Amnesty Journal Brasilien 17. September 2013

"Brasilien ist ein grausames Land"

Bald nicht mehr sichtbar. Der Schriftsteller Paulo Scott beschreibt in seinem neuen Roman die Lage der Guaraní in Brasilien.

Bald nicht mehr sichtbar. Der Schriftsteller Paulo Scott beschreibt in seinem neuen Roman die Lage der Guaraní in Brasilien.

Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse ist Brasilien. Obwohl die Bevölkerungsmehrheit ­afrikanische oder indigene Wurzeln hat, sind kaum Literaten aus ihren Reihen in der offiziellen Delegation vertreten. Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Paulo Scott über den Vernichtungskrieg gegen die Indigenen, über subtilen Rassismus und soziale Proteste.

Ihr Roman »Unwirkliche Bewohner« beschäftigt sich mit der Situation der Guaraní, einem indigenen Volk, das von seinem angestammten Land vertrieben wurde und heute in Camps vor sich hin vegetiert …
Ich habe sieben Jahre für das Buch recherchiert und mich mit der Kultur der Guaraní beschäftigt, insbesondere mit dem Miteinander von Indigenen und »Nicht-Indigenen« in der brasilianischen Gesellschaft, wenn man überhaupt von einem Miteinander sprechen kann. Wir befinden uns inmitten eines Vernichtungskriegs, der mit der Unterwerfung der indigenen Völker begann und an dessen Ende ihr Verschwinden stehen wird. Mit Billigung des brasilianischen Staates wird eine ganze Kultur dezimiert und zum Untergang verdammt.

Ihr Buch hat den Preis der Fundação Biblioteca Nacional 2012 gewonnen und war in Brasilien ein enormer Erfolg. Beginnt die Gesellschaft sich für das Schicksal der Indigenen zu interessieren?
Ja, wenn auch subtil. So gibt es ein besseres allgemeines Verständnis für diese historische Ungerechtigkeit. Es gibt kleine ­Organisationen und Initiativen, die Wirkung erzielen, eine Wirkung, die vorher nicht möglich gewesen wäre. Auch das Internet spielt dabei eine wichtige Rolle. Die Leute haben heute einen besseren Zugang zu Informationen und können leichter spenden, um jene Organisationen zu unterstützen, die gegen die widerrechtlichen Vertreibungen und Enteignungen der indigenen Gemeinden kämpfen. Das tun allerdings die wenigsten. Die meisten sind mit ihren eigenen Problemen beschäftigt.

Im Bundesstaat Mato Grosso do Sul werden bei Landkonflikten Monat für Monat Guaraní ermordet. Die Bundesregierung hüllt sich dazu in Schweigen. Wohin führt diese Politik?
Der Regierung sind durch die Zusammenarbeit der Behörden mit lokalen Interessenvertretern und den damit verbundenen Abhängigkeiten die Hände gebunden. Einige Regierungsmitglieder versuchen, diese Allianz zwischen den Räubern des indigenen Landes und den Behörden zu verhindern, aber das ist nicht immer leicht, zumal sie oft nicht die nötige Unterstützung erfahren.
Die Konsequenzen dieser Untätigkeit, die auf lokaler, regionaler und bundesstaatlicher Ebene vorherrscht, sind katastrophal. Die Selbstmordrate unter Jugendlichen ist in den indigenen Gemeinden extrem hoch. Sie haben keine Hoffnung. Die Gesellschaft gibt ihnen das Gefühl, sie wären ein Problem, ein Störfall. Man nimmt ihnen ihr Land weg und sagt ihnen, dass sie nichts wert seien.

Sie sind in Porto Alegre geboren, wo es auch indigene Gemeinden gibt. Wie haben Sie selbst deren Diskriminierung und den Rassismus wahrgenommen?
Brasilien ist ein rassistisches Land, das von einer Elite dominiert wird, die jahrzehntelang jedes Bemühen um soziale und materielle Gleichheit unterbunden hat. Im Süden des Landes ist der Rassismus noch offensichtlicher. Ich denke, dass meine Generation, also genau die, die jetzt an der Regierung ist, die indigene Kultur immer als etwas Exotisches gesehen hat, etwas Fremdes, als etwas, was zudem untrennbar mit der Vorstellung von einem Leben in Armut und Elend verbunden ist. Diese Menschen kommen als Figuren in Liedern und auf Gemälden vor oder auf Volksfesten, aber eben nicht in der Realität. Eine Integration scheint daher unmöglich, und so ist es einfacher zu sagen, dass es deshalb auch keine Lösung für das Problem gebe.

