Amnesty Journal Kolumbien 28. Januar 2014

"Wir sind ein Störfaktor"

Die Kleinbauern Jesús Zapata und Arley Usuga leben in der Friedensgemeinde San José de Apartadó im Nordwesten ­Kolumbiens.

Ihre Gemeinde kooperiert nicht mit der Guerilla oder Soldaten. Warum werden die Bewohner dennoch angegriffen?
Zapata: San José de Apartadó liegt in einer Region, in der ein bewaffneter Konflikt tobt. Wir sind ein Störfaktor, weil wir seit langem die Menschenrechtsverletzungen öffentlich machen, die von allen Seiten begangen werden. In den 17 Jahren, seit die Friedensgemeinde besteht, wurden 250 Menschen ermordet. Allerdings gehen nur etwa 15 Prozent aller Angriffe auf das Konto der FARC-Guerilla.

Also sind vor allem staatliche Kräfte und paramilitärische Gruppen verantwortlich?
Usuga: Die Paramilitärs werfen uns vor, wir würden die Entwicklung behindern. Sie agieren im Interesse der Großgrund­besitzer und drohen immer wieder, die Gemeinde zu zerstören. Anfang August wurden außerhalb von San José de Apartadó vier Personen von Paramilitärs ermordet. Und die Soldaten nehmen willkürlich Menschen fest, marschieren über unsere Felder, schlagen dort ihre Lager auf und zerstören dabei unsere Saat.

Welches Ziel verfolgt die Armee damit?
Usuga: Den Soldaten ist es egal, ob Zivilisten zu Schaden kommen. Sie hassen uns und behaupten, dass wir mit der Guerilla zusammenarbeiten.

Sie sprechen von paramilitärischen Angriffen. Aber offiziell wurden paramilitärische Gruppen vor zehn Jahren demobilisiert.
Zapata: Die Demobilisierung unter dem ehemaligen Präsidenten Alvaro Uribe war eine Farce. De facto machen diese Gruppen weiter wie zuvor. Sie spielen auch im sozialen, politischen und wirtschaftlichen Leben eine zentrale Rolle. Sie kassieren Geld von Ladenbesitzern oder Viehzüchtern und entscheiden, wer Bürgermeister wird oder den Gemeinderat stellt.

Hat Präsident Santos, der seit 2010 im Amt ist, etwas geändert?
Zapata: Santos führt einen anderen Diskurs, so wie das jede neue Regierung tut. Ansonsten hat sich nichts geändert. Er war unter Uribe Verteidigungsminister, als die meisten Fälle der sogenannten »Falsos Positivos« verübt wurden: Dabei töteten Soldaten Zivilisten und steckten sie in Guerilla-Uniformen, um Erfolge im Kampf gegen die FARC vorzutäuschen.

Agrarunternehmer müssen laut einem neuen Gesetz widerrechtlich angeeignetes Land zurückgeben…
Zapata: Ich glaube nicht, dass die Bauern tatsächlich ihren Boden zurückbekommen. Die neuen Gesetze helfen den multinationalen Konzernen, unser Land zu kaufen, um Bodenschätze abzubauen. Aber wir leben dort, wo diese Bodenschätze lagern. Solange wir nicht weichen, wird das Morden weitergehen.

Die FARC und die Regierung führen derzeit Verhandlungen. ­Würde ein Friedensabkommen Ihre Lage verbessern?
Usuga: Bleiben wir realistisch. In der 50-jährigen Geschichte des Bürgerkriegs wurde viel verhandelt. Alle Abkommen sind gescheitert. Das Problem in Kolumbien ist nicht die Guerilla, sondern die soziale Ungleichheit. Unter diesen Bedingungen kann es keinen erfolgreichen Friedensprozess geben.

Was muss also passieren?
Usuga: Wir brauchen rechtsstaatliche Verhältnisse und einen demokratischen Staat, der seine Bürger respektiert und an dem sich alle beteiligen können.

Fragen: Wolf-Dieter Vogel

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