Amnesty Journal 22. Januar 2013

Grauenhaft klare Botschaft

So viel nackte Verzweiflung: Der US-amerikanische Antikriegsklassiker "Johnny got his gun" liegt nun in neuer Übersetzung vor – samt eindrucksvollen ­Illustrationen.

Von Maik Söhler

Vorsicht! Dieses Buch ist eine sich über mehr als 230 ­Seiten erstreckende Qual, eine Tortur des Empfindens, ein Abgrund an Leid, Verzweiflung und Elend. Und: ­Dieses Buch ist ein Muss für jeden, der Fragen von Krieg und Frieden trotz aller Abstumpfung infolge der zahl­reichen bewaffneten Konflikte der Gegenwart noch an sich ­heranlassen will.

Wer Dalton Trumbos Antikriegsklassiker "Johnny got his gun" schon als Buch oder Film kennt, kann die jüngst im Berliner Verlag Onkel & Onkel erschienene Neuübersetzung unter dem Titel "Und Johnny zog in den Krieg" zum Anlass nehmen, eine bekannte Handlung in einer behutsam der Gegenwart angepassten Sprache wiederzuentdecken – unterstützt von feinsinnigen Illustrationen des Zeichners Felix Gephart. Wer das alles noch nicht kennt, hat ein Buch vor sich, dessen Lektüre tiefe Spuren hinterlassen wird.

Wer versteht sich besser auf das Leid des Krieges als der Verstümmelte? Der Tote kann nichts mehr erzählen, der gesund heimkehrende Soldat zieht häufig eine rasche Reintegration in Familie, Gesellschaft und Arbeitswelt der Erinnerung an Gräuel, Tod und Verderben vor. Nur selten werden Kriegstraumata zum Thema in der Öffentlichkeit. Der Verstümmelte aber wird jeden Tag aufs Neue mit seinem Mangel konfrontiert. Sei es, dass ein Arm fehlt. Oder ein Bein. Oder beides.

Beim 21-jährigen Joe (Johnny) Bonham, der freiwillig für sein Land, die USA, in den Ersten Weltkrieg zieht, fehlen nach der Explosion einer Granate in den Schützengräben Frankreichs nicht nur beide Arme und beide Beine, sondern auch Nase, Mund, das gesamte Gesicht sowie die Fähigkeiten zu hören, zu schmecken, zu riechen, zu sprechen und zu sehen. Was ihm als einziges Sensorium bleibt, ist seine Haut, bewegen kann er unter Mühe nur seinen Kopf.

Gefangen im Torso und unter einer Gesichtsmaske, die Ärzten und Krankenschwestern den Anblick des zertrümmerten Gesichts ersparen soll, lebt jedoch ein waches und empfindsames menschliches Bewusstsein, das sich nach und nach seiner Lage klar wird – als unbekannter Soldat bis zum Tod als Pflegefall in einer Klinik liegen zu müssen. Ihm bleiben die Erinnerungen an das eigene intakte Leben als Jugendlicher und junger Erwachsener.

Und als Stummem und Taubem bleibt ihm die verzweifelte Suche nach Möglichkeiten, mit seiner Umgebung trotz Schwäche, Ängsten und Depressionen Kontakt aufzunehmen und so aus der psychischen Isolation auszubrechen: "Es war nicht richtig einen Menschen einzusperren. Es war nicht richtig ihn für immer zu einem Gefangenen zu machen. Ein Mensch musste unter anderen Menschen sein. Jedes Lebewesen musste unter seinesgleichen sein. Er war ein Mensch ein Teil der Menschheit und er wollte dass man ihn rausholte damit er andere Menschen um sich herum spüren konnte."

Dalton Trumbos "Johnny got his gun" erschien erstmals im Jahr 1939, nur wenige Tage vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. So wie Bonham alle Gliedmaßen fehlen, fehlen dem Buch alle Kommata. Man gewöhnt sich schnell daran und vergisst doch nie, dass sie fehlen. Trumbos Sprache ist klar und eindringlich zugleich. Deutlich werden der Fortschrittsgeist und der Glaube an die eigene Unbesiegbarkeit in den USA zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Deutlich wird auch, wie wenig die Toten und Versehrten nach dem Krieg einer Gesellschaft bedeuten, wie sie vom weiteren Fortschritt und dem noch größeren Glauben an die eigene Unbesiegbarkeit am Wegesrand zurückgelassen werden.

So schlicht Trumbos zentrale Botschaft auch ist, so komplex wird sie vom Innenleben seines maximal verkrüppelten Protagonisten gekontert. Ist er, das Opfer des Weltkriegs, nicht selbst schuld? Geschieht ihm das mit seinem Hurra-Patriotismus nicht gerade recht? Oder konnte er, verblendet von Kriegspropaganda, gar nicht erkennen, welchen Interessen er folgte?

Im Finale des Romans prallen solche Widersprüche eng gefolgt aufeinander. Könnte der Torso abschreckend auf alle wirken, die für künftige Kriege rekrutiert zu werden drohen oder ist er nur der Beweis für einen medizinischen Fortschritt, der den sicher dem Tode geweihten Körper Bonhams am Leben erhalten kann? Ist Bonhams Hoffnung die auf ein Leben in menschlicher Gesellschaft oder die auf einen ärztlichen Gnadentod?

Er schafft es schließlich, mit seinem Kopf Morsezeichen zu geben, die nach Monaten der Erfolglosigkeit plötzlich von einer Pflegerin verstanden werden. Hoffnung entsteht und vergeht. Trumbos teils religiöses, teils kommunistisches Pathos in der zweiten Buchhälfte wirkt auf den ersten Blick sonderlich, wird aber als die andere Seite von Hoffnungslosigkeit und Isolation zumindest in Teilen nachvollziehbar.

Die Illustrationen von Felix Gephart nehmen den Extremen in Trumbos Buch – Qual und Pathos – auf intelligente Weise die Spitze und verstärken gleichzeitig das widersprüchliche Bild einer geschundenen Kreatur, die als Subjekt ihren mal kleineren, mal größeren Teil zu den Verhältnissen beiträgt. Bonhams innere Konflikte um zivile und militärische Erinnerungen, seine Mühen mit Zahlen, Zeitempfinden und Kommunikation, seine Kämpfe gegen Ängste und den drohenden Wahnsinn finden sich wieder in kleinen Skizzen und großen ganz- oder doppelseitigen Zeichnungen. Sie prägen die Atmosphäre der einzelnen Kapitel mit, ohne mit dem Text in Konkurrenz zu treten. Sie geben stattdessen Konturen und Halt in einer literarischen Welt, in der der Protagonist immer weiter zerfällt.

Antikriegsliteratur läuft stets Gefahr, nur jene Leser zu erreichen, die von der Botschaft ohnehin überzeugt sind, sie ist meist ein "preaching to the converted". "Und Johnny zog in den Krieg" ist ein gutes Beispiel dafür, dass es auch anders geht. Das Buch eignet sich dank moderner Sprache und den so detailreichen wie klaren Illustrationen gleichermaßen für Jugendliche wie Erwachsene. Es beweist außerdem, dass aufwändige Neuübersetzungen nicht nur für Literaturliebhaber von Wert sein können.

Der Autor ist Journalist und lebt in Berlin.

Dalton Trumbo: Und Johnny zog in den Krieg. Neu übersetzt von Tina Hohl, Illustrationen von Felix Gephart. Onkel & Onkel, Berlin 2012. 232 Seiten, 24,95 Euro.

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