Amnesty Journal 26. November 2013

Der Comic meint es ernst

Krieg in der Idylle. Szene aus den "Reportagen" von Joe Sacco.

Krieg in der Idylle. Szene aus den "Reportagen" von Joe Sacco.

Mit Marjane Satrapis "Persepolis" fing der Boom der Graphic Novel in Deutschland an: Seither interessieren sich auch Menschen außerhalb der Comic-Szene für die ­gezeichneten Bücher. Auffallend viele Graphic Novels, die in den vergangenen ­Jahren erschienen sind, behandeln politische Themen.

Von Wera Reusch

Ein Artikel im Schweizer Amnesty Magazin war für die französische Zeichnerin Peggy Adam der Auslöser für ihr Buch "Luchadoras". Das Magazin hatte über die Frauenmorde in der mexikanischen Grenzstadt Ciudad Juárez berichtet. Dort wurden seit 1993 Hunderte junger Frauen vergewaltigt, verstümmelt und ermordet. Zahllose weitere Frauen sind spurlos verschwunden. Die Frauenmorde in Ciudad Juárez haben für internationale Schlagzeilen gesorgt, die mexikanischen Behörden zeigen jedoch bis heute kein Interesse daran, die Täter ausfindig zu machen und zu bestrafen.

Vor diesem realen Hintergrund erzählt Peggy Adam in "Luchadoras" die fiktive Geschichte von Alma. Die junge Frau mit dem Totenkopf-Tattoo auf dem Oberarm wirkt selbstbewusst. Sie jobbt in einer Bar in Ciudad Juárez und trägt ein Messer bei sich, denn sie will nicht "wie all die anderen Mädchen im Straßengraben enden". Doch auch Alma kann der Frauenverachtung und Gewalt nicht entkommen: Ihr Freund ist Mitglied einer Gang, krankhaft eifersüchtig und brutal. Ihre kleine Tochter stößt beim Spielen auf eine verstümmelte Leiche und Alma erlebt aus nächster Nähe, wie junge Frauen auf dem Weg zur Arbeit in die Weltmarktfabriken verschleppt werden und tot in der Wüste enden. "Luchadoras" wirft ein gnadenloses Bild auf eine Gesellschaft, die von Machismo und Gewalt durchdrungen ist: Ob Lebensgefährte oder Polizist, Barbesucher, Vorarbeiter oder Busfahrer – wenn es darum geht, Frauen zu demütigen, stehen sich alle in nichts nach.

Peggy Adams schlichte Zeichnungen mit ihren starken Schwarz-Weiß-Kontrasten erzeugen eine ausweglose, bedrückende Stimmung. Nur ein einziges Mal kommt Hoffnung auf, als Alma einen jungen französischen Touristen kennenlernt und einen Ausbruchversuch wagt. Doch verzichtet die Autorin auf ein Happy End – der junge Mann macht in Mexiko viele schöne Fotos und fliegt dann nach Europa zurück. Peggy Adams ist mit "Luchadoras" ein eindrucksvolles Buch und ein starkes Plädoyer gegen Gewalt an Frauen gelungen. Politische Themen anhand fiktiver Geschichten zu verarbeiten, hat in Romanen und Filmen eine lange Tradition. Im Vergleich dazu ist die Graphic Novel eine junge Kunstform. Die gezeichneten Bücher erfreuen sich vor allem bei der Generation großer Beliebtheit, die überwiegend mit visuellen Medien aufgewachsen ist.

Durch die enge Verbindung von Text und Bild wirken Graphic Novels auf verschiedenen Ebenen. Sie können komplexe Inhalte verdichten, aber auch einen leichteren Zugang zu schwierigen Themen schaffen. Oft kann die Bildsprache weiterhelfen, wo Sprache an ihre Grenzen stößt. So fliegen bei Peggy Adam mehrfach Eulen durch die nächtliche Wüste – als Zeugen von Gewalttaten, die nicht näher ausgeführt werden.

Aufgrund ihres im Wortsinn "aufzeichnenden" Charakters ist die Graphic Novel auch ideal für Reportagen. Und so verwundert es nicht, dass in den vergangenen Jahren zahlreiche Bücher erschienen sind, die politische Entwicklungen in Bildgeschichten dokumentieren. Als Beispiele seien Joe Saccos Reportagen aus Bosnien, Palästina und anderen Ländern genannt, die Berichte des italienischen Zeichners Igort aus der Ukraine und Russland (Amnesty Journal 4/5-2013) oder die Aufzeichnungen des kanadischen Autors Guy Delisle aus China, Nordkorea und Birma (Amnesty Journal 8/2009). Auf aktuelle Ereignisse bezieht sich auch die Gerichtsreportage von Wiktoria Lomasko und Anton Nikolajew, die den Prozess um die Moskauer Ausstellung "Verbotene Kunst" schildert (Amnesty Journal 8/9-2013).

