Amnesty Journal 26. März 2013

Eine Stadt im Krieg

"Sie haben den Tod verdient." Im Viertel Tarik al-Bab in Aleppo, das von den Rebellen kontrolliert wird

"Sie haben den Tod verdient." Im Viertel Tarik al-Bab in Aleppo, das von den Rebellen kontrolliert wird

Im Juli 2012 kam der Krieg nach Aleppo und die Stadt im Norden Syriens wurde zum Schlachtfeld. Von der Euphorie, die den Aufstand gegen das Regime von Präsident al-Assad anfangs kennzeichnete, ist nicht mehr viel zu spüren. Die Menschen versuchen, irgendwie zu überleben. Der Journalist Carsten Stormer hat Aleppo in den vergangenen Monaten mehrmals besucht.

Als ich Syriens größte Stadt im Juli 2012 das erste Mal besuche, bereiten Oppositionelle und Rebellen in konspirativen Wohnungen den Sturz des Regimes vor. Wochenlang haben die Aufständischen den Angriff auf Aleppo geplant. Bis dahin war die Stadt von Kämpfen weitestgehend verschont geblieben. Nur in manchen Stadtteilen, wie Salah Eddine, kommt es während meines Besuches täglich zu Massendemonstrationen und Zusammenstößen zwischen Regierungsanhängern und Opposition. Es ist eine Mischung aus Anwälten, Journalisten, Studenten, Kaufleuten und Rebellen, die sich jede Nacht heimlich treffen. Tagsüber schlafen sie, die Nacht gehört der Revolution. Sie alle werden von der Polizei gesucht, stehen auf Fahndungslisten des Geheimdienstes, können sich nie länger als wenige Stunden an einem Ort aufhalten, meiden ihr Zuhause, um ihre Familien nicht zu gefährden und wechseln täglich den Schlafplatz. Zur gleichen Zeit sickern Tausende Kämpfer, unbemerkt von den Spitzeln und Soldaten des Regimes, in die Stadt ein. In den Außenbezirken Aleppos nehmen Rebelleneinheiten die Waffen in Empfang und verteilen sie auf die Stadtviertel. Im Zick-Zack fahren mich die Rebellen von Versteck zu Versteck, umkurven Checkpoints, nehmen kilometerlange Umwege in Kauf, wechseln mehrfach die Autos. Auf der Dachterrasse eines unscheinbaren Mietshauses treffen sich an einem Abend Mitte Juli ein Dutzend Aktivisten mit Kämpfern der FSA. "Wir werden Aleppo bald befreien", sagt Abu Hamid, ein 36-jähriger Anwalt mit Stirnglatze und rot-blondem Kraushaar. Wie alle hier hat auch er Freunde verloren, die unter Folter in Gefängnissen gestorben sind oder weil Polizisten und Schabiha-Milizionäre in Demons­trationen schossen. Mobiltelefone wandern von Hand zu Hand, darin die Bilder der Getöteten. Abu Kassim, ein 19-jähriger FSA-Kämpfer, zeigt Videos, die er auf seinem Telefon gespeichert hat. Auf einem schneiden Rebellen zwei jungen Männern bei lebendigem Leib die Köpfe ab und legen sie wie Trophäen einer Großwildjagd auf die Körper der Toten. Die Opfer sollen der Schabiha-Miliz angehört haben und mehrere Menschen getötet haben. Der Richter der Männer ist gleichzeitig ihr Henker. Ein anderes Video zeigt die entstellten Leichen von 25 Männern. Auch sie sollen der Schabiha angehört haben. "Wir haben sie getötet. Ich war dabei. Sie haben den Tod verdient", sagt Abu Kassim und zündet sich eine Zigarette an. "Aber wir sollten ihnen nicht die Köpfe abschneiden. Das macht nur Al-Qaida und mit diesen Leuten wollen wir nichts zu tun haben."

Lange war es ruhig in diesem Teil Syriens, nur zwanzig Kilometer von der türkischen Grenze entfernt. Die Nachrichten aus den Rebellenhochburgen Homs, Hama, Damaskus und Daraa kamen hier nur als Schauergeschichten an. Die Revolution erreichte Aleppo erst spät. Auch hier begann der Aufstand gegen das Regime mit Demonstrationen. Erst waren es nur ein paar Dutzend Menschen, die sich auf die Straßen trauten, dann Hunderte und schließlich Tausende, die mehr Freiheit und Reformen verlangten. Nach und nach verjagten die Menschen die Handlanger der Machthaber: die Bürgermeister, die Polizisten und die Schabiha, die Spitzel und Henker des Regimes. Dann war der Weg nach Aleppo frei – die Stadt, von der viele glaubten, dass sie entscheidend sei für den Sturz des Regimes. Doch diejenigen, die glaubten, einen schnellen Sieg zu erringen, täuschten sich.

