Amnesty Journal Tunesien 25. September 2012

Ein freies Wort

Zeichnung eines Fotoapparates, eines Pinsels und Viertelnoten

Die Sängerin Emel Mathlouthi wurde 2011 zur Stimme des tunesischen Aufstands. Nun ist mit "Kelmti Horra" ein Album ihrer Protestlieder erschienen.

Von Daniel Bax

Während des Aufstands gegen das Ben-Ali-Regime in Tunesien wurde sie zur Stimme der Jasminrevolution. Ihr Song "Kelmti Horra" – zu Deutsch: "Meine Worte sind frei" – machte im Internet die Runde, die anrührende Folkballade inspirierte Aktivisten und reflektierte den Geist der Stunde. "Meine Landsleute ermutigen mich, sie stehen hinter mir", sagt Emel Mathlouthi, die seit einigen Jahren in Paris lebt, über die Verbindung, die sie bis heute zu ihrem Publikum in Tunesien hält. Dabei ist sie seit jenen Tagen im Januar 2011, als sie eigens nach Tunesien reiste, um bei diesem historischen Umsturz dabei zu sein, erst im Juni 2012 wieder in Tunis aufgetreten. Auch ihr neues Album ist in Tunesien bislang nur über das Internet erhältlich, weil es dort keinen geeigneten Vertrieb gibt.

"Kelmti Horra" heißt das Album der 30-jährigen Sängerin, das in diesem Sommer erschienen ist. Der Titelsong sticht in seiner akustischen Einfachheit heraus. Die meisten Songs auf "Kelmti Horra" tragen ein elektronisches Trip-Hop-Gewand, was ihrem Produzenten und musikalischem Partner Nazal zu verdanken ist, die Stimmung ist überwiegend düster und schwer. "So waren meine Gefühle in jener Zeit, in der ich meine Lieder geschrieben habe", erklärt Emel Mathlouthi die tiefe Melancholie, die das Album durchzieht. Dass sich ihre Songs auf die Situation in Tunesien unter Ben Ali beziehen, merkt man schon an Titeln wie "Dhalem" ("Tyrann"), "Yo Tounes Ya Meskina" ("Armes Tunesien"), "Ethnia Twila" ("Der Weg ist weit") oder schlicht "Yezzi" ("Genug"). "Wir kämpften gegen die Diktatur, das Unrecht und die Isolation", sagt Emel Mathlouthi dazu. "Natürlich hat mich das geprägt." Jenen eine Stimme zu geben, die sich selbst nicht ausdrücken ­können, das gehört zu ihrem Selbstverständnis – und Joan Baez, die Protestikone der US-Bürgerrechtsbewegung der sechziger Jahre führt sie dabei als Vorbild an. Als politische Künstlerin will sie sich trotzdem nicht verstanden wissen. "Alles ist politisch", sagt sie. "Aber Musik und Kunst sind größer als ­Politik."

Neue Lieder hat sie seit der Revolution noch keine aufgenommen. "Ich fühle mich nicht verpflichtet, auf jede neue Entwicklung mit einem neuen Song zu antworten", rechtfertigt sich die Sängerin. "Ein Künstler ist doch keine Maschine, die auf aktuelle Ereignisse reagiert", empört sie sich. Erst einmal möchte sie ihre Musik der Welt näher bringen. "Es gibt andere Länder, in denen man immer noch für diese Menschenrechte kämpfen muss", sagt sie. "Und jedes Mal, wenn ich ­woanders singe, merke ich an den Reaktionen, dass meine Lieder universell sind." Auch ihr Publikum in Tunesien muss sie erst noch richtig kennenlernen. "Wegen der Zensur konnte meine Musik früher nicht zu den Leuten durchdringen", sagt sie. Und heute fehlt es in Tunesien noch an einer funktionierenden Musikindustrie, die sie über die bisherigen Kreise hinaus bekannter machen könnte.

Trotz aller Rückschläge ist Emel Mathlouthi optimistisch, was die Zukunft ihres Landes betrifft. "Wir müssen das sein", sagt sie trotzig. "Wir werden noch einige Zeit brauchen, um ein wirkliches demokratisches System zu etablieren", ist sie überzeