Amnesty Journal Bangladesch 24. Juli 2013

Erst die Moral, dann die Mode

Textilunternehmen in Bangladesch haben fundamentale Sicherheitsbestimmungen missachtet, um billiger produzieren zu können. Die Folgen sind katastrophal. Nun haben NGOs, Gewerkschaften und Parteien in Bangladesch ein ­Abkommen geschlossen, das solche Unglücke künftig ­verhindern soll. Auch westliche Konzerne wollen sich ­daran beteiligen.

Von Bernhard Hertlein

»Vor elf Jahren haben die Gewerkschaften mit der Regierung und den Unternehmern vereinbart, dass gemeinsame Komitees über die Einhaltung der Sicherheitsvorschriften in den Textilfabriken wachen«, sagte Sara Hossain, eine bekannte Rechtsanwältin und Menschenrechtsverteidigerin aus Bangladesch. Das war am 25. November 2012, einen Tag nach dem schweren Brand in der Tazreen-Textilfabrik bei Dhaka, bei dem mindestens 117 Menschen starben und mehr als 200 verletzt wurden. »Aber jetzt muss endlich etwas geschehen.« Tazreen soll unter anderem den Discounter KiK sowie C&A beliefert haben – Namen, die ebenso wie der des weltweit größten Einzelhandelskonzerns Walmart fünf Monate später wieder genannt wurden: Ende April geschah ein noch größeres Unglück im Dhakaer Stadtteil Savar. Beim Einsturz des achtstöckigen Geschäfts- und Fabrikgebäudes Rana Plaza starben mindestens 1.127 Menschen. Mehr als 2.500 wurden verletzt.

Die bislang weltweit größte Katastrophe in der Geschichte der Textilindustrie hat unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen. Vor Ort bemühten sich neben den Rettungsdiensten Tausende freiwillige Helfer tagelang mit teilweise einfachsten Hilfsmitteln, die Trümmer beiseite zu räumen. Erschütternde Bilder gingen um die Welt und lösten in und außerhalb Bangladeschs eine große Spendenbereitschaft aus. Dem schlossen sich, nach einigen Tagen Verzögerung, auch einige Textilbetriebe an, die im Rana Plaza hatten produzieren lassen. Peinlich war allerdings das Auftreten des deutschen Discounters, der erklärte, schon lange keine Ware mehr aus der Unglücksfabrik bezogen zu haben – bis Rettungskräfte vor Ort ein T-Shirt aus der aktuellen Kollektion von KiK in die Kamera hielten.

Der Besitzer des Rana Plaza hatte sich nicht nur das Gelände illegal angeeignet, sondern auch die Bauvorschriften missachtet. Unmittelbar nach der Katastrophe tauchte er ab, vermutlich mit Unterstützung einflussreicher Politiker der Regierungspartei »Awami League«, zu deren Unterstützern er gehört. In der Öffentlichkeit wurden seine Verhaftung und die Todesstrafe gefordert – ein Reflex, der in Südasien leider bei jedem großen Unrecht oder Verbrechen auftritt. Wenige Tage nach seiner Flucht wurde der ­Eigentümer in der Nähe der indischen Grenze verhaftet. Ebenso erging es einigen Textilfabrikanten, die ihre Arbeiterinnen und Arbeiter trotz behördlichen Verbots am Tag der Katastrophe gezwungen hatten, in dem baufälligen Gebäude zu nähen.

Die Katastrophe ereignete sich zu Beginn des Wahlkampfs, bei dem sich Regierung und oppositionelle Islamisten gegenüberstanden. Gleichwohl wurden erste Maßnahmen für einen besseren Gebäudeschutz eingeleitet. Dabei herrschte weitgehende Einigkeit, dass die gesetzlichen Grundlagen ausreichten. Was bislang fehlte, war der Wille, diese zu befolgen und zu kontrollieren.

