Amnesty Journal Afrika 25. September 2012

Kleine Krieger

In Zentralafrika sind die gesellschaftlichen Strukturen durch Bürgerkriege und ­marodierende Milizen völlig zerrüttet. Staatliche Institutionen sind entweder zu schwach, um die Zivilbevölkerung zu schützen, oder tragen selbst zur Gewalt bei.
Kinder haben häufig keine andere Wahl, als sich bewaffneten Gruppen anzuschließen.

Von Dominic Johnson

Sie gehören zu den markantesten Bildern der Kriege Zentralafrikas: Kinder mit Gewehren, die größer sind als sie selbst, die mit finsterem und entschlossenem Blick Erwachsene spielen. In den Konfliktgebieten inmitten Afrikas, vom Südsudan über die Zentralafrikanische Republik bis in die Demokratische Republik Kongo, sind Minderjährige ein fes­ter Bestandteil der unzähligen irregulären Milizen. Kadogos nennt man sie: ein Swahili-Wort, das »die Kleinen« bedeutet.

Der Einsatz von Kindern in bewaffneten Konflikten gilt völkerrechtlich als Kriegsverbrechen. Das Rom-Statut, das dem Internationalen Strafgerichtshof zugrunde liegt und durch das Völkerstrafgesetzbuch auch in deutsches Recht übertragen worden ist, nennt in diesem Zusammenhang »die Zwangsverpflichtung oder Eingliederung von Kindern unter 15 Jahren in die nationalen Streitkräfte oder ihre Verwendung zur aktiven Teilnahme an Feindseligkeiten«. In einem weiteren Artikel werden diese Vorgaben durch die Formulierung »Streitkräfte oder bewaffnete Gruppen« ergänzt.

Als am 14. März 2012 der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag sein erstes Urteil fällte, geschah dies ausschließlich mit Bezug auf das Rom-Statut. Thomas Lubanga, einst Führer der Miliz »Union kongolesischer Patrioten« (UPC) im Distrikt Ituri im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo, wurde der Rekrutierung und des Einsatzes von Kindersoldaten in der Zeit von 2002 bis 2003 für schuldig befunden und zu 14 Jahren Haft verurteilt.

Lubanga habe als oberster Führer seiner Miliz Kinder unter 15 Jahre »eingezogen und rekrutiert und sie dafür eingesetzt, ­aktiv an Feindseligkeiten teilzunehmen«, und zwar sowohl auf erzwungener als auch auf freiwilliger Basis, so der Richter. Sie wurden demnach in die militärischen Ränge der UPC eingezogen, nahmen an Kämpfen teil und wurden als Wachleute eingesetzt.

Unter den Kongolesen, die in Ituris Hauptstadt Bunia den Urteilsspruch gegen Lubanga am Radio mitverfolgten, waren einige dieser ehemaligen Kindersoldaten. Einer äußerte hinterher seine Verwunderung: Er habe im Krieg in Ituri seine Eltern verloren und sei mit zwölf Jahren Waise geworden. Die UPC habe ihn aufgenommen und versorgt. Was hätte er denn sonst machen sollen, fragte er. Und wieso sei deswegen Lubanga ein Verbrecher?

Der Miliz-Führer ging während einer Gerichtsanhörung, bei der das Strafmaß festgelegt werden sollte, ebenfalls auf diesen Widerspruch ein. Lubanga dementierte nicht, dass es Kindersoldaten in seiner Miliz gab. Aber keiner von ihnen habe in Den Haag gegen ihn ausgesagt, behauptete er. »Bedeutet dies, dass es kein Kind unter 15 Jahren in der UPC gab?«, fragte er rhetorisch. »Bedeutet es, dass von ihnen keiner glaubt, dass ich ein Verbrecher bin?« Verheerende Massaker in Ituri hätten Tausende von Kindern dazu bewogen, sich zum militärischen Training zu melden, fügte er hinzu. »Die, die für diese Massaker verantwortlich sind, sind noch immer in Kinshasa an der Macht. Warum hat das Gericht sie nicht angeklagt?«

Besonders umstritten im Lubanga-Verfahren war die von der Anklage vertretene und von den Richtern übernommene weit gefasste Definition des Straftatbestands »Verwendung zur aktiven Teilnahme an Feindseligkeiten«. Demnach muss ein Kind nicht selbst kämpfen – das wäre »direkte Teilnahme«. Eine »aktive Teilnahme« kann jedoch auch indirekte Handlungen mit einbeziehen. Es genügt laut Gericht also auch eine »aktive Teilnahme an Aktivitäten, die mit Kampfhandlungen verbunden sind, wie Ausspähen, Spionage, Sabotage und die Verwendung von Kindern als Lockvogel, Kuriere oder an militärischen Checkpoints«. Maßgeblich ist dann »ob die Unterstützung, die das Kind den Kämpfern liefert, ihn oder sie einer realen Gefahr als potentielle Zielscheibe aussetzt«.