Ende Oktober 2012 besuche ich Aleppo zum zweiten Mal. Der Krieg hat sich inzwischen längst festgebissen wie ein Pitbull, und das Leben atmet nur noch schwach in der Stadt: Die Händler, die Gewürze, Zuckergebäck, Datteln und Stoffe anbieten, sind aus den Bazaren verschwunden. In den alten verwinkelten Gassen der historischen Altstadt tobt jetzt ein grausamer Häuserkampf. Die Menschen sind zwischen verirrten Kugeln, Raketen und Granaten eingeschlossen. Gemeinsam mit Zivilisten renne ich über Straßen, an deren Ende Scharfschützen auf jeden schießen, der sich auf die andere Seite wagt, und krieche durch in Wände geschlagene Löcher von Haus zu Haus. In vielen haben sich Rebellen verschanzt und in einem werde ich Zeuge, wie ein regierungstreuer Scharfschütze einen Scharfschützen der Rebellen erschießt.

Seitdem die Rebellen den Krieg nach Aleppo getragen haben, hat sich die Stadt in eine Hochburg des Widerstands verwandelt. Die aufständischen Viertel werden von den Regierungstruppen ununterbrochen beschossen, dabei kommen Artillerie, Panzer, Kampfflugzeuge und Hubschrauber zum Einsatz. Die Zivilisten sind dabei zwischen die Fronten geraten, sie sind Bauernopfer in einem brutalen Schachspiel, das derzeit keine Seite gewinnen kann. Der Tod kommt willkürlich und überall. Jede Besorgung, jede Fahrt ins nächste Stadtviertel birgt ein unkalkulierbares ­Risiko und kann tödlich enden. Die Bewohner sind es leid, ihre Angehörigen zu begraben. Sie sind es leid, dass sie aus Angst vor Scharfschützen ihre Häuser nicht mehr verlassen können. Wer kann, flieht aus der Stadt. Wer Arbeit hat, arbeitet. Wer keine hat, sucht nach Informationen, die Leben retten können: Wo haben sich die Scharfschützen eingenistet, welche Straße ist sicher, wo gibt es Brot? Doch selbst der Gang zum Bäcker ist lebensgefährlich. Seitdem sich Aleppo im Belagerungszustand befindet, ist Brot knapp geworden.

Ich laufe stundenlang durch die Stadt, besuche Krankenhäuser, Leichenhallen, Bäckereien, Ärzte, werde von wildfremden Menschen auf eine Tasse Tee eingeladen. Als ich eines nachmittags durch die Straßen des Shaar-Viertels laufe, donnert ein Kampfflugzeug über die Straße und feuert zwei Raketen auf ein Wohnhaus ab. Die Welt versinkt in Dunkelheit. Dann sickert die Sonne wieder langsam hindurch. Ein fahler Strahl, der durch die Wolke aus Staub und Schutt einen Weg sucht. Mauerstücke und Möbel fallen vom Himmel, verkrüppelter Stahl hängt in Fetzen von Häuserfassaden. Eine schwere Stille hängt über der Straße wie ein Laken. Gestalten entsteigen diesem Inferno, wankende und hustende Schatten. Niemand spricht. Unglaube und Angst stehen in ihren Gesichtern. Die Augen weit aufgerissen, erstaunt, noch am Leben zu sein. Der Staub verklebt Haare, er verkrustet auf schweißnasser Haut und streicht die Menschen grau. Die Bewohner dieser Straße wurden binnen eines Wimpernschlags aus dem Leben gerissen, mit der Wucht zweier Raketen, abgefeuert aus einem Kampfflugzeug der syrischen Armee. Sie trafen das oberste Stockwerk eines Mietshauses, aus dem fünften Stock schlagen Flammen. Die Explosion hat Balkone abgerissen, Scheiben zerspringen lassen, Mauern geknackt.

Als sich der Staub legt und sich das Ausmaß der Zerstörung aus dem Dunst schält, beginnen die Menschen ihr Leben in den Trümmern zu sortieren. Sie blicken aus Löchern, die herumfliegende Trümmer in die Wände getrieben haben, schütteln Staub aus ihren Haaren. Sie rufen sich gegenseitig zu, ob jemand verletzt oder getötet wurde, schreien um Hilfe. Menschen laufen panisch durcheinander, als am Himmel wieder ein Kampfflugzeug auftaucht – wie ein Raubvogel auf der Suche nach Beute. "Ja, es gab Tote", sagt ein Mann und zeigt auf eine Wohnung, aus der Rauch aufsteigt.