Die Stimmung war äußerst angespannt, und kurze Zeit schien es, als ob die Demonstrationen nach dem Unglück in Gewalt umschlagen und so das eigentliche Thema in den Hintergrund drängen würden. Doch dann setzten sich Nichtregierungsorganisationen, die die Proteste mit organisiert hatten, mit ihren Forderungen durch. Behörden, Gewerkschaften und Unternehmen waren nun bereit, Sicherungsmechanismen festzuschreiben und gemeinsam zu überwachen. Dazu gehört nicht nur, dass Notausgänge ausgewiesen und Feuerlöscher bereitgestellt werden müssen. Es müssen auch Rettungskräfte für den Notfall geschult werden. Etwa drei Wochen nach der Katastrophe schloss die Regierung 18 Betriebe wegen unzureichenden Gebäudeschutzes.

Etwa gleichzeitig setzten in Europa mehr als 30 große Textilunternehmen, darunter H&M, Zara, Primark, Aldi, Otto, S. Oliver und sogar KiK, ihre Unterschriften unter einen von der Kampagne für Saubere Kleidung (Clean Clothes Campaign – CCC) und der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) ausgehandelten Vertrag, der sie verpflichtet, Lieferverträge mit Bangladesch von ausreichenden Sicherheitsstandards abhängig zu machen. Die Unternehmen, deren Zahl bald auf 470 anstieg, erklärten sich bereit, Investitionen in Gebäudesicherheit zu unterstützen. Obwohl nicht ganz klar ist, ob und welche Sanktionen bei Nichteinhaltung des Vertrags drohen, und obwohl sich die beiden US-Konzerne Walmart und GAP nicht daran beteiligten, ist das Abkommen ein wichtiger Schritt. Es macht klar, dass sich westliche Konzerne nicht aus der Verantwortung stehlen können, wenn sie ihre Lieferanten in Asien zwingen, immer billiger zu produzieren. Und der Vertrag bewahrt Bangladesch davor, so stigmatisiert zu werden, dass westliche Verbraucher keine Kleidung mehr kaufen wollen, die dort produziert wurde. Schließlich wäre ein Käuferboykott verheerend – nicht nur für die Unternehmen. Die Textilindustrie ist die große Chance für das Land, die Armut zu überwinden und wirtschaftlich aufzusteigen. Mehr als zehn Prozent des Bruttosozialprodukts werden in der Textilindustrie erzielt. 80 Prozent der etwa 3,5 Millionen Beschäftigten sind Frauen. Diese Entwicklung hat das Land verändert. Obwohl die Löhne, monatlich ab etwa 35 Euro, nicht eben üppig sind, haben sie vielen jungen Frauen geholfen, ökonomisch unabhängiger zu werden.

Doch selbst wenn die Produktionsstätten sicherer werden, so sind längst nicht alle menschenrechtlichen Probleme in der Textilindustrie des Landes gelöst. Fair sind die Arbeitsbedingungen erst, wenn Betriebsräte und Gewerkschaften nicht mehr behindert werden, wenn sexuelle Übergriffe durch Vorgesetzte ausgeschlossen sind, wenn ein Mindestmaß an Kündigungsschutz garantiert ist und wenn auskömmliche Löhne pünktlich und regelmäßig ausgezahlt werden. Darauf haben auch die Verbraucher im Westen einen gewissen Einfluss. Man kann beim Kauf eines Kleidungsstücks nachfragen, unter welchen Bedingungen es produziert worden ist. Oder man kann sich an »Urgent Actions« von Amnesty International beteiligen, wenn ein Gewerkschafter oder ein Anwalt in Bangladesch zu Unrecht inhaftiert wurden.

Nach der Katastrophe gingen viele Fotos um die Welt. Auf ­einem ist eine junge Mutter mit ihrem schlafenden Baby zu sehen. Der Vater kam beim Einsturz des Rana Plaza ums Leben. Nun muss die Mutter allein sehen, wie sie mit ihrem Säugling durchkommt. Das ist nicht leicht in einem Land wie Bangladesch. Doch sie ist optimistisch. Alif, der Name, den sie ihrem Mädchen gab, ist der erste Buchstabe des arabischen Alphabets. Mit Alif soll eine neue Zeit beginnen.

Der Autor ist Sprecher der Bangladesch-Ländergruppe der deutschen Amnesty-Sektion.

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