Amnesty Journal Afrika 28. November 2013

Das Gold der Armen

Jeder von uns erzeugt 20 Kilo Elektroschrott pro Jahr.

Jeder von uns erzeugt 20 Kilo Elektroschrott pro Jahr.

Elektroschrott aus Europa wird oft illegal in Entwicklungsländer wie Ghana verschifft. Dort zerlegen die Ärmsten Monitore, Computer und Handys, um Altmetalle zu ­gewinnen und riskieren dabei ihre Gesundheit.

Von Kurt Stukenberg

Dichter dunkler Rauch liegt über Agbogblo­shie, einem Slum in Ghanas Hauptstadt Accra. Er kommt von Dutzenden kleinen Feuern, die ­zumeist Kinder und Jugendliche mit Schaum­stoffresten am Laufen halten. Wie große Marshmallows grillen sie an Stangen befestigte Kabelbündel über den Flammen. Sie fackeln die Kunststoffisolierungen ab, um an das wertvolle Kupfer zu gelangen – das auch Gold der Armen genannt wird. Der Boden ringsum ist pechschwarz, überall türmen sich mannshohe Abfallberge. Bilder wie diese, die Greenpeace vor ein paar Jahren in Ghana machte, zeigen die Kehrseite der strahlenden Technikwelt, die uns Elektronikkonzerne hierzulande präsentieren.

Denn die Kabel, Platinen und Monitore, die in Agbogbloshie über den Feuern geschwenkt werden, stammen fast ausschließlich aus Europa. Als Gebrauchtware deklariert erreichen jährlich schätzungsweise 7.000 Container Elektroschrott Tema, den größten Tiefseehafen Westafrikas, und werden dann weitertransportiert. Accra ist einer der Hotspots der europäischen Elektroschrott-Verwertung. Mit dem Ausschlachten alter Geräte bestreiten allein in der Hauptstadt rund 20.000 Menschen ihre kärgliche Lebensgrundlage.

Durchschnittlich 18 Monate nach dem Kauf ist ein Handy in den westlichen Industrienationen schon wieder aus der Mode, ein neues muss her. Jeder von uns erzeugt 20 Kilo Elektroschrott pro Jahr – Bildschirme, Computer, Drucker und Kühlschränke. So kommen weltweit jährlich 50 Millionen Tonnen zusammen, schätzen die Vereinten Nationen. Laut europäischer Umweltbehörde wächst die Menge an Elektroschrott rund dreimal schneller als jede andere Abfallart. Zwei Drittel davon werden in Entwicklungsländer wie Ghana verschifft und dort ausgeschlachtet.

40 Prozent derjenigen, die in Agbogbloshie Kupfer und andere Metalle aus dem Elektromüll brennen, sind Kinder. Einige von ihnen sind gerade einmal fünf Jahre alt. Bis zu zwölf Stunden am Tag atmen sie die giftigen Dämpfe der brennenden Kabelhaufen ein, die halogenhaltige Flammschutzmittel enthalten und Dioxine und Furane freisetzen. Beim Aufbrechen von Röhrenmonitoren mit Steinen, Brecheisen und den bloßen Händen treten außerdem gefährlicher Kadmiumstaub, Blei und andere Schadstoffe aus. 2008 nahmen Wissenschaftler von Greenpeace in Agbogbloshie Boden- und Ascheproben und ermittelten Werte an giftigen Substanzen, die hundertfach über einem gesundheitsverträglichen Maß lagen – Nierenschäden, Lungenkrebs, Unfruchtbarkeit, Entwicklungsstörungen im Gehirn von Kindern und Erkrankungen des Nerven- und Blutkreislaufsystems können die langfristigen Folgen sein.

Für ihre gefährliche Arbeit erhalten die Kupfersammler meist nicht mehr als anderthalb Dollar am Tag, laut UNO-Definition leben sie damit an der Schwelle zur extremen Armut. Die meisten Kinder, die tagsüber Elektroschrott verbrennen, leben auch in dem Slum, dessen behelfsmäßige Hütten sich am Rande der Müllberge gruppieren. Rund 40.000 Menschen leben in Agbogbloshie. Viele von ihnen stammen aus dem verarmten Norden des Landes und kamen auf der Suche nach einem besseren Leben in die Hauptstadt. Umgeben von giftigen Chemikalien und einer Wüste aus Schrott en­deten sie stattdessen als Ausputzer der westlichen Konsumgesellschaft.

Dabei verbietet das 1992 in Kraft getretene Basler Übereinkommen die grenzüberschreitende Verschiebung von Elektroschrott von Industrieländern in Entwicklungsländer. Bis heute sind dem internationalen Regelwerk 176 Länder beigetreten, darunter die Europäische Union. Die Händler und Importeure berufen sich darauf, dass die prall gefüllten Container Gebrauchtware enthielten, die vor Ort repariert und verkauft werden soll – doch wirklich überprüfen kann das niemand.

Einzig die Schrottberge am Rande Accras und die dichten schwarzen Rauchwolken, die über die verbrannte Erde von Agbogbloshie ziehen, geben einen Hinweis darauf, was mit einem Großteil der vermeintlichen Gebrauchtware tatsächlich passiert.

Kurt Stukenberg ist Redakteur beim »Greenpeace Magazin« in Hamburg.

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