Das allerdings ist eine schwer handhabbare Definition in Situationen, wo Milizen gezielt die Zivilbevölkerung terrorisieren. Diese ist ständig gefährdet, egal, ob sie sich in die Kämpfe einmischt oder nicht. Wenn Zivilisten Kämpfer unterstützen, kann sich in solchen Situationen die Gefahr für sie sogar verringern. Vor allem für Kinder, die ansonsten schutzlos und unversorgt bleiben würden.

Kadogos haben im Kongo eine besondere Geschichte. Zum Massenphänomen wurden sie Mitte der neunziger Jahre, als die Rebellenarmee Laurent-Désiré Kabilas, militärisch angeleitet von Ruanda und Uganda, vom Ostkongo aus quer durch das riesige Land marschierte, um die langjährige Mobutu-Diktatur zu stürzen. Der Vormarsch von Kabilas Rebellenarmee Allianz Demokratischer Kräfte zur Befreiung des Kongo (AFDL) war ein Triumphzug, dem die Bevölkerung in jeder Stadt applaudierte. Für Teenager, die etwas auf sich hielten oder etwas erleben wollten, war es Ehrensache, sich dieser Rebellion anzuschließen.

Für die kongolesische Bevölkerung war es zudem ein konkreter Akt der Befreiung, wenn die eigenen Söhne zur Waffe griffen und Dörfer und Felder bewachten, nachdem die plündernde Mobutu-Soldateska geflohen war. Es sind im Kongo Romane und Memoiren geschrieben worden, die das hemmungslos romantisieren und in ein rosarotes Licht von Freiheit und Abenteuer tauchen.

Die Realität sah zuweilen weniger rosig aus. Der US-Autor ­Jason Stearns erzählt in seinem Buch »Dancing in the Glory of Monsters« die Geschichte von Kizito, der Ende 1996 wie viele seiner Altersgenossen im Alter von 16 Jahren aus den Slums von Bukavu ins nächste AFDL-Trainingslager abhaute. Er berichtet von schlechter Versorgung, von an Folter grenzenden Disziplinierungsritualen und schließlich von dem Tag, an dem die Offiziere die Jugendlichen versammelten und ihnen sagten: »Jetzt ist die Armee eure Familie.« Dann wurden Gefangene vorgeführt und die jungen Rekruten mussten sie eigenhändig töten, »wie Ziegen«. Danach erst waren sie vollwertige Soldaten. Danach erhielten sie Uniformen und Waffen und mussten bedingungslosen Gehorsam leisten.

Dass Kindersoldaten Mobutu stürzten, ist dennoch in die Folklore des Kongo eingegangen, und der 15. Mai, Jahrestag des Beginns des Einmarsches der AFDL in Kinshasa, wird zuweilen als Feiertag für die Kadogos begangen. Für lokale ethnische Milizen im Ostkongo, generisch unter dem Begriff »Mayi-Mayi« bekannt – wegen der verbreiteten Praxis des Initiationsritus mit »heiligem« Wasser (»Mayi« auf Swahili), das unverwundbar machen soll – ist die Rekrutierung im Kindesalter Normalität. »Die Mehrheit der Mayi-Mayi-Milizionäre sind Kinder«, stellte im Jahr 2001 ein UNO-Menschenrechtsbericht fest. »Es ist die Philosophie dieser Bewegungen, dass die Kinder des Kongo verpflichtet sind, das Land ihrer Ahnen zu verteidigen.«

Das war auch die Basis, auf der Lubangas Miliz Kinder rekrutierte. In Ermangelung eines Staates, der die Bürger schützt, aber angesichts der Gefahren durch bewaffnete Gegner müssen bedrohte Gemeinschaften zusammenhalten. Das gängige juristische Argument ist, dass Minderjährige gar nicht in der Lage sind, eine solche Entscheidung frei zu treffen. Diese Annahme passt aber nicht zu einem Leben voller extremer Gewalt und Unsicherheit, das sich kein Mensch freiwillig auswählen würde.

In Gesellschaften, in denen Kinder zu arbeiten beginnen, sobald sie laufen lernen, ist es nicht vermittelbar, wieso Hilfe von Minderjährigen für eine bewaffnete Einheit ein Verbrechen sein soll, das von internationalen Gerichten geahndet werden darf. Zumal, wenn vorhergehende Massaker, die die Kinder erst dazu veranlassten, sich bewaffneten Gruppen anzuschließen, ungesühnt bleiben.