Sie haben einmal gesagt, dass die brasilianische Literatur die sozialen Realitäten und den Rassismus ignoriert. Wie zeigt sich dieser Rassismus in Brasilien?
Brasilien ist ein grausames Land, voller Heuchelei und Maskeraden. Wir tun so, als würde die Mischung verschiedenster Ethnien und Hautfarben, die in der Vergangenheit so viel Gewalt zur Folge hatte, uns nun auf eine Stufe stellen und Gleichheit bedeuten. Das ist eine Lüge! Die meisten Brasilianer haben verschiedene ethnische Wurzeln und versuchen doch alle verzweifelt, so weiß wie möglich sein. Es gibt eine sehr subtile, fast ideologische Abstufung, die verhindert, dass jemand mit dunklerer Hautfarbe gesellschaftlich aufsteigen kann. Es ist nicht nur eine Frage des Geldes, wie viele glauben. Die Brasilianer wissen nicht, wer sie wirklich sind. Und sie scheinen es auch nicht wissen zu wollen. Auch die brasilianische Literatur ist noch sehr zögerlich, was die Benennung dieser Probleme in ­unserer Gesellschaft betrifft. Es ist einfacher, über den europäischen Holocaust zu schreiben als über den Massenmord an den indigenen Völkern Brasiliens.

Ausgangspunkt der aktuellen Proteste waren vor allem soziale Fragen wie Bildung, Gesundheitsversorgung, die Preiserhöhung für öffentliche Verkehrsmittel, aber auch die Korruption. Werden diese Proteste Brasilien verändern?
Es hat bereits einige bedeutsame Erfolge gegeben und ich habe den Eindruck, dass die Ausschweifungen der Politik weniger geworden sind. Aber wie beständig das ist und wie es weitergeht, ist ungewiss. In den vergangenen Jahren konnten die brasilianischen Politiker machen, was sie wollten – es hatte keine Konsequenzen. Die Bürger konnten bislang nicht durchsetzen, dass die Parlamentsabgeordneten das tun, wofür sie bezahlt werden: Nämlich für das Wohl ihres Landes zu arbeiten und nicht, um ihre eigenen Taschen mit Geld zu füllen.

In Europa gilt Brasilien als Land des Wirtschaftswunders und die aktuellen Proteste zeigen Brasilianerinnen und Brasilianer, die selbstbewusst für Mitbestimmung und soziale Reformen auf die Straße gehen. Was hat sich in den vergangenen Jahren verändert?
Erstens haben wir heute eine stabilere und stärkere Demokratie in Brasilien als früher und zweitens macht es das Internet nahezu unmöglich, Informationen über die Unzufriedenheit der Menschen zurückzuhalten oder bestimmte Ereignisse und Taten zu verheimlichen. Man spricht von diesem Wirtschaftswunder und gleichzeitig sieht die Bevölkerung, wie Politiker schamlos ihre Macht missbrauchen und nichts gegen die strukturellen Probleme unternehmen. Das Leben in Brasilien ist teurer als je zuvor, die öffentlichen Dienstleistungen sind schlecht und extrem teuer, während die Banken gegenwärtig höhere Gewinne einstreichen als jemals zuvor. Die Mängel in der Gesundheitsversorgung, insbesondere in den Favelas und auf dem Land, waren noch nie so offensichtlich. Doch der nahezu unbegrenzte Zugang zu Informationen setzt einer fast chronischen Naivität und Ignoranz ein Ende, wie sie unser Verhalten jahrelang bestimmt haben.

Was ist das Thema ihres nächsten Romans?
Ich werde das Thema Rassismus am Beispiel einer Familie im Süden Brasiliens behandeln – es geht um zwei Brüder verschiedener Hautfarben, etwas, das in Brasilien sehr häufig vorkommt.

Fragen: Sara Fremberg

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