Amnesty Journal Algerien 28. Januar 2014

Rock aus der Wüste

Die Tuareg-Band Tamikrest aus Mali lebt heute im ­algerischen Exil – und spielt weiterhin gegen ­Islamisten und die Misere der Wüstennomaden an.

Von Daniel Bax

Die Musiker kommen gerade aus Paris, wo sie ihr neues Album vorgestellt haben. Sie haben ihre Instrumente aus dem Band-Bus auf die Bühne verfrachtet, jetzt lümmeln sie im Backstage-Bereich des Clubs, in dem sie am Abend auftreten werden, und daddeln am iPad und Handy, während die Sängerin die Kartusche am Gaskocher wechselt, um darauf einen anständig starken Minztee zu kochen.

Wenn man mal vom Tee absieht, gleicht die Tour-Routine von Tamikrest der jeder anderen Rockband. Nur dass die Region, aus der die Musiker stammen, in den vergangenen Monaten einiges durchgemacht hat: Innerhalb eines knappen Jahres gab es einen Aufstand bewaffneter Tuareg-Rebellen, dann die Machtübernahme durch radikale Islamisten und eine Rückeroberung mit Hilfe französischer Truppen. Knapp 150.000 Menschen flohen vor den Kämpfen in die Nachbarländer. Auch die Mitglieder von Tamikrest, die aus Kidal im Nordosten Malis stammen, leben heute in Algerien im Exil.

»Die Probleme der Tuareg sind die gleichen geblieben«, sagt Ousmane Ag Mossa. Nur eines habe sich durch die französische Intervention geändert: »Als ich angefangen habe, dachte ich: Vielleicht weiß die Welt nichts von unserem Leid. Heute denke ich: Alle Welt weiß, was in der Wüste passiert, die Kameras sind auf uns gerichtet. Aber es gibt noch immer keine angemessene Antwort der internationalen Gemeinschaft.«

Auf die Misere der Tuareg aufmerksam zu machen, ist eines der Anliegen der Band, die sich 2006 zusammengeschlossen und 2009, mithilfe des amerikanischen Gitarristen Chris Eckman, ihr erstes Album aufgenommen hat. Dürren und der politische Wandel haben das ehemals stolze Nomadenvolk in den Ländern der Sahara an den Rand gedrängt, als Söldner und Schmuggler suchen viele ein Auskommen. Auch in Mali hätten sich manche Tuareg den Islamisten angedient, sagt Ousmane Ag Mossa. »Es gibt keine Jobs, die Ökonomie ist zusammengebrochen – da ist die Aussicht, als Fahrer für die Milizen schnelles Geld zu machen, natürlich verlockend.« Doch die Islamisten hätten die Revolte der Tuareg gegen die Regierung in Bamako gekapert und für ihre eigenen Zwecke ausgenutzt, ärgert er sich. »Seit 2003 sind sie in der Wüste und versuchen, die Tuareg zu manipulieren«, sagt er. »Leider ist ihr Plan aufgegangen.« Als aber die ersten französischen Bomben fielen, hätten sich die Islamisten in alle Winde zerstreut und die Bevölkerung im Stich gelassen.

Das neue Album von Tamikrest heißt »Chatma«, was auf Tamashek »Schwestern« bedeutet. Aufgenommen in Prag, atmet »Chatma« die unendliche Weite der Wüste: Rockig, bluesig, mit psychedelischen Dub-Echos, suggestiven Gitarrenklängen und kernigen Funk-Riffs angereichert, kreisen die Lieder um das Los ihres Volkes. Im Opener heißt es: »Wer kann das Leid in der Seele nachempfinden / von einem, der seine Schwestern vom Warten erschöpft sieht / vom Warten zwischen den Ländern / in tiefer Not und täglicher Unterdrückung.« Gerade alte Leute, Frauen und Kinder hätten nach der französischen Intervention am meisten gelitten, klagt Ousmane Ag Mossa, denn Malis Armee habe anschließend die lokale Bevölkerung schikaniert. »Wer nur einen Bart, ein traditionelles Gewand oder einen Turban trug, wurde umgebracht«, empört er sich. Und er schließt bitter: »Es gibt zwei Arten von Terroristen: Die einen benutzen den Islam, die andere beschwören die nationale Einheit von Mali. Die Bevölkerung aber leidet unter beiden.«

Tamikrest: Chatma (Glitterbeat / Indigo)

Mehr dazu