Ibrahim stand im Flur, als die Rakete das Wohnzimmer traf, in dem seine Eltern vor dem Fernseher saßen. Die Explosion schleuderte ihn gegen die Wand, doch er blieb unverletzt. Er steht im fünften Stock des brennenden Hauses, Rauch quillt durch das Treppenhaus, Freunde und Nachbarn hetzen die Treppen hinauf und hinunter, in den Händen Eimer und Behälter gefüllt mit Wasser, in dem vergeblichen Versuch, die Flammen zu löschen. Nebenan im Wohnzimmer verbrennen Ibrahims Vater und Mutter, der Geruch von verbranntem Fleisch hängt in der Wohnung. Ein junger Mann übergibt sich im Treppenhaus. "War mein Vater ein Terrorist? War meine Mutter eine Terroristin?", ruft Ibrahim und beginnt zu weinen. "Baschar al-Assad hat meine Eltern getötet! Wofür? Wofür!" Dann lehnt er sich an die verrußte Wand, schlägt die Hände vors Gesicht und rutscht langsam in die Hocke. Freunde knien neben ihm, um zu trösten, nehmen ihn in den Arm, schwören Rache.

Nach einer Stunde ist das Feuer so weit unter Kontrolle, dass ein paar Männer über die Reste des Balkonsimses in das Wohnzimmer klettern können. Sie ziehen einen verkohlten Körper unter einem Tisch hervor, wickeln ihn in eine Plüschdecke und rufen: "Allahu Akbar, Allahu Akbar!" Gott ist groß. Rauch quillt aus dem kokelnden Leichnam unter der Decke hervor. Ibrahim soll die Körper identifizieren, aber sie sind so entstellt, dass er nicht sagen kann, wer Mutter, wer Vater ist. "Baba? Mama?", flüstert er fassungslos.

Für einen würdevollen Abschied von den Toten bleibt in diesem Krieg kaum Zeit. Die verbrannten Leichen von Ibrahims Eltern liegen keine zwei Stunden nach dem Angriff auf der Ladefläche eines weißen Kleinlasters, der hupend durch die Straßen Aleppos rast. Auf dem Märtyrer-Friedhof, am Stadtrand von Aleppo, bereiten Totengräber in Schichtarbeit die Gräber zukünftiger Toter vor.

Es muss schnell gehen, zu oft schon wurden Beerdigungen mit Granaten beschossen. In der Ferne fliegen Hubschrauber und Kampfflugzeuge über Aleppo, schwarze Rauchsäulen steigen in den Himmel, als man Ibrahims Eltern in einem Grab aus Baustoffziegeln ablegt. Ein Verwandter spricht ein kurzes Gebet. "Ich habe die Hoffnung aufgegeben, dass uns jemand zu Hilfe kommt. Amerika, Europa, die Türkei, die Arabische Liga, die sehen alle zu und tun nichts", sagt Ibrahim, als er sich von seinen Eltern verabschiedet hat. Dann fährt er zurück nach Aleppo, zu den Bomben und Scharfschützen. Eine Stadt wie er selbst: obdachlos und Vollwaise.

Im Februar 2013 ist aus dem arabischen Frühling ein syrischer Winter geworden. Von der anfänglichen Euphorie des Aufstands ist nicht mehr viel zu spüren. Die Hoffnung auf einen Neuanfang ist Verzweiflung gewichen. Seit Wochen ist Aleppo von der Strom- und Wasserversorgung abgeschnitten. Hungrige Menschen ziehen bettelnd durch die Straßen. Menschliches Treibgut des Krieges, das niemand haben möchte, angeschwemmt aus den umkämpften Vierteln Aleppos und anderen Teilen Syriens; aus Azaz, Marea, Idlib, Atarib. Bäckereien sind oft geschlossen, weil es kaum noch Mehl gibt. Ein Kilo Brot kostet inzwischen fünfmal so viel wie noch vor sechs Monaten. Unerschwinglich für viele Menschen, die in einer Stadt ohne Arbeit und Einkommen leben. Die Temperaturen fallen auf null Grad und in den Häusern frieren diejenigen, die nicht wissen, wohin sie fliehen sollen. Um der Kälte zu trotzen, verbrennen Anwohner Müll in ihren Wohnungen oder fällen die Bäume der Stadt. Und ein Ende des Leidens ist nicht in Sicht.

