feind und wer Freund war. Die Rebellen hätten sich wie Zivilisten gekleidet und die Soldaten seien deshalb so paranoid gewesen, dass sie auf alles feuerten, was sich bewegte. »Da herrschte viel Angst und Anspannung, und dieses Misstrauen sitzt immer noch sehr tief«, sagt Patrice. Die Geister des Bürgerkriegs seien immer noch präsent. Auch den Wiederaufbau sieht er in Gefahr: »Am Anfang gab es einen krassen Kickstart, es herrschte eine euphorische Stimmung«, sagt er. Doch mittlerweile herrsche Stagnation. »Die Leute stehen ja nicht unbedingt Schlange, um in Sierra Leone zu investieren.«

Rassismus sei in dem einstigen Bürgerkriegsland jedoch Schnee von gestern. »Es ist heute sehr liberal in Sierra Leone, es gibt dort viele Mischehen«, sagt er. Der aktuelle Präsident sei Christ, der davor Muslim gewesen. »Religion wird da nicht so ­benutzt, um die Leute gegeneinander aufzuhetzen.« Selbst im Bürgerkrieg hätten deshalb eher »Voodoo-Geschichten« eine Rolle gespielt: So sei Kindersoldaten etwa erzählt worden, sie könnten gegen Kugeln immun sein, wenn sie sich mit einer ­bestimmten Salbe einrieben.

Und »Rassismus«, sagt Patrice, »wird immer lächerlicher, weil – irgendwann werden wir alle einfach braun sein«.

Der Autor ist freier Musikkritiker des Amnesty Journals und lebt in Berlin.

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