Amnesty Journal 26. März 2012

Leben in der Umlaufbahn

Bildung, Arbeit, Wohnen: In der Slowakei führen Roma eine Existenz
am Rande der Gesellschaft. In manchen Gegenden ist selbst dies nicht möglich.

Von Arne Semsrott

Berliner Mauer" nennen die Roma in Ostrovany das Bauwerk, mit dem das ostslowakische Dorf international bekannt wurde. Die massive, weiße Betonmauer ist zwei Meter hoch. Sie erstreckt sich auf einer Länge von etwa 100 Metern von einem Hügel herab, macht dann einen Knick und verläuft auf weiteren 30 Metern zwischen Sträuchern auf der einen und Blumenbeeten auf der anderen Seite. Auf der einen Seite der Mauer leben die Roma des Dorfes, auf der anderen die "Gadjos", die Nicht-Roma. Im Roma-Viertel grenzt der Fußballplatz des Clubs "Inter Roma Ostrovany" an die Mauer, dahinter reihen sich Wellblechhütten an wacklige Holzbaracken. Auf den matschigen Straßen werfen sich einige Kinder einen Ball zu, Männer heben schwere braune Dachziegel auf den Rohbau eines kleinen Hauses aus Beton.

Obwohl Ostrovany nicht vollständig geteilt ist – Trampelpfade führen an beiden Seiten der Mauer in den jeweils anderen Teil des Dorfes – wurde die Mauer doch zum Symbol für die Situation der Roma in der Slowakei und die tiefe Spaltung der Gesellschaft, nicht zuletzt durch die Berichterstattung in nationalen und internationalen Medien. 2009 ordnete der Bürgermeister ihren Bau an, um Gärten vor Diebstahl zu schützen. Die Kosten in Höhe von 13.000 Euro zahlte der slowakische Staat.

"Mit Nicht-Roma haben wir hier nichts zu tun", sagt Miroslav resigniert. Der 39-Jährige sitzt mit seinen Freunden an einem großen Holztisch in seinem Wohnzimmer. Gemeinsam mit seiner Frau und seinen drei Kindern lebt er einige hundert Meter von der Mauer entfernt. "Dem Bürgermeister sind wir egal", sagt er. Miroslav hat, wie fast alle Roma in Ostrovany, keine Arbeit. Einige von ihnen nehmen an einem staatlichen Beschäftigungsprogramm teil. Viele Männer des Dorfes waren im vergangenen Jahr für einige Monate zum Arbeiten in England, darunter auch Miroslav. Doch am Ende wurde die Gruppe von den Organisatoren der Reise um ihren Lohn betrogen. Niemand spricht gerne darüber.

"Diskriminierung ist hier normal, da kann man nichts machen", seufzt Miroslav. Weder seine eigene noch die Zukunft seiner Kinder sieht er optimistisch. "Obwohl sie jetzt zur Schule gehen, werden sie später keinen Job finden, weil sie Roma sind." Seine Freunde am Tisch stimmen ihm zu.

Roma erhalten in der Slowakei oft eine schlechtere Ausbildung als die Mehrheit der Bevölkerung. Von den fünf Millionen Einwohnern des Landes sind weniger als zehn Prozent Roma, sie stellen jedoch 85 Prozent der Schüler in Sonderschulen für Kinder mit leichten geistigen Behinderungen. Roma-Kinder werden häufig schon allein deshalb auf Sonderschulen geschickt, weil sie im Unterricht auffällig werden oder, teils wegen häuslicher Probleme, den Unterrichtsstoff nicht bewältigen können. Eine Rückkehr ins reguläre Schulsystem ist danach kaum möglich.

Aber selbst auf Regelschulen werden Roma benachteiligt: Spezielle Roma-Klassen mit einem niedrigeren Lernniveau und sogar eigene Roma-Schulen sind in der Slowakei keine Seltenheit. Die Trennung der Gesellschaft beginnt so schon im Kindesalter. Obwohl die slowakische Regierung 2008 Segregation offiziell verboten hat, besteht sie in den Schulen weiter fort.

Hoffnung für seine Familie findet Miroslav im Glauben. Mit seinen Freunden baut er im Garten hinter seinem Haus derzeit eine kleine Kirche. Finanziert wird sie von einer evangelikalen Gruppe aus der Schweiz. Das Fundament steht schon. "In der Kirche ist es egal, ob wir Roma sind oder nicht", sagt Miroslav. Mit seinen katholischen Nachbarn streitet sich der energische Mann oft über Religion, die er als den einzig möglichen Ausweg aus seiner Lebenssituation sieht.

Neben der Diskriminierung ist Armut das größte Problem für Roma in der Slowakei. Oft leben sie von Sozialhilfe, in illegalen Siedlungen oder Sozialwohnungen, verbannt in die Peripherie der Städte. Und selbst wenn die Mauer der Armut durchbrochen werden kann, entsteht durch die räumliche Trennung von Roma und Nicht-Roma eine andere, unsichtbare und fast undurchdringliche Mauer in den Köpfen.

