Amnesty Journal Ägypten 17. Juli 2012

Metall im Blut

Ägypten hat eine ausgesprochen vielseitige Heavy ­Metal-Szene, die bislang
im Untergrund spielen ­musste. Nach dem Sturz des ehemaligen Präsidenten
Hosni Mubarak hoffen Musiker und Fans auf ein Ende der Repression.

Von André Epp

Als sich die Bevölkerung Ägyptens Ende Januar vergangenen Jahres zu Tausenden gegen den Diktator Hosni Mubarak auflehnte, wurde der zentral gelegene Tahrir-Platz zu einem Ort verschiedenster musikalischer Geschmäcker. Unter den Demonstranten, die ihre Grundrechte einforderten, waren viele Künstler. Ägyptens ehemalige Machthaber kontrollierten das Kulturschaffen in Ägypten seit Jahrzehnten und zensierten Musik, Filme oder Literatur, die nicht systemkonform waren. Bei den Protesten auf dem Tahrir-Platz wurden vom Folk-Rock der Gruppe "Black Theama", über Hip­Hop bis hin zu traditionellen Stücken des verstorbenen Urvaters des ägyptischen Protestliedes, Sayyed Darwish, zahlreiche Musikrichtungen dargeboten – außer Heavy Metal.

Dabei hat sich in den vergangenen Jahrzehnten im Nahen Osten und in Nordafrika eine lebendige und vielseitige Heavy Metal-Szene mit diversen Bands und einer Vielzahl von Fans etabliert. Hilfestellung bot dabei vor allem die Verbreitung des Internets in den Städten seit dem Jahr 2000. Dadurch konnte die Szene sich nach außen darstellen, aber auch die interne Kommunikation und Vernetzung ausbauen. In den meisten Ländern der Region haben die Heavy Metal-Anhänger, je nach politischem System, mit unterschiedlichen Formen von Repression und Zensur ihrer Musik zu kämpfen. Diese reichen von einfachen Auftrittsverboten bis hin zu Gefängnisstrafen und Folter.

In Ägypten hat sich der 22. Januar 1997 in das Gedächtnis der Metal-Szene eingebrannt. Damals wurden nach einem Konzert in Kairo über hundert Metal-Fans festgenommen und ohne Anklage zum Teil wochenlang festgehalten. Die Sicherheitspolizei drang nachts in die Wohnungen von Musikern und Jugendlichen ein, die vorwiegend mit der oppositionellen intellektuellen ­Elite in Verbindung gebracht wurden. Auslöser des Konflikts war das Foto eines Metal-Konzerts in der Boulevardpresse, auf dem ein umgedrehtes Kreuz zu sehen war. Die ägyptischen Medien verbreiteten daraufhin weitere Bilder und streuten Gerüchte: Metal-Fans wurden als tätowierte Satansanbeter dargestellt, die angeblich Orgien abhielten, Katzen und Ratten häuteten und zu guter Letzt deren Blut tränken. Islamische sowie christliche Gruppen waren entsetzt. Geistliche beider Glaubensrichtungen forderten für die Metal-Anhänger sogar die Todesstrafe. Aus Angst vor weiteren Razzien und harten Strafen, zerstörte die Mehrheit der Musiker ihre Instrumente und schnitt sich die langen Haare ab. Obwohl es nie eine weitere vergleichbare Razzia gegeben hat, lebten die Anhänger der ägyptischen Heavy Metal-Szene fortan mit der Drohung, jederzeit verhaftet und eingesperrt werden zu können.

Bekannte ägyptische Metal-Bands wie "Worm", "Your Prince Harming", "Scarab" oder die Frauenband "Massive Scar Era" äußern sich daher selten direkt politisch, sondern verbergen und verschlüsseln ihre Aussagen hinter Anspielungen und Metaphern. In vertraulichen Interviews bekräftigen einige Protagonisten ihre kritischen Aussagen und legen offen, dass sie die herrschenden Regime hinterfragen. "Wenn wir über Widerstand reden, kannst du dir sicher sein, dass es gegen die Regierung und ihr System ist", sagt ein Bandmitglied, das anonym bleiben möchte. "Ich bin mir sicher, dass sie [die ägyptischen Behörden, Red.] genau wissen, dass wir keine Satanisten sind, denn sie wissen genau, dass Metal Widerstand gegen jede Form von Korruption bedeutet. Aus diesem Grund wollen sie die Metal-Kultur verbieten und unterdrücken." Nur ein kleiner Teil der Szene äußert sich derart konkret. Die meisten Protagonisten möchten nicht über ihre Texte oder die politische Situation im Allgemeinen sprechen – aus Angst vor möglicher Verfolgung und Repression.

Zu Beginn des neuen Jahrtausends lockerten die ägyptischen Behörden die Auflagen für fremde Kulturprodukte und genehmigten die Öffnung verschiedener Kultur- und Konzert-häuser. Metal-Anhänger hatten von Seiten der Autoritäten jedoch weiterhin Repressionen zu befürchten. Tatsächlich blieben sie aufgrund ihrer langen Haare, den zum Teil kritischen Texten gegenüber dem herrschenden System und ihrem Outfit weiterhin Ziel von Belästigung und Schikane seitens der Polizei. Unter Mubarak kam es auch nach dieser kulturellen "Öffnung" weiterhin vor, dass Metal-Anhängern die Haare unter Gewalt abgeschnitten und sogar ihre Familien bedroht wurden, wenn die Musiker ihr Erscheinungsbild nicht änderten. Der Protagonist einer ägyptischen Band, der ebenfalls nicht genannt werden möchte, berichtete, dass er und seine Freunde lediglich aufgrund von "Headbanging", einer Tanzform des Heavy Metals, verhaftet wurden: "Ich und drei weitere Freunde wurden eingesperrt, weil wir schwarze T-Shirts trugen und zu einem Song der Band 'System of a Down' headbangten. Du siehst, wie kriminell und gefährlich wir sind."

Wie sich die kulturellen Bedingungen nach dem Ende des Mubarak-Regimes entwickeln werden und ob die Protagonisten immer noch Repression, Zensur und Einschränkungen zu befürchten haben, bleibt abzuwarten. Im Moment ist es zumindest einfacher, Heavy Metal-Konzerte zu veranstalten und in der Öffentlichkeit zu bewerben. So wurde kurz nach dem Fall des Despoten das Heavy Metal-Festival "Metalblast" in Kairo organisiert, bei dem ägyptische Metal-Bands diverser Subgenres vertreten waren. Seit dem Sturz Mubaraks finden alle zwei Monate Heavy Metal-Konzerte und kleinere Festivals statt. Im Mai 2011 ist die Dokumentation "Egyptian Metalhead Diary" über die ägyptische Metal-Szene erschienen. Im Augenblick habe die Revolution durchaus einen Effekt auf die Szene, sagt ein Bandmitglied: "Sie hat vor allem das Organisieren und Veranstalten von Metal-Konzerten vereinfacht, so dass die Metal-Kultur verbreitet werden kann. Das Bewerben der Konzerte ist nun neben dem Internet auch in der Öffentlichkeit möglich." Gerade arbeitet der Musiker an einer Dokumentation über die Heavy Metal-Geschichte im Nahen Osten und in Ägypten. An solche Werke war vor der Revolution gar nicht zu denken.

Der Autor ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Erziehungs­wissenschaften der Universität Hildesheim. Er hat mehrere wissenschaft­liche Artikel zur Heavy Metal-Szene im Nahen Osten und Nordafrika ­veröffentlicht.

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