Amnesty Journal Frankreich 28. Mai 2013

Krieger sehen dich an

»Die französische Kunst des Krieges« von Alexis Jenni ist ein literarisches Meisterwerk. Auch in der urbanen Gegenwart Frankreichs leben die Folgen der Kolonialkriege fort.

Von Maik Söhler

Einer der besten Romane des Jahres 2012 ist einem französischen Naturwissenschaftler gelungen. Dabei bildet die Natur in »Die französische Kunst des Krieges« von Alexis Jenni nur eine Randerscheinung, sie zeigt sich allenfalls als Natur des Krieges. Als solche aber tritt sie zweifach auf: einerseits als historisches Gesicht unter Stahlhelmen und Baretten in der Uniform französischer Soldaten und Fremdenlegionäre in Indochina und Algerien und andererseits mit ihrem aktuellen Antlitz.

Die französischen Kolonialkriege des 20. Jahrhunderts sind auch 50 Jahre später nicht verschwunden. Die Verbrechen, die Personen, die Erfahrungen und Erinnerungen sind noch immer präsent – davon erzählt Jenni wieder und wieder auf mehr als 700 Seiten. Sie begegnen seinem namenlosen Protagonisten täglich in den Metropolen Frankreichs – als Teil der Architektur, im Straßenbild und im Kinderspiel, als Polizeistrategie, Protestaktion, gesellschaftlicher Verdacht und rassistischer Diskurs. Und nicht zuletzt als Angst vor der Wiederkehr einer »Zeit, als Französisch von einem Ende der Welt bis ans andere die internationale Sprache des Verhörs war«.

Victorien Salagnon heißt der ehemalige Soldat, der dem Ich-Erzähler des Romans das Malen mit Tusche beibringt und dabei aus seinem Leben erzählt. Lange bevor die US-Armee in Vietnam scheiterte, versuchten sich internationale Söldner unter französischem Kommando an der Kontrolle des Landes zwischen Saigon und Hanoi. Von unfassbaren Gemetzeln auch an der Zivilbevölkerung berichtet Salagnon und davon, wie Korpsgeist, Erschöpfung und Angst die Söldner von Tag zu Tag mehr abstumpfen ließen. Als die Kämpfe in Vietnam immer häufiger verlorengingen, fanden sich große Teile der Eliteeinheiten in Algerien wieder, um dort den Aufstand gegen die Kolonialmacht niederzuschlagen.

Dabei starben allein in Algier mehr als 20.000 Menschen. Staatlich angeordnete Entführungen, die einem Plan zur Ausrottung des Widerstands folgten, gehörten ebenso zum militärischen Alltag wie Folter. Auch dieser Krieg ging für Frankreich nicht gut aus; Hunderttausende Algerien-Franzosen verließen das Land. Mit ihnen und den heimkehrenden Soldaten veränderte sich auch Frankreich, eine Festungsmentalität kehrte ein, in der sich Folterer und Massenmörder schützten und systematisch Angst vor muslimischer Einwanderung schürten.

Die Werte der französischen Revolution – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – müssen teilweise dem neuen Diskurs um Sicherheit und Identität weichen. »Die wahre Kriegsmaschine ist der Mensch«, heißt es in einer Passage über den französischen Indochina-Krieg. Nicht nur angesichts des aktuellen Einsatzes französischer Truppen in Mali, sondern auch im postkolonialen Alltag Frankreichs hat dieser Satz Jennis Bestand.

Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges. Aus dem Französischen von Uli Wittmann. Luchterhand, München 2012. 768 Seiten, 24,99 Euro.

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