Einen weiteren Aspekt, der für die Menschen im Kongo und in Zentralafrika zentrale Bedeutung besitzt, lässt das Völkerrecht völlig außer Acht. Schließen sich Kinder einer bewaffneten Gruppe an, die aus ihren Freunden und Nachbarn besteht und die ihnen Schutz verspricht, wie das bei den meisten Kadogos der Fall gewesen ist? Oder werden sie von einer marodierenden fremden Miliz oder Armee verschleppt und versklavt, wie es beispielsweise heute die aus Uganda geflohene »Widerstandsarmee des Herrn (LRA)« von Joseph Kony in einigen Regionen des Kongo und der Zentralafrikanischen Republik immer noch praktiziert?

Im laufenden Prozess gegen die beiden in Deutschland lebenden Führer der im Kongo kämpfenden ruandischen Hutu-Miliz FDLR vor dem Oberlandesgericht Stuttgart sind die Kadogos mehrfach Thema gewesen. Dort sagte wenige Tage vor dem Schuldspruch gegen Thomas Lubanga in Den Haag ein demobilisierter FDLR-Kämpfer aus, der aus Ruanda als Zeuge eingeflogen worden war. Demnach sei in den Milizen die Grenze zwischen Dienst mit und ohne Waffe fließend. »Ein Kadogo macht verschiedene kleine Tätigkeiten«, führte der Zeuge aus. »Es kommt darauf an, wie groß und stark er ist. Manchmal trägt er Ausrüstung, die Kleidung oder das Gewehr des jeweiligen Vorgesetzten. Aber man traut ihm nicht zu, dass er die Waffe gut benutzen kann.«

Es gibt aber auch andere Kategorien von Kadogos, zum Beispiel solche im Umfeld hoher Kommandeure. »Ein Kadogo ist ein guter Schütze. Er hat schießen gelernt. Er kann nicht beim Militär bleiben, ohne schießen zu lernen«, sagte der Zeuge weiter aus. »Ich sah, wie sie Gewehre montierten und andere Trainings absolvierten. Wir haben mit ihnen militärische Paraden gemacht und stellten fest, dass wir nicht mehr wissen als die, die man Kadogos nennt.«

Paul Rwarakabije, der erste Militärchef der FDLR bis zu seiner Desertion und Rückkehr nach Ruanda 2003, führte bei seiner Vernehmung in Stuttgart im Oktober 2011 aus: »Alle Kinder hatten militärische Ausbildung. Jeder hat seine eigene Geschichte.« Manche seien Waisen und die Armee sei ihre Familie. Manche seien Kinder von Soldaten. Sie würden von Soldatenkindern zu Kindersoldaten. »Etwas anderes kennen sie nicht.« Und solange die Menschen in den Wäldern, Bergen und Savannen Zentralafrikas sich vor allem selbst schützen müssen, wird sich das auch nicht ändern.

Der Autor ist Auslandsredakteur bei der »taz«.

Liste der Schande
In ihrem aktuellen Jahresbericht fasst die UNO unter der Leitung der Sonderbeauftragten Radhika Coomaraswamy zusammen, was Kinder und Jugendliche in Kriegen und Krisengebieten ertragen müssen. Die »Liste der Schande« dokumentiert in 23 Ländern schwerste Verstöße gegen die Rechte von Kindern in Kriegen und bewaffneten Auseinandersetzungen. Insgesamt sind 52 Konfliktparteien registriert, von Terrornetzwerken wie al-Qaida im Irak bis zu Milizen wie der »Lord’s Resistance Army (LRA)« in Uganda.

Eine besonders große Zahl von Verbrechen gegen Kinder mussten die UNO-Mitarbeiter in Zentralafrika registrieren. In Ländern wie der DR Kongo, dem Tschad oder dem Südsudan wurden Kinder zu Hunderten getötet oder verletzt. Zum ersten Mal auf der Liste sind Verstöße durch neue Konfliktparteien in Syrien, Libyen und dem Jemen aufgeführt. Auf einer speziellen Watch List werden besonders schwere Verstöße in fünf aufeinanderfolgenden Jahren dokumentiert. 32 Staaten, Milizen und Armeen erfüllen derzeit dieses Negativ-Kriterium. Es sind aber auch positive Entwicklungen zu verzeichnen. So will die Regierung in Myanmar alle Minderjährigen aus dem Armeedienst entlassen und keine neuen rekrutieren.

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