Amnesty Journal 28. November 2013

Dein Brief kann Leben retten

Fast zwei Millionen Appellschreiben wurden im vergangenen Jahr verschickt

Fast zwei Millionen Appellschreiben wurden im vergangenen Jahr verschickt

Rund um den Internationalen Tag der Menschenrechte am 10. Dezember ruft Amnesty dazu auf, sich beim weltweiten Briefmarathon für die Opfer von Menschenrechtsverletzungen einzusetzen.

Von Daniel Kreuz

Alles begann mit einem jungen Mann, der von einer schönen jungen Frau angetan war – die eine tolle Idee hatte. Witek Heba­nowski war Koordinator einer Amnesty-Gruppe in Warschau. Ende 2001 betreute er einen Stand auf einem Festival, als eine Frau namens Joanna auf ihn zukam. Sie erzählte ihm, dass sie kürzlich in einem afrikanischen Land gewesen sei, wo Gruppen während eines 24-stündigen Marathons Protestschreiben an die Regierung geschickt hätten.

Witek wollte Joanna unbedingt wiedersehen. Also lud er sie spontan zu einem Treffen seiner Amnesty-Gruppe ein. Dabei beschlossen die Gruppenmitglieder, sich 24 Stunden lang an den "Urgent Actions", den Eilaktionen von Amnesty, zu beteiligen und Appelle für Menschen in Gefahr zu schreiben – von Samstagmittag bis Sonntagmittag. Anschließend zählten sie die Appelle und schickten sie ab. Sie informierten andere Amnesty-Gruppen über die Aktion, erst in Polen, dann weltweit. Ihre Idee verbreitete sich rasant. Menschen schickten Fotos von sich, wie sie Appelle unterschrieben, erst aus ganz Polen, später auch von den Niagara-Fällen und aus Japan.

Wer nun hofft, dass Witek und Joanna heute ein Paar sind, der muss leider enttäuscht werden. Sie sind es nicht. Aber ihre Idee lebt fort und war die Geburtsstunde des Amnesty-Briefmarathons, der in den folgenden Jahren immer bekannter wurde und heute die weltweit größte Briefaktion für Menschen in Gefahr ist.

Seit jenem Dezember 2001 haben Witek, Joanna und die anderen Mitglieder der Warschauer Amnesty-Gruppe Millionen Menschen dazu inspiriert, Appelle an eine Regierung in einem fremden Land zu schreiben, um sich für Menschen einzusetzen, die sie niemals getroffen haben – aber deren Schicksal ihnen am Herzen liegt. In einigen Ländern folgen die Amnesty-Sektionen dem polnischen Vorbild und rufen zum Briefeschreiben innerhalb von 24 Stunden auf, in anderen Ländern, wie zum Beispiel in Deutschland, dauert der Briefmarathon mehrere Tage.

Im vergangenen Jahr wurden weltweit fast zwei Millionen Appellschreiben für Menschen in Gefahr verschickt – ein neuer Rekord. In insgesamt 80 Ländern in fast allen Teilen der Welt setzten sich Mitglieder und Unterstützer von Amnesty mit viel Engagement für die insgesamt zwölf Einzelfälle ein und machten mit kreativen Aktionen auf den Briefmarathon aufmerksam. Von Barbados bis Bulgarien, von Marokko bis zur Mongolei und von Nepal bis Neuseeland schrieben sie Briefe, E-Mails und Faxe, um die Freilassung einer Menschenrechtsanwältin im Iran, das Ende der Unterdrückung einer sudanesischen Studierendengruppe oder das Recht auf Wohnen für Roma in Rumänien zu fordern.

Der große internationale Druck zeigt oft Wirkung. So auch im vergangenen Jahr: Am 12. Januar 2013, nur wenige Wochen nach dem Ende des Briefmarathons, durfte der inhaftierte chinesische Anwalt Gao Zisheng zum ersten Mal seit neun Monaten wieder Besuch empfangen. Seine Ehefrau Geng He schrieb an Amnesty:

"Es ist nur eine kleine Verbesserung, aber sie wäre ohne das Interesse der internationalen Gemeinschaft und den Einsatz und die Unterstützung der Mitglieder von Amnesty nicht möglich gewesen. Dafür sind meine Familie und ich sehr dankbar. Ich hoffe, Amnesty International wird sich weiter für meinen Mann einsetzen, sodass immer mehr Menschen von seinem Schicksal erfahren, bis er wieder in Freiheit ist."

Mit dem Briefmarathon sollen nicht nur Regierungen unter Druck gesetzt werden, es geht auch darum, Opfern von Menschenrechtsverletzungen und ihren Angehörigen ein Zeichen der Solidarität zu senden. So wie Ana Montilla, die Frau des Menschenrechtlers Juan Herrera aus der Dominikanischen Republik, der seit 2009 verschwunden ist. Sie bedankte sich bei Amnesty mit den Worten:

"All die Karten und Grüße waren das schönste Weihnachtsgeschenk, seitdem ich meinen Mann Juan vor drei Jahren verloren habe. Vielen Dank, dass ihr Juan nicht vergesst und ihn in der ganzen Welt bekannt macht. Ich möchte allen danken, die sich Zeit dafür genommen haben und die an meinem Schmerz Anteil nehmen."

Auch Rosa Franco aus Guatemala erlebte 2012 dank der So­lidaritätsbotschaften ein schöneres Weihnachtsfest als sonst. "Ich war zu Hause und gerade dabei, den Weihnachtsbaum zu schmücken und das Essen vorzubereiten, als ich jemanden an der Tür klingeln hörte. Es war der Postbote mit einer Kiste voller Briefe. Ich habe so viel Unterstützung erhalten, die mich mit neuer Kraft erfüllt hat", sagte Rosa Franco. Weihnachten ist für sie eine schwierige Zeit. Dann wird Rosa daran erinnert, was ihrer Familie 2001 widerfuhr, als ihre Tochter Maria Isabel tot aufgefunden wurde, ihr Körper wie Müll abgeladen auf den Straßen von Guatemala-Stadt. Mehr als zehn Jahre später ist noch immer nicht bekannt, wer die 15-Jährige ermordet hat. Obwohl Rosa zahllose Drohungen erhielt, versuchte sie zu erwirken, dass das Verbrechen ordnungsgemäß untersucht wird. Die Ermittlungen kamen jedoch nicht voran. Amnesty arbeitete mit Rosa und ihrer Familie zusammen, um sicherzustellen, dass ihrer Tochter Gerechtigkeit widerfährt. "Meine Familie und ich sind überrascht, dass sich so viele Menschen auf der Welt für Maria Isabel einsetzen, während sich hier niemand um Morde an Frauen schert", sagte Rosa. Sie bereitet sich darauf vor, vor dem Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte über den Mord an ihrer Tochter auszusagen.

Auf der anderen Seite der Welt, in Belarus, war der Menschenrechtsverteidiger Ales Bialiatski zwar daran gewöhnt, in seiner Gefängniszelle einige Briefe zu erhalten. Aber im Dezember 2012 passierte etwas Außergewöhnliches:

"Ich wurde von einer Lawine von Briefen und Postkarten, Glückwünschen und Solidaritätsbekundungen überrascht. Ich bin all den Menschen, die mir schreiben, sehr dankbar. In jedem der Briefe kann man die nationale Herkunft derer herauslesen, die sie schickten. Was all diese Briefe verbindet, ist ihre Sympathie und ihr Mitgefühl."

Der Autor ist freier Journalist in Berlin.

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