Eine der größten Stärken der Graphic Novel ist ihr subjektiver, "handgemachter" Charakter, der sich aus dem individuellen Zeichenstil des Autors ergibt. Diese persönliche Handschrift kommt ganz besonders zum Tragen, wenn Zeichner ihre eigene Biografie reflektieren und politische Ereignisse mit privatem ­Erleben verbinden. "Persepolis" – Marjane Satrapis 2004 auf Deutsch erschienenes Meisterwerk über ihre Kindheit und Jugend im Iran des Ayatollah Chomeini ist da an erster Stelle zu nennen. Der vor kurzem veröffentlichte Band "Das Spiel der Schwalben" der libanesischen Künstlerin Zeina Abirached über die Zeit des Bürgerkriegs in Beirut steht dem jedoch in nichts nach (Amnesty Journal 10/11-2013).

Auch "Ein iranischer Albtraum" von Mana Neyestani hat ­einen autobiografischen Hintergrund. Der Karikaturist erzählt darin eine unglaubliche, aber wahre Geschichte: Sie beginnt damit, dass Neyestani im Sommer 2006 einen harmlosen Comic für die Kinderseite einer iranischen Zeitung zeichnet. Darauf ist ein kleiner Junge zu sehen, der sich mit einer Kakerlake unterhält. "Namana?" fragt die Kakerlake, was so viel heißt wie "Hä?". Der Zeichner ahnt nicht, dass er damit politische Proteste von Angehörigen der aserbaidschanischen Minderheit im Iran auslöst. Da das Wort "Namana" ursprünglich aus ihrer Sprache stammt, vermuten sie, die Zeitung habe sie als Kakerlaken diffamieren wollen.

Die "Comic-Affäre" forderte 2006 etliche Opfer. Im Nordwesten des Landes, wo vor allem Aserbaidschaner leben, kam es wegen der Zeichnungen zu Demonstrationen. Nach Informationen von Amnesty International nahmen die Sicherheitskräfte Hunderte, wenn nicht Tausende Menschen in Haft und waren für zahlreiche Todesfälle verantwortlich.

Die iranischen Behörden inhaftierten auch den Zeichner der Kakerlake. In "Ein iranischer Albtraum" hat Neyestani seine Erlebnisse im Teheraner Evin-Gefängnis künstlerisch verarbeitet. In fein schraffierten Schwarz-Weiß-Zeichnungen schildert er Tage in Einzelhaft und Verhöre, Erlebnisse mit Mitgefangenen, Korruption, Gewalt und Drogenhandel. Mit dem geübten Strich des Karikaturisten schafft er typische Figuren, die an ihrem grimmigen Gesicht, ihren abstehenden Ohren oder ihrem hinterlistigen Grinsen leicht wiederzuerkennen sind. Neyestani, der mit seiner Nickelbrille wie ein großer Junge aussieht, gerät im Laufe der Geschichte vom Regen in die Traufe. Doch trotz aller Tragik behält der Zeichner seine feine Ironie.

Als er die Hoffnung auf Freilassung schon fast aufgegeben hat, wird ihm Hafturlaub gewährt. Er nutzt die Gelegenheit und verlässt gemeinsam mit seiner Frau den Iran. Doch der Albtraum ist damit nicht vorbei: Als Flüchtlinge, die keiner haben will, irren die beiden durch die Welt. Im Epilog schildert Mana Neyestani, dass er schließlich von "Reporter ohne Grenzen" unterstützt wurde und seit 2011 in Paris lebt. "Ein iranischer Albtraum" ist nicht nur ein brillantes Buch, sondern auch ein weiterer Beweis dafür, welch starke politische Aussagekraft eine gute Graphic Novel entwickeln kann.

Peggy Adam: Luchadoras. Aus dem Französischen von Volker Zimmermann. Avant-Verlag, Berlin 2013, 96 Seiten, 17,95 Euro.

Mana Neyestani: Ein iranischer Albtraum. Aus dem Französischen von Marin Aeschbach und Wolfgang Bortlik. ­Edition Moderne, Zürich 2013, 200 Seiten, 24 Euro.

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