Amnesty Journal Katar 26. November 2013

Auf Sand gebaut

Der Lohn kommt spät oder gar nicht. Fensterputzer in Doha, Katar.

Der Lohn kommt spät oder gar nicht. Fensterputzer in Doha, Katar.

Wolkenkratzer, Shopping Malls und künstliche Inseln: In dem kleinen Golfstaat Katar ist eine architektonische Glitzerwelt entstanden. Doch der Luxus hat dunkle Seiten, wie ein neuer Bericht von Amnesty International zeigt: Gast­arbeiter werden unmenschlich behandelt.

Von Selene Mariani

Der Herrscherfamilie geht es ums Prestige: Mit der Fußball-WM 2022 will das kleine Katar die Welt beeindrucken. Im Eiltempo stampft der Golfstaat futuristische Stadien und luxuriöse Hotels aus dem Wüstenboden. Doch Glanz und Elend liegen auf der arabischen Halbinsel nahe beisammen: Auf den riesigen Baustellen schuften fast ausschließlich Gastarbeiter – unter katastrophalen Bedingungen. Das dokumentiert ein neuer Bericht von Amnesty International.

Seinen Aufstieg verdankt Katar nicht nur Öl und Gas, sondern auch einem Heer von Migranten: In Katar, einem der reichs­ten Länder der Welt, leben gerade einmal 230.000 Einheimische. Mehr als 1,3 Millionen Gastarbeiter schuften in Katar, das sind 94 Prozent aller Arbeiternehmer. Sie stammen aus Nepal, Indien und Pa­kistan, aus Sri Lanka, Bangladesch und den Philippinen. Sie kommen in den reichen Golfstaat, weil sie von einem besseren Leben träumen. Doch ihre Hoffnungen sind meist auf Sand gebaut. Kaum haben sie katarischen Boden betreten, wird ihnen jeglicher Besitz abgenommen: Mobiltelefone, sogar der Personalausweis. Den bekämen sie später zurück, wird ihnen versichert – das erste leere Versprechen. Weitere folgen: Nach kurzer Zeit ist klar, dass die Arbeitsbedingungen nicht dem entsprechen, was ihnen zuvor versprochen wurde. Auf den Baustellen wird von früh bis spät gearbeitet, an sechs Tagen in der Woche und bei einer gnadenlosen Hitze von bis zu 50 Grad. Die Unterbringung ist meist inakzeptabel: Es gibt keine Elektrizität, selten Zugang zu sauberem Trinkwasser und keine angemessenen sanitären Anlagen.

Viele Gastarbeiter bekommen ihren Lohn erst mit monatelanger Verspätung oder gar nicht. Viele von ihnen würden gerne direkt wieder nach Hause fahren. Doch es gibt kein Zurück, denn die Arbeitgeber, »Sponsoren« genannt, haben die volle Kontrolle. Das katarische »Arbeitsrecht« ermöglicht es Arbeitgebern, Migranten zur Arbeit zu zwingen und sie daran zu hindern, das Land zu verlassen. Außerdem versäumen es die Arbeitgeber häufig, die notwendigen Papiere für ihre Arbeiter nach der Einreise zu besorgen oder die Papiere pünktlich zu verlängern. Damit rutschen die Migranten unverschuldet in die Illegalität.

Viele Arbeitsmigranten fliehen. Werden sie gefasst, drohen ihnen Haft, hohe Geldstrafen und Deportation. Wenn sie es schaffen, zu ihren Familien zurückzukehren, geht der Albtraum weiter – denn nach Monaten ohne Bezahlung sind sie zumeist hoch verschuldet.

Amnesty fordert die Regierung von Katar auf, sich für die Beschäftigten einzusetzen und Regelungen einzuführen, um Missbrauch, Erpressung und Formen der Zwangsarbeit künftig auszuschließen. Verstöße müssen sofort gemeldet werden. Zudem appelliert Amnesty an die Regierungen der Herkunftsstaaten, ausreisewillige Arbeiter besser zu informieren und gegen Agenturen und deren falsche Versprechungen zu schützen.

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