Amnesty Journal Philippinen 26. Januar 2015

Folter als Freizeitvergnügen

Auf den Philippinen ist der Einsatz von Folter weit ­verbreitet. Inhaftierte sind der Willkür von Polizei und ­Sicherheitskräften schutzlos ausgeliefert. So wie die allein­erziehende Mutter Alfreda Disbarro.

Von Daniel Kreuz

Die Meldung ging Anfang des Jahres um die Welt: Im Januar fand die philippinische Menschenrechtskommission heraus, dass in einem Wohnviertel in der Provinz Laguna eine geheime Hafteinrichtung existierte, in der Häftlinge allem Anschein nach nur zum Spaß von Polizisten gefoltert wurden. Die Beamten hatten, ähnlich wie in der TV-Show »Glücksrad«, ein Rad, an dem sie drehten, um die Foltermethode nach dem Zufallsprinzip zu bestimmen. Dies ging häufig mit Trinkgelagen einher. Je nachdem, auf welchem Feld das Rad stehen blieb, wurden die Gefangenen zum Beispiel geschlagen, mit einer Pistole bedroht oder mit dem Kopf nach unten aufgehängt.

Der Fall zeigt, wie weit verbreitet Folter auf den Philippinen ist. Dabei verfügt der Inselstaat über einen umfassenden rechtlichen Rahmen, um Folter zu beenden. Nicht nur die Verfassung von 1987 verbietet sie, auch das Antifoltergesetz von 2009 legt strafrechtliche Sanktionen – darunter auch lebenslange Haft – für Folter und andere Formen der Misshandlung fest. Doch die Realität sieht anders aus: Fünf Jahre nach Verabschiedung des Gesetzes gab es noch keine einzige Verurteilung. Folterer müssen nicht fürchten, bestraft zu werden. Vielmehr müssen die ­inhaftierten Folteropfer befürchten, dass sich ihre Peiniger an ihnen oder ihren Angehörigen rächen, wenn sie vor Gericht Beschwerde einlegen. Amnesty sind sogar Fälle bekannt, in denen Folteropfer außergerichtlich hingerichtet wurden. Inoffiziell werden solche Hinrichtungen »Aufräumaktionen« genannt.

Die Philippinen sind daher eines von fünf ausgewählten Ländern, auf die sich die weltweite Amnesty-Kampagne »Stop Folter« besonders konzentriert. Im Rahmen der Kampagne setzt sich die Organisation auch für Alfreda Disbarro ein. Die alleinerziehende Mutter musste am eigenen Leib erfahren, wie wirkungslos die Antifoltergesetze in ihrem Heimatland sind.

Die 31-Jährige saß am 3. Oktober 2013 in einem Internetcafé unweit ihres Hauses in Parañaque. Zwei Polizeibeamte und ein inoffizieller Hilfspolizist näherten sich ihr und warfen ihr vor, eine Drogendealerin zu sein. Alfreda Disbarro wehrte sich vehement gegen die Anschuldigungen. Um jeglichen Verdacht aus der Welt zu schaffen, öffnete sie freiwillig ihre Taschen, in denen sich lediglich ein Handy und eine Fünf-Peso-Münze befanden. Trotzdem richtete plötzlich der Hilfspolizist ohne Vorwarnung eine Waffe auf sie, während ihr einer der Polizeibeamten auf die Brust schlug. Dann wurde sie in Handschellen abgeführt und zum Drogendezernat der Polizei von Parañaque gebracht.

Auf dem Polizeirevier angekommen, wurde Alfreda Disbarro von einem Hilfspolizisten abgetastet und mit gefesselten Armen in einen Raum mit anderen Gefangenen abgeführt. Nach zwei Stunden brachte man sie in eine Küche, wo ein ranghoher Polizist sie schwer misshandelte: »Er fragte: Möchtest du geschlagen werden? Ich sagte: Nein! Dann schlug er mich so fest, dass ich gegen die Wand fiel. Er schlug mich mit einem Schlagstock. Er schlug mich in den Magen. Er schlug mich vier Mal ins Gesicht. Er stach mit zwei Fingern in meine Augen. Er ohrfeigte mich und schlug meinen Kopf gegen die Wand. Er zwang mich zu gestehen, dass ich mit Drogen handle.« Außerdem wurde Alfreda Disbarro ein dreckiger Wischlappen in den Mund gezwungen.

In den folgenden Tagen litt sie an so großen Schmerzen, dass sie kaum atmen konnte und sich ständig erbrechen musste. Auch ein Hilfspolizist folterte sie: »Er stellte mir eine Schnapsflasche auf den Kopf und zielte mit seiner Waffe darauf. Er sagte, dass er die Flasche auf meinem Kopf abschießen werde. Er war nur etwa eineinhalb Meter von mir entfernt. Am Ende hat er nicht geschossen, aber ich hatte schreckliche Angst, er würde mich erschießen. Aus lauter Angst habe ich die Augen geschlossen.«

In der Zwischenzeit waren Familienangehörige auf die Polizeistation gekommen, um nach Alfreda Disbarro zu sehen. Doch wurden sie nicht zu ihr gelassen. Am 4. Oktober brachte man die 31-Jährige in das Rathaus ihres Heimatbezirks Barangay. Hier warteten schon Polizisten mit einigen Hundert-Dollar-Noten und einem Päckchen Drogen und behaupteten, dies alles würde ihr gehören. Doch Alfreda Disbarro beharrte auf ihrer Unschuld. Am nächsten Morgen forderte man sie auf, ein weißes Blatt Papier zu unterschreiben. Außerdem wurde sie zusammen mit dem Geld und den Drogen fotografiert, bevor sie in eine Haft­anstalt für Frauen gebracht wurde. Am 8. Oktober 2013 wurde Alfreda Disbarro einem Staatsanwalt vorgeführt, der sie wegen Besitzes und Verkaufs von Drogen anklagte. Für die Folter und Misshandlungen, die Alfreda Disbarro über sich hatte ergehen lassen müssen, interessierte er sich nicht.

Ihre Schwester reichte Beschwerde bei der nationalen Menschenrechtskommission ein, woraufhin Alfreda Disbarro am 10. Oktober von einem Arzt untersucht wurde. Er stellte zahlreiche Prellungen und Blutergüsse an ihrem Körper fest, die ihr in den vergangenen zwei Wochen zugefügt worden waren. Der Arzt kam zu dem Schluss, dass ihre Verletzungen von einem harten, stumpfen Gegenstand herrührten und empfahl eine Computertomographie, um innere Verletzungen ausschließen zu können.
Derzeit ist Alfreda Disbarro im Gefängnis von Parañaque inhaftiert und wartet auf ihren Prozess wegen Drogenhandels. Ihre Familie hat Drohungen erhalten und wurde mehrfach aufgefordert, die Stadt zu verlassen. Doch bislang weigert sie sich, Alfreda Disbarro im Stich zu lassen, denn sie weiß: Auf den Philippinen ist man weder auf der Polizeiwache noch im Gefängnis vor der Willkür der Folterknechte in Uniform sicher.

Fordern Sie die Freilassung von Alfreda Disbarro und beteiligen Sie sich an der Online-Petition von Amnesty: www.amnesty.de/stopfolter

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