Tourismus und Menschenrechte
Kolumne von Edith Kresta
Was sollten Reisende beachten, die in Staaten reisen wollen, die für Menschenrechtsverletzungen bekannt sind? Sollen sie Länder wie Äthiopien, Marokko, Indonesien, Malaysia, Nigeria oder Weißrussland meiden? Menschenrechtsverletzungen durch Drogenkartelle in Mexiko, Kriminalität in Trinidad und Tobago oder Terror in der algerischen Wüste schrecken Urlauber ohnehin ab. Und sie werden durch die Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes darüber informiert. Das Ministerium sagt aber nichts dazu, wie die Menschenrechtssituation in den Reiseländern aussieht. Wer wusste schon vor dem Arabischen Frühling, dass Tunesien eine Diktatur war? Die meisten Strandurlauber wohl nicht. Ein Reisehinweis zu Menschenrechtsverletzungen könnte Staaten, die vom Tourismus profitieren, stärker in die Pflicht nehmen. Reiseländer fürchten ja auch die Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amtes, denn sie trüben den schönen Schein touristischer Paradiese.
Ein politischer Tourismusboykott wurde zuletzt für Myanmar diskutiert – ein Land, das lange Zeit von einem Militärregime beherrscht wurde, sich mittlerweile aber geöffnet hat – das bekannteste Beispiel war jedoch der Boykottaufruf gegen Südafrika während der Zeit der Apartheid. Ein Boykott richtet sich gegen eine Diktatur, trifft aber vor allem die Menschen eines Landes. Tourismus bedeutet Arbeitsplätze und manchmal auch eine Öffnung, gerade in Diktaturen.
Aber wann verletzt Tourismus Menschenrechte? Dieses Thema wurde auf der Internationalen Tourismusbörse in Berlin im März diskutiert. Während Tourismuskritiker früher vor allem schlechte Bezahlung, unwürdige Arbeitsbedingungen in Hotelketten, Landenteignung, die Zerstörung der Umwelt oder die Vertreibung von Menschen aus ihren angestammten Gebieten anprangerten, sollen jetzt die Menschenrechte Thema sein. Das jedenfalls fordern NGOs wie TourismWatch, Kontaktstelle Tourismus und Entwicklung und TourCert.
Unternehmen sollen in die Pflicht genommen werden, sich für die Menschenrechte zu engagieren. Mit dem Siegel "Corporate Social Responsibility" (CSR) zeichnet die Organisation TourCert Tourismusunternehmen nach einem strengen Zertifizierungsverfahren aus, Menschenrechte eingeschlossen. 64 deutsche touristische Unternehmen tragen bereits dieses Siegel, auch ein Schweizer Großveranstalter.
Die Unternehmen müssen sich prüfen lassen: Wie sind die Arbeitsbedingungen? Zahlen die Hotels, Restaurants und Transportunternehmen angemessene Löhne? Wie sind die Arbeitsverträge? Lassen sie Gewerkschaften zu? Setzen sie sich aktiv für den Schutz von Kindern vor Missbrauch ein? Hilft ihr Geschäft, demokratische Strukturen zu befördern? Haben die Menschen vor Ort einen Nutzen?
Warum sollten Unternehmen das freiwillig tun? Weil die Zertifizierung ein Marktvorteil ist. Sie setzt soziale und ökologische Standards. Das ist in einer Branche, die mit schöner Natur und Begegnung wirbt, besonders wichtig. Zertifizieren ist auch innerbetrieblich eine Wertsetzung: Sie reduziert Umweltkosten und erhöht die Zufriedenheit der Beschäftigten und damit die Qualität des Produkts.
Auch wenn es grob gestrickt wirkt, gerechte Bezahlung und mehr Demokratie in global agierenden Unternehmen via Menschenrechtskatalog einzufordern, so bleibt dies doch der kleinste rechtliche Nenner. Die meisten Staaten haben die Menschenrechtskonvention unterschrieben. Solange es von keiner internationalen Organisation, wie beispielsweise der UNO, Regeln oder Sanktionsmöglichkeiten für den globalen Markt gibt, ist das CSR-Siegel ein nachhaltiger Schritt zu mehr Qualität und Verantwortung im Tourismus.
Edith Kresta ist Reiseredakteurin der taz