An dem Tag, an dem die Rebellen der Freien Syrischen Armee Luftwaffenstützpunkte und Aleppos internationalen Flughafen angreifen und die Regierungssoldaten immer weiter zurückdrängen, schlägt das Regime mit Kampfhubschraubern und Flugzeugen zurück. Wie wütende Insekten kreisen sie am Himmel, schießen wild auf Stellungen der Rebellen und treffen meist doch nur Wohngebiete und töten Zivilisten. Am Morgen explodiert eine Granate in einem Straßenzug und tötet neun spielende Kinder. Nachmittags schlägt eine Rakete neben einem Kebab-Stand im Viertel Tarik al-Bab ein. Nachts rollt das Donnern der Panzergranaten über die Stadt, ununterbrochen. Und in der Innenstadt ist ein Krieg der Scharfschützen entbrannt.

Das Viertel Karm el-Jebel, unweit der historischen Altstadt, wird seit Monaten verbissen von halbwüchsigen Rebellen gehalten, oft mit nicht mehr als ein paar Patronen in den Magazinen ihrer Kalschnikows. "Wir können nicht mehr angreifen, weil wir kaum noch Munition haben", sagt Ahmed, ein 22-jähriger Scharfschütze, der sich in einem Zimmer im fünften Stock einer Ruine verschanzt hat und durch ein Loch in der Wand auf Stellungen der Regierung schießt, keine dreißig Meter von seinem Versteck entfernt. "Wir müssen Munition sparen, falls uns die Regierung angreift." Karm el-Jebel ist nach sechs Monaten Häuserkampf eine Ruinenlandschaft, in der mal die Rebellen ein paar Meter gewinnen, mal die Regierungssoldaten.

Zerschossene Fassaden, gespickt mit Einschusslöchern. Eingestürzte Stockwerke, Schuttberge, ausgebrannte Geschäfte, entvölkertes Niemandsland. Ständig explodieren Granaten und in den ausgebombten Straßenzügen rosten Panzerwracks und liegen Tote, die niemand bergen kann. Noch immer desertieren Regierungssoldaten und schließen sich der Freien Syrischen Armee an. Als ein junger Mann in Uniform über eine Straße läuft, durchschlägt eine Kugel seine Wade. Er krümmt sich am Boden, ein Rebell zieht ihn aus der Schusslinie. "Allahu Akbar", ruft der Mann im Schock. "Hätte er mich doch nur im Kopf getroffen. Dann wäre alles vorbei."

Alltag in Aleppo, während Syrien längst zum Spielball in einem globalen Machtkampf geworden ist: Russland, China, Iran und die libanesische Hisbollah auf der einen Seite, Europa, die USA, Katar, die Türkei und Saudi-Arabien auf der anderen. Die Menschen fühlen sich im Stich gelassen, in die Verzweiflung mischt sich Hoffnungslosigkeit und Wut über die Gleichgültigkeit. "Die arabische Welt hat uns verraten, dem Westen sind wir gleichgültig, und die Welt hat uns vergessen", sagt Doktor Abdul, ein erschöpfter junger Kinderarzt mit müden Augen und buschigem roten Bart. Er steht im Erdgeschoss einer kleinen Einkaufs­passage, die jetzt als notdürftiges Krankenhaus herhält.

Doktor Abdul ist einer von sechs Ärzten, die nicht aus Aleppo geflohen sind, neben ihm liegt ein toter Mann mit offenem Schädel und abgerissenem Unterschenkel auf einer Trage. Doktor ­Abdul steht in einer Blutlache, seine Jeans ist mit Blut befleckt. "Warum hilft uns niemand?", fragt er verzweifelt, beschimpft das Regime, klagt Europa und Amerika an, dem Morden tatenlos zuzusehen. "Indem die Welt zusieht, hilft sie dem Regime, uns zu töten!"

Dann schimpft er auf die Dschihadisten und Islamisten, die der Westen als Terroristen ansieht und die immer mehr an Einfluss gewinnen. "Das sind Verrückte, die die Revolution und den Islam verraten. Wir teilen deren Auffassung des Islam nicht, aber wir können es uns nicht leisten, wählerisch zu sein. Wir müssen die akzeptieren, die uns helfen wollen, weil es sonst niemand tut", sagt er und fügt hinzu, dass das syrische Volk nicht die Diktatur Assads gegen eine islamistische austauschen möchte. "Dafür kämpfen und sterben wir nicht." Während er spricht explodiert eine Granate im Viertel Hanao und kurz darauf werden Menschen mit abgetrennten Gliedmaßen und klaffenden Wunden auf Bahren in die Einkaufspassage gebracht, in die die Einwohner Aleppos nur noch zum Sterben kommen.

Der Autor ist Journalist und lebt in Manila.

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