Amnesty Journal Deutschland 03. Juni 2014

Das Charisma der Alice Nkom

Strenge Abendgarderobe, höfliche Dankesfloskeln, matter ­Applaus: Preisverleihungen sind meist eine öde Angelegenheit. Im Berliner Maxim-Gorki-Theater hat Amnesty am 18. März die kamerunische Juristin Alice Nkom mit dem 7. Menschenrechtspreis ausgezeichnet. Die meisten Gäste hatten sich wohl auf ­einen zähen Abend eingestellt – doch dann betrat die Preis­trägerin die Bühne.

Von Ramin M. Nowzad

Preisverleihungen sind häufig wie schlecht gebratene Rinder­steaks: zäh und ungenießbar. Schließlich weiß man bei solchen Zeremonien meist schon im Voraus, was auf der Bühne passieren wird: Ein Moderator begrüßt das Publikum, ein Laudator lobt den Preisträger, der Geehrte bedankt sich artig – und zwischendurch gibt es etwas Musik. Als am 18. März im Berliner Maxim-Gorki-Theater der 7. Menschenrechtspreis von Amnesty International verliehen wurde, hätte eigentlich alles nach diesem Schema ablaufen können: Die ZDF-Moderatorin Katty Salié führte souverän durch den Abend, für die Laudatio war Amnesty-Generalsekretär Salil Shetty aus London angereist, und das handzahme Pop-Quartett MIA begleitete die Zeremonie musikalisch. Und doch kam alles ganz anders: Zum Schluss sprangen die rund 400 geladenen Gäste euphorisiert von ihren Sitzen wie juvenile Fans auf einem Rockkonzert. Etwas hatte den Saal erfasst, mit dem keiner gerechnet hatte: das Charisma der Preisträgerin.

Alice Nkom besitzt eine Ausstrahlung, die so selten ist wie ein Goldstück im Rinnstein. Wenn die 69-Jährige zu sprechen beginnt, schlägt sie mühelos einen ganzen Theatersaal in ihren Bann. »Dieser Preis gehört nicht mir, sondern er gehört allen, die sich auf dieser Welt für die Menschenrechte einsetzen«, sagte sie, als sie auf der Bühne die Auszeichnung entgegennahm.

Ihre Aura und Eloquenz kommen ihr in ihrem Beruf zupass: Alice Nkom arbeitet als Rechtsanwältin und hat sich in ihrer Heimat auf besonders heikle Fälle spezialisiert: Sie verteidigt Homosexuelle, die in Kamerun wegen »Unzucht« vor Gericht stehen. In dem zentralafrikanischen Land können Schwule und Lesben für bis zu fünf Jahre hinter Gittern landen, nur weil sie einen anderen Menschen lieben – für Alice Nkom ein Skandal. »Auch Schwule und Lesben sind Geschöpfe Gottes«, sagt sie. »Wer Homosexuelle ablehnt, stellt Gottes Schöpfung in Frage.«

Auch außerhalb des Gerichtssaals hat die Juristin den Kampf gegen Homophobie aufgenommen: Im Jahr 2003 gründete sie ADEFHO, die erste Nichtregierungsorganisation, die sich in Kamerun für sexuelle Minderheiten einsetzt. Die Organisation bietet unter anderem psychologische Beratung, sexuelle Aufklärung und Sicherheitstrainings an.

Mit ihrem Einsatz für Homosexuelle hat sich Alice Nkom in Kamerun nicht nur Freunde gemacht. Sie erhält regelmäßig Morddrohungen – per Mail, per SMS, am Telefon und selbst im Fernsehen. Im größten Privatsender des Landes hat ein Anwaltskollege mit der Bibel in der Hand ihren Tod gefordert. »Ich werde in meiner Heimat beschimpft, bedroht und diffamiert«, sagte Alice Nkom. »Dass ich nun für meinen Einsatz erstmals mit einem Preis geehrt werde, bestätigt mich enorm.«

Mit dem Menschenrechtspreis ehrt die deutsche Sektion von Amnesty International alle zwei Jahre Persönlichkeiten und Organisationen, die sich unter schwierigen Bedingungen für die Menschenrechte einsetzen. Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert, die von der »Stiftung Menschenrechte« bereitgestellt werden.

Alice Nkom versteht die Auszeichnung als Ansporn: »Der Preis ist für mich wie das Gelbe Trikot der Tour de France. Es ist ein großer und wichtiger Etappensieg. Aber eines ist klar: Meine Arbeit geht weiter.« Ihre Dankesrede versuchte sie übrigens so kurz wie möglich zu halten. Denn eines machte die lebenslustige Juristin bereits auf der Bühne klar: Es sollte noch genug Zeit bleiben, um im Theaterfoyer in die Nacht zu tanzen.

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