Amnesty Journal 27. März 2012

Raus aus dem Koma

Der russische Journalist Oleg Kaschin wurde im November 2010 fast zu Tode geprügelt. Die Täter und ihre Hinter­männer wurden nie gefasst. Zum Schweigen bringen ließ sich Kaschin aber nicht.

Die Angreifer kamen mit einem Blumenstrauß. Oleg Kaschin kehrte gegen 0.30 Uhr von einem Besuch bei einem Freund nach Hause zurück, als er am Eingangstor seines Wohnhauses in der Moskauer Innenstadt einen Unbekannten stehen sah. "Ich dachte, er warte mit den Blumen auf sein Mädchen." Doch der Mann wartete auf Kaschin.

Als der Journalist das Tor öffnen wollte, streckte ihn der Mann mit einem Faustschlag nieder. Ein zweiter Angreifer tauchte auf, mit einer Stahlrute. Während der eine Kaschin festhielt, schlug der andere auf ihn ein – 56 Mal, mehr als eine Minute lang. Dann ließen sie ihn stark blutend zurück, mit gebrochenem Ober- und Unterkiefer, einer Gehirnerschütterung, gebrochenen Beinen und Fingern. Nach einer Notoperation lag Kaschin fünf Tage im künstlichen Koma und musste drei Monate lang im Krankenhaus behandelt werden. Die Bilder der Über­wachungskamera, die den Überfall vom 6. November 2010 aufzeichnete, gingen um die Welt. Amnesty forderte die vollständige Aufklärung der brutalen Attacke.

Schnell war klar, dass es kein Raubüberfall, sondern ein gezielter Angriff war. Der 31-Jährige ist Redakteur der liberalen Tageszeitung "Kommersant". Er zählt zu den bekanntesten Journalisten und Bloggern Russlands, da er kein Blatt vor den Mund nimmt und keinem Streit aus dem Weg geht. Schon in der 5. Klasse an einer Kaliningrader Schule gehörte er zu den Rädelsführern eines Schülerstreiks. "Wir hatten im Musikunterricht genug von klassischer Musik. Wir wollten Rockmusik." Der Streik blieb erfolglos, aber Kaschin hat nie aufgehört, Autoritäten in Frage zu stellen. In seinen Artikeln setzt er sich kritisch mit Sozial- und Umweltthemen und dem Demokratiemangel in Russland auseinander. Oleg Kaschin ist jedoch nicht unumstritten, einigen Kollegen sind vor allem seine Äußerungen in seinem Blog und per Twitter zu provokant und seine Ausdrucksweise zu rüde.

In den Wochen vor dem Überfall wurde er mehrmals bedroht, vor allem wegen seiner Berichterstattung über kreml-nahe Jugendbewegungen und ihre Einschüchterungsversuche und Gewaltbereitschaft gegenüber Oppositionellen. So veröffentlichte die "Junge Garde" der Putin-Partei "Einiges Russland" ein Foto von Kaschin auf ihrer Homepage mit den Worten: "Wird bestraft werden".

Als Präsident Dmitri Medwedew über Freunde und Kollegen Kaschins noch in der Nacht von dem Überfall erfuhr, schrieb er auf Twitter: "Die Kriminellen müssen bestraft werden." Und dieses Mal schien es der Kreml ernst zu meinen: Am nächsten Morgen forderte Medwedew einen besseren Schutz von Journalisten durch den Staat und beauftragte den Generalstaatsanwalt und den Innenminister mit den Ermittlungen. Zudem sorgte er dafür, dass Kaschin von Ärzten behandelt wurde, die zu den besten Russlands zählen. Selbst im staatlich kontrollierten Fernsehen war der Überfall auf den Journalisten tagelang Thema Nummer eins. Hunderte Menschen gingen auf die Straße und forderten, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.

Doch auch nach über einem Jahr intensiver Ermittlungen wurden weder die Täter noch ihre Hintermänner ausfindig gemacht, wie schon bei so vielen Angriffen auf Journalisten in Russland. "Mir gefällt das russische Sprichwort sehr gut, dass man zwar eine tiefe Grube ausheben, den Schatz aber dennoch nicht finden kann", meint Kaschin lakonisch.

Obwohl er von Anfang an den Verdacht geäußert hatte, dass der Überfall auf das Konto der kremlnahen Jugendgruppe "Naschi" gehen könnte, untersuchte man deren Büros erst ein halbes Jahr später. "Dort konnte man dann natürlich nichts mehr finden." Er glaubt nicht, dass die Täter zur Verantwortung gezogen werden. Besonders seitdem bekannt wurde, dass Medwedews Vorgänger Wladimir Putin bei den Präsidentschaftswahlen im März 2012 als sein Nachfolger kandidieren wird. Mit der drohenden Stagnation will sich Kaschin aber nicht abfinden. Aufzuhören kam für ihn nie in Frage: "Dann hätten ja die, die mich zum Schweigen bringen wollten, ihr Ziel erreicht. Das wäre für mich amoralisch gewesen."

Für seine investigative Arbeit und seinen Einsatz für die Pressefreiheit wurde Oleg Kaschin im Oktober 2011 von der Medienstiftung der Sparkasse Leipzig mit dem "Leipziger Medienpreis" ausgezeichnet. Dabei hatte er noch im Krankenbett in einem TV-Interview gesagt: "Ich möchte auf keinen Fall zur ewigen Symbolfigur für Pressefreiheit werden." Auch mit der ermordeten Journalistin Anna Politkowskaja wollte er nicht verglichen werden. Er hätte schließlich nie über Korruption oder Menschenrechtsverletzungen im Kaukasus berichtet, schrieb er in der "New York Times". "Doch das bisschen Symbol, das ich nun geworden bin, sehe ich auch als kleine Kompensation dafür, dass ich meinen Finger und meine Zähne verloren habe", sagte er lachend in Leipzig. Dort zeigte er sich auch optimistisch, dass der Einfluss der Putin-Partei bald schwinden werde: "Eines Tages wird sich die kritische Masse in Russland zusammenfinden und erheben und dann wird es Veränderungen geben."

Das Erwachen kam schneller, als erwartet. Im Dezember 2011 demonstrierten landesweit Hunderttausende Menschen gegen den von Fälschungsvorwürfen überschatteten Sieg der Putin-Partei bei den Parlamentswahlen. Die Proteste waren die größten in Russland seit dem Ende der Sowjetunion. Auch Kaschin war dabei. Er verlas unter dem Applaus Tausender die Botschaft eines inhaftierten Oppositionellen, rief über seinen Blog auf, sich den Protesten anzuschließen und postete nicht ohne Schadenfreude Fotos der Anti-Putin-Demonstrationen.

Oleg Kaschin geht es heute gesundheitlich wieder gut. Doch ein Teil des kleinen Fingers seiner linken Hand musste amputiert werden, mehrere Titanplatten und -stäbe wurden in seinen Körper eingesetzt und er bekam Zahnimplantate. Paradoxerweise fühlt er sich heute sicherer als im November 2010. "Damals hätte keiner erwartet, dass es jemals eine solch große Resonanz auf einen Angriff auf einen Journalisten geben würde. Und heute kann ich sagen: Je lauter meine Stimme erklingt, umso schwieriger wird es, sie zu ersticken."

Der Autor ist freier Journalist und lebt in Berlin

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