Offene Risse
Mit der Ausstellung "Über Grenzen" präsentiert die Berliner Fotografenagentur Ostkreuz ein Kaleidoskop aus Zäunen, Mauern und Sicherheitsapparaten.
Von Lena Schiefler
Die Wolken hängen trübe über dem ruhigen Wasser. Am sandigen Ufer tummeln sich junge Familien: Von der Schulter einer Frau baumelt ein Louis Vuitton-Täschchen, sie sammelt Muscheln mit ihrem Sohn. Eine andere hat die Digitalkamera auf die offene See gerichtet. Im Hintergrund macht eine dritte Frau vor einem hohen Zaun Gymnastikübungen – die Absperrung scheint die Sonntagsidylle nicht zu stören. Die Bilder zeigen die sogenannte "demilitarisierte Zone", die seit mehr als sechzig Jahren Korea in zwei Staaten trennt.
"Über Grenzen" heißt die Ausstellung der renommierten Fotografenagentur Ostkreuz, die seit dem 9. November im Haus der Kulturen der Welt in Berlin zu sehen ist. Insgesamt 18 Fotografen erzählen in ihren Bildern von Grenzen – seien sie territorial, politisch, ideell, juristisch oder körperlich.
Im Stadion der südsudanesischen Hauptstadt Juba sitzen Männer hoch oben auf einer Mauer. Es scheint, als hätten sie die alleinige Macht über den neuen Staat, der im Juli 2011 gegründet wurde. Wo allerdings die Grenzen der Macht verlaufen, bleibt umstritten. Auf den Köpfen der Männer, die einem General zujubeln, liegt der Staub verbrannten Plastikmülls. Während 80 Prozent des sudanesischen Öls im Südsudan liegen, hat die Militärmacht Sudan die Kontrolle über die Pipelines: Die Teilung, die Frieden bringen sollte, hat einen weiteren Krieg mit sich gebracht.
Dagegen zeigen Fotos schwuler Palästinenser und Israelis die Ausmaße der sozialen Ausgrenzung. In den Ruinen eines alten Busbahnhofes in Tel Aviv porträtiert der Fotograf die jungen Männer in der Abendsonne. Ein Mann huscht über die nächtliche Fahrbahn. Da liegt Fixerbesteck auf dem Boden. Beim Betrachten der Bilder meint man, den Geruch von Urin und Sperma in der Nase zu haben.
Distanz herzustellen scheint schier unmöglich angesichts der Situation von behinderten Kinder in einem Heim in Bulgarien oder von Roma, denen eine Fotografin von Italien in den Kosovo gefolgt ist. Sogar in ein von der chinesischen Mafia bewachtes Viertel im norditalienischen Prato konnte eine Fotografin unerkannt vordringen. Illegale Einwanderer arbeiten hier mehr als 18 Stunden für die "Pronto Moda": billige Mode, die aktuelle Trends imitiert.
Die Ausstellung dokumentiert auch die europäische Einwanderungspolitik: Mit Wärmebildkameras, Bewegungsmeldern und elektronischen Zäunen sichert die Grenzschutzagentur Frontex die Außengrenze der EU zwischen Griechenland und der Türkei. In Zukunft sollen Flüchtlinge auch mit Robotern und Drohnen ausfindig gemacht werden.
Beeindruckend nüchtern sind Bilder, die zeigen, wie Grenzen in Deutschland gewahrt werden: Zu sehen sind der Besucherraum im Abschiebegewahrsam in Berlin-Köpenick, Aktenordner einer Ausländerbehörde oder die Gemeinschaftsküche in einem Wohnheim für Asylbewerber. Abschiebungsbescheide veranschaulichen den Bürokratismus, mit dem über die Schicksale von Menschen entschieden wird. Die Zeichnung einer Ikone unter einem Stockbett wirkt wie ein persönliches Mahnmal.
Geradezu als Lichtblick erscheinen da die sauberen, klaren Aufnahmen des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag. Es scheint, als habe der Fotograf der Institution einen Heiligenschein aufgesetzt.
Historische Aufnahmen der DDR-Fotografen Ute und Werner Mahler sowie Harald Hauswald, den Gründern der Agentur Ostkreuz, dokumentieren Menschen hinter dem Eisernen Vorhang, die sich danach sehnen, Grenzen zu überwinden.
Die Autorin ist freie Journalistin und lebt in Berlin.
Die Ausstellung "Über Grenzen" ist vom 9. November bis zum 30. Dezember 2012 im Haus der Kulturen der Welt in Berlin und vom 17. Mai bis 11. August 2013 im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden zu sehen. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Ostkreuz (Hrsg.): Über Grenzen. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2012. 160 Abbildungen, 292 Seiten, 38 Euro.