In der Sozialbausiedlung Lunik IX, einem Roma-Ghetto in der zweitgrößten slowakischen Stadt Košice, addieren sich diese Probleme zu einer menschlichen und sozialpolitischen Katastrophe, die das Scheitern der slowakischen Minderheitenpolitik zeigt. Vor 30 Jahren als Unterkünfte für 2.000 Angehörige der Armee und Polizei geplant, leben heute etwa 7.000 Menschen in den heruntergekommenen Plattenbauten am Stadtrand, die schon vor Jahren hätten abgerissen werden sollen – fast alle Bewohner sind Roma.

Lunik IX, benannt nach einem sowjetischen Satellitenprogramm, ist nur fünf Kilometer vom Stadtzentrum entfernt und doch eine eigene Welt. Graue Betonblöcke reihen sich aneinander, sieben, acht Stockwerke hoch. Zwischen ihnen kalter Asphalt und löchrige Wiesen. Insgesamt 17 Plattenbauten bilden ein eigenes Viertel. Unter das Knattern von Stromgeneratoren mischen sich Kindergeschrei und schallende Musik aus Radiolautsprechern. Den Treppenhäusern der meisten Gebäude fehlen die Fenster, an den Wänden bröckelt der Putz, Schimmel breitet sich ungehindert aus. Hinter einem der Blöcke ist am Fuße eines Hügels eine Müllkippe entstanden, deren Gestank in die Wohnungen hineinweht. Nachts ist es im Viertel dunkel. Die Straßenbeleuchtung funktioniert nicht, nur manche Wohnungen haben Zugang zum Stromnetz.

"Wasser haben wir in der Wohnung nur zwei Stunden am Tag, um 7 Uhr morgens und um 16 Uhr", erzählt Lydia Turtákova, als sie in ihrer kleinen Küche das Mittagessen auftischt. Sie bindet ihre schwarzen Haare zu einem Zopf und wischt sich die Hände am Küchenhandtuch ab. Leise erzählt die zurückhaltende Frau, wie sich die Lebensbedingungen in Lunik verschlechtert haben. Seit über 20 Jahren lebt sie mit ihren Kindern und inzwischen ihren Enkeln in der Wohnung, zu zehnt in vier Zimmern. "Früher gab es sogar noch warmes Wasser, jetzt nicht mehr. Aber wir haben keine Alternative, als Familie können wir keine andere Wohnung in Košice finden." Wie ihr ergeht es den meisten Menschen in Lunik. Teils leben bis zu 30 Personen in einer kleinen Vier-Zimmer-Wohnung, manche Familien teilen sich einen einzigen Raum.

Trotzdem häufen sich bei ihnen die Mietschulden an. "Strom kostet für uns sechs Euro am Tag", sagt Lydia empört. Die Miete, die sie zahlen, wird nur für die Tilgung alter Mietschulden benutzt, sodass immer neue Schulden hinzukommen. Überprüfen können die Mieter dies aber nicht. Abrechnungen dürfen sie nicht einsehen. "Dafür bräuchten wir eine Bescheinigung, dass wir hier Mieter sind. Die bekommen wir aber nur, wenn wir alle Schulden begleichen", erklärt Lydia.

Die Ghettoisierung der Roma am Stadtrand wurde 1995 manifestiert, als der damalige Bürgermeister und spätere Staatspräsident Rudolf Schuster eine Resolution verabschiedete, in deren Folge alle Roma mit Mietschulden aus der Innenstadt nach Lunik IX vertrieben wurden. Seitdem zogen die Familien, die es sich leisten konnten, aus dem Viertel aus. Zurück blieben soziale Probleme, Hoffnungslosigkeit und Kriminalität. Die Arbeits­losenrate liegt in Lunik bei fast hundert Prozent. "Wir wissen nicht, wie wir Arbeit finden sollen", sagt Lydia. "Ich will doch nur wie ein normaler Mensch behandelt werden", fügt ihr Schwiegersohn Ladislav deprimiert hinzu.

Klare Konzepte zur Bewältigung der riesigen Probleme kann weder die Stadtverwaltung noch die slowakische Regierung vorlegen. Stattdessen werden die Roma Schritt für Schritt aus dem Blickfeld und dem Alltag der übrigen Bevölkerung entfernt. Vielleicht bringt die Ernennung Košices zur Kulturhauptstadt Europas 2013 positive Veränderungen für die Roma der Stadt mit sich.

Doch wahrscheinlicher ist, dass Lunik – wie viele andere Romasiedlungen in der Slowakei – auch ohne eine sichtbare Mauer von der Mehrheitsgesellschaft abgeschnitten bleibt. Das kleine Viertel hat eine eigene Polizeistation, eine eigene Schule und einen Kindergarten. Ein Bus in die Innenstadt fährt nur einmal in der Stunde, Taxiunternehmen weigern sich, Kunden aus Lunik abzuholen. "Es ist tragisch", berichtet ein Nachbar von Lydia. "Aber manche Leute hier wissen nicht einmal, dass es die Innenstadt gibt."

Der Autor ist Journalist und lebt in Berlin. Die Reportage ist Teil einer ­Arbeit über Roma in Europa, die von der VG Bildkunst gefördert wird.

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