Amnesty Journal 18. Juli 2013

Das große Grabschen

"Landgrabbing" bedeutet auf Deutsch "nach Land grabschen". Was salopp klingt, beschreibt den knallharten Wettlauf reicher Staaten, Firmen und Investoren um gigantische Landflächen vor allem in gescheiterten Staaten Afrikas und Asiens, deren Regierungen die Lebensgrundlage ihrer Bürger gegen Bargeld veräußern oder langfristig verpachten. In welche Schieflage Staaten, auch hinsichtlich ihrer Souveränität, durch diese Deals geraten können, zeigt das Beispiel Kambodscha. Hier sind inzwischen über zwei Millionen Hektar Acker in ausländischer Hand – das ist mehr als Hälfte der nutzbaren Fläche des Landes. Doch auch in Europa haben Finanzjongleure Ackerland als börsenfähige Ware entdeckt. Strukturell findet Landgrabbing also inzwischen überall statt.

Produziert wird auf diesen Anbauflächen für den Export: Agrartreibstoffe wie Zuckerrohr-Ethanol in Brasilien, aber auch Nahrungsmittel wie Mais oder Soja. Doch nicht nur die Agrarindustrie ist in das Landgrabbing involviert, auch die Tourismusindustrie versucht, sich attraktive Landflächen im großen Stil – etwa an der honduranischen Küste – zu sichern.

Besonders krass sind die Folgen der Landnahme in den Entwicklungsländern zu beobachten. Zum Opfer wird die örtliche Bevölkerung – Kleinbauern, Indigene, Landarbeiter. Vertrieben von ihrem Land dürfen sie sich fortan für einen Hungerlohn auf den Latifundien der neuen Besitzer verdingen. Doch damit nicht genug: Kunstdünger, Unkraut- und Insektenvernichtungsmittel der High-Tech-Farmen hinterlassen ihre giftigen Spuren im Trinkwasser und auf dem Land der Anwohner. Ihre Menschenrechte werden buchstäblich untergraben: Zwangsumsiedlung und Vertreibung, bewaffnete Konflikte und verschärfte Hungersnöte sind die zynischen Begleitumstände der Mega-Deals.

Die Rolle westlicher Regierungen in dieser Gemengelage ist unrühmlich. So heizt die Europäische Union mit ihrer Förderung von Agrartreibstoffen den weltweiten Anbau der sogenannten "Flexcrops" an. Das Zusatzprotokoll zum Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Menschenrechte räumt Menschen, deren Recht auf Nahrung verletzt wird, ein internationales ­Klagerecht ein. Dies wäre ein wirksamer Hebel ­gegen Landgrabbing. Wäre. Die deutsche ­Regierung etwa hat dieses Protokoll bis heute nicht ratifiziert.

Uta von Schrenk ist Journalistin und arbeitet für das Amnesty Journal.

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