Schlechte Traditionen
Der 8. März ist Internationaler Frauentag. Wieder werden Frauen weltweit auf die Straßen gehen, um sich für ihre berechtigten Belange starkzumachen. Sie legen die Finger in offene Wunden, machen aufmerksam auf Tatbestände, die auch heute noch von unfassbarer Diskriminierung zeugen. Da wird in Indien eine junge Frau in einem Bus auf belebter Straße von sechs Männern gequält, vergewaltigt und schwer verletzt auf die Fahrbahn geworfen. Niemand hilft ihr. Sie hat diese brutale Attacke nicht überlebt. Reaktionen wie Mahnwachen, Demonstrationen und markige Äußerungen der indischen Regierung vermitteln nun den Eindruck, es gehe "ein Ruck" durch das Land. Die mutmaßlichen Täter stehen vor Gericht, die Todesstrafe wird laut gefordert. Die Todesstrafe kann die tiefgreifenden strukturellen Probleme Indiens jedoch keinesfalls lösen! Vielmehr muss die Empörung als Antrieb wirksam bleiben, um wirkliche Umwälzungen zugunsten der Frauen in Indien zu bewirken. Das ist enorm schwierig angesichts tief verwurzelter Traditionen, die Frauen weniger Wert beimessen und weniger Rechte zugestehen als Männern.
Solche Traditionen bremsen in vielen Ländern die Fortschritte für Frauen – Fortschritte, die auf dem Papier immerhin in internationalen Abkommen festgeschrieben sind, allen voran im Übereinkommen über die Beseitigung jeder Form der Diskriminierung der Frau (CEDAW). 187 Staaten, darunter auch Indien, haben dieses Abkommen ratifiziert.
Die mangelnde Wertschätzung für Frauen spiegelt sich zahlenmäßig auch in den internationalen Statistiken über Geburten wider. Den unerwünschten Mädchen wird mittels selektiver Abtreibung der Eintritt ins Leben verweigert, der technische Fortschritt macht es einfach. So ist schon seit Jahren bekannt, dass in den bevölkerungsreichsten Ländern der Welt, China und Indien, das Verhältnis von Mädchen- zu Jungengeburten bei etwa 100 zu 112 liegt (100 zu 105 ist das natürliche Verhältnis). Auch in den EU-Beitrittskandidaten Albanien, Kosovo und Montenegro ist dieses Phänomen zu beobachten. In Indien führen neben der Geringschätzung der Frauen auch wirtschaftliche Gründe zur massenhaften Abtreibung weiblicher Föten – Mädchen kosten ein hohes Brautgeld und tragen anschließend angeblich nicht mehr zur Versorgung der Eltern bei. In den Balkanländern sind vor allem patriarchalische Vorstellungen dafür verantwortlich. Das zahlenmäßige Ungleichgewicht der Geschlechter hat schon heute gravierende Folgen für die jeweiligen Gesellschaften. Gemäß einer Studie des UNO-Bevölkerungsfonds (UNFPA) werden die "raren" Frauen nicht etwa auf Händen getragen – ganz im Gegenteil: Die gewaltsamen Übergriffe auf Frauen, das Ausmaß von Prostitution und Frauenhandel nehmen drastisch zu. Dies alles wirkt sich auch auf die wirtschaftliche Entwicklung dieser Länder negativ aus.
Unsere "Amnesty-Aktion zum 8. März" greift ein weiteres Problem auf: In den nächsten Wochen wird bei der UNO der endgültige Text für ein internationales Waffenkontrollabkommen ausgehandelt. Amnesty will nochmals Druck machen: Die Formulierungen müssen soweit irgend möglich sicherstellen, dass Waffenlieferungen nicht in Regionen erfolgen, in denen schwere, durch Waffen "begünstigte" Menschenrechtsverletzungen zu befürchten sind. Frauen sind während und nach bewaffneten Konflikten besonders bedroht, denn sexualisierte Gewalt wird vielfach mit vorgehaltener Waffe verübt. Grausige Beispiele liefern derzeit Mexiko und die Demokratische Republik Kongo. "Waffenkontrollabkommen" hört sich bürokratisch an – seine Ausgestaltung ist aber gerade für Frauen in Krisengebieten von eminenter Bedeutung!
Gunda Opfer ist Sprecherin der Themen-Koordinationsgruppe "Menschenrechtsverletzungen an Frauen" der deutschen Sektion von Amnesty International.