Innere Stimme
Autonomie für Tibet wünscht sich die Sängerin Soname Yangchen, die in den Medien als "Stimme Tibets" gehandelt wird. Ihr Erfolg war nur in der Diaspora möglich.
Von Daniel Bax
Ich glaube, dass viele Leute nicht wegen mir zu meinen Konzerten kommen", sagt Soname Yangchen. "Sie wollen Tibet unterstützen oder verehren den Dalai Lama." Was aus dem Mund einer anderen Person resigniert oder zynisch klingen würde, scheint die 39-jährige Sängerin aus Tibet aber nicht zu stören. Sie belächelt den Kult um das eigene Ego, wie er im Westen ihrer Meinung nach betrieben wird. Als "Stimme Tibets", wie sie von Medien gern tituliert wird, versteht sie sich selbst nicht, das erscheint ihr vermessen. "Es gibt andere Sänger, die traditionelle Lieder singen", sagt sie. "Ich schreibe meine eigenen Lieder, denn ich möchte dem Publikum etwas Neues zu hören geben."
Soname Yangchen strahlt eine bemerkenswerte Ruhe aus, während sie in einem Berliner Hotelzimmer Interviews gibt. Ihr Vorname bedeutet so viel wie "Glück". Und Glück sollte Soname Yangchen in ihrem Leben haben, auch wenn es zunächst nicht danach aussah. Geboren wurde sie im Frühjahr 1973 in Tibet – in der Endphase der Kulturrevolution, von der dieser Teil Chinas ganz besonders stark betroffen war. Fast alle verbliebenen Klöster und Baudenkmäler wurden in jener Zeit zerstört, die geistige Elite des Landes wurde ausgelöscht oder zur Flucht gezwungen. Soname Yangchen kam mit sechs Jahren in die Obhut einer Familie in Lhasa, für die sie jahrelang wie eine Sklavin schuften musste. Mit 16 Jahren entschloss sie sich zur Flucht und gelangte mit einer Gruppe von Mönchen zu Fuß über den Himalaya nach Dharamsala, dem Regierungssitz des Dalai Lama in Indien und Fluchtpunkt vieler Exilanten aus Tibet. "Ich kann mich glücklich schätzen, dass meine Hände und Füße nicht erfroren sind", sagt sie rückblickend. "Aber ich habe einen starken Willen, denn ich habe eine Menge durchgemacht in meiner Kindheit."
Dharamsala entpuppte sich nicht als die erhoffte Erlösung aus Armut und Elend. Sie wurde vergewaltigt und musste ihre Tochter nach Tibet zurückschicken, weil sie nicht für sie sorgen konnte. Erst vor fünf Jahren gelang es ihr, sie zu sich nach Europa zu holen. Dorthin kam Soname Yangchen über Delhi, wo sie von einem reichen Inder als Haushaltshilfe eingestellt wurde, und mit Hilfe einer französischen Familie, die ihr half, Mitte der neunziger Jahre nach England überzusiedeln. Dort jobbte sie zuerst als Putzfrau, etwa auf einer Polizeiwache in Brighton.
Eine märchenhafte Wendung nahm ihr Leben, als sie 1998 bei einer Hochzeitsfeier ein spontanes Ständchen für die Brautleute sang und ein anwesender Musikproduzent auf sie aufmerksam wurde. Erste Aufnahmen entstanden, doch es sollte noch ein paar Jahre dauern, bevor sie bei einer Tibet-Solidaritätsgala im Royal Opera House in London 2003 ihr erstes Solo-Konzert gab.
Dann ging alles Schlag auf Schlag: Aufgrund eines Zeitungsartikels, der ihrem Auftritt voranging, meldete sich eine Agentin, die ihre Lebensgeschichte als Buch veröffentlichen wollte. "Eine Freundin half mir, meine Geschichte aufzuschreiben", sagt Soname Yangchen. 2005 erschien ihre Autobiografie "Wolkenkind", die in mehrere Sprachen übersetzt wurde und auch in Deutschland ein Bestseller war. "Bücher über Tibet handelten bis dahin meist von dessen Geschichte und Religion, nie von individuellen Schicksalen", erklärt sie den Erfolg des Buches.
Im Jahr darauf brachte Soname Yangchen ihr Debütalbum "Unforgettable Land" heraus und 2009 das Nachfolgealbum "Plateau", beides Produktionen, die ihren spröden, von Oberton-Modulationen gefärbten Gesang in dezente und gefällige Arrangements kleideten. In jenen Jahren gab sie viele Konzerte, sang auf Festivals und war ein gern gesehener Gast bei den "Cinema for Peace"-Galas der Berlinale, wo sie an der Seite von Hollywood-Stars wie Richard Gere auftrat.
Inzwischen verbringt sie viel Zeit in Berlin, wo sie Freunde hat und eine Wohnung unterhält. Hier ist auch ihr neues Album "Natural Mind" entstanden. Nicht um religiöse Themen, sondern um Naturmotive und innere Zustände drehen sich die meisten Lieder, deren Stil sie den Bauern und Hirten der tibetischen Hochebene abgelauscht hat. Zu den Melodien, die sie teils spontan auf ein Aufnahmegerät singt, das sie immer bei sich trägt, entwickelte sie mit ihrer Band atmosphärisch stimmige Kompositionen. "Es ist großartig, mit diesen Musikern zusammenzuarbeiten", sagt sie über diese Teamarbeit. "Es ist kein Ego-Ding. Denn ohne sie bin ich nichts – genauso wie ohne Publikum oder ohne die Journalisten, die über mich schreiben."
Das meditative Album wirkt wie ein musikalischer Beruhigungstee. Diese Ruhe korrespondiert mit ihrem Lebensstil. "Ich gehe nicht in Clubs oder ins Kino", sagt Soname Yangchen über sich. "Ich meditiere lieber, lese buddhistische Texte oder schreibe Songs. Daraus ziehe ich mehr Gewinn." Sie hofft, dass andere Tibeter in der Diaspora es ähnlich halten wie sie. "Wenn wir Tibeter jeden Tag beten, dann gibt es nichts, wovor wir uns fürchten müssen", sagt sie. "Wir tragen Tibet in uns."
Was die Zukunft ihrer Region angeht, so hofft sie auf einen inneren Wandel in China. "Wir Tibeter wollen keinen eigenen Staat, Autonomie wäre uns genug", betont sie. "Immer mehr junge Chinesen studieren im Ausland und sehen, was Freiheit ist. China wird sich verändern und verändert sich schon jetzt", ist sich Soname Yangchen sicher. Dass derzeit immer mehr Mönche in Tibet zum drastischen Mittel der Selbstverbrennung greifen, hält sie für einen Akt der Verzweiflung. Und dass der gegenwärtige Dalai Lama im vergangenen Jahr von seinen politischen Ämtern zurücktrat und seither der neue Ministerpräsident der tibetischen Exil-Regierung, der Jurist Lobsang Sangay, dessen Aufgaben übernimmt, macht für sie keinen großen Unterschied. "In spirituellen Fragen stützen wir uns ja weiter auf ihn. Der Dalai Lama hält die tibetische Kultur zusammen."
Eines ist ihr aber besonders wichtig. "Das tibetische Problem ist ein globales Problem", findet sie. "Wann immer ein Land seine Bürger foltert, müssen wir gemeinsam zusammenstehen und etwas dagegen machen. Darum beten wir für die Welt, nicht nur für Tibet."
Der Autor ist Musikkritiker des Amnesty Journals.
Soname Yangchen: Natural Mind (Enja)