Amnesty Journal Tansania 22. Januar 2013

Zappeln nach Noten

Sie wollen noch entdeckt werden: Die tansanische Band »Jagwa Music«. In ihrer Heimatstadt Dar es ­Salaam spielt die Mchiriku-Band vor allem auf ­privaten Veranstaltungen.

Von Daniel Bax

Ich habe immer davon geträumt, einmal Mitglied von Jagwa Music zu werden und ihre Songs von Kassetten nachgespielt«, sagt Jackson Kazimoto. Der 26-jährige Sänger stammt aus der Stadt Morogoro im Landesinneren Tansa­nias. »Als die Gruppe einmal nach Morogoro kam und der Sänger ausfiel, weil er betrunken war, bin ich eingesprungen. Eine Woche später wurde ich fest engagiert«, erzählt er grinsend.

In ihrer Heimatstadt Dar es Salaam sind Jagwa Music eine Institution. Seit ihrer Gründung vor zwanzig Jahren haben sie sich immer wieder personell erneuert. »Die Leute kommen und gehen«, sagt der Keyboarder Salehe Hija Diploma, der selbst vor sieben Jahren dazu stieß. Mchiriku nennt sich ihr urbaner Stil, der aus lokalen Tanzrhythmen schöpft, die in hoher Geschwindigkeit gespielt und von verzerrten Keyboard-Tönen begleitet werden. Als die billigen Casio-Keyboards in Tansania auf den Markt kamen, schloss man sie an Megaphone oder andere krächzende Verstärker an, befestigte diese an Strommasten oder auf Dächern und veranstaltete so einen Höllenlärm.

In Tansania selbst genießt diese Musik einen zwiespältigen Ruf, weil sie mit Drogen und Delinquenz in Verbindung gebracht wird. Von den Medien wird sie ignoriert. Trotzdem treten Jagwa Music auch bei Familienfeiern und Hochzeiten auf. Bis zu vier Stunden spielen sie dann am Stück, in der Provinz auch mal die ganze Nacht durch. In Dar es Salaam haben die Behörden die Band allerdings im Auge: Dort darf sie nur bis zum letzten Abendgebet ihre Streetpartys feiern.

Die meisten Stücke hat Bandleader Abdullah Gora geschrieben. »Meistens kommt er mit einer Idee, dann steuern wir eine Melodie auf dem Keyboard bei und die entsprechende Percussion dazu«, erklärt Diploma. In den Texten geht es um das Überleben in der Großstadt, aber auch um Gewalt in der Familie, um Aids oder Arbeitslosigkeit, Armut und Ungerechtigkeit. Ihre Sozialkritik paaren sie mit positiven Botschaften und ermahnen ihre Hörer, sich von Drogen und anderem Ärger fernzuhalten. Manche Zeilen finden sich als Slogans an Häuserwänden oder auf den Sammeltaxis von Dar es Salaam wieder. Dennoch müssen sich die Mitglieder von Jagwa Music mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten.

Die Erfolge von afrikanischen LoFi-Bands wie Konono No 1 oder Staff Benda Belili aus dem Kongo, die auf westlichen Rockbühnen reüssierten, haben auch für Jagwa Music den Weg nach Europa freigemacht. Kürzlich ist hier ihre erste CD erschienen. Bei ihren Auftritten entfalten Jagwa Musics billig scheppernde, aufgedrehte Beats eine hypnotische Wirkung, die auch abgekühlte Europäer zum Zappeln bringt.

»Wir sehen uns als Botschafter Tansanias«, sagt Salehe Hija Diploma. »Und wir hoffen natürlich, dass unsere Auftritte im Ausland uns auch eine größere Wertschätzung zu Hause einbringen«.

Jagwa Music: Bongo Hotheads (Crammed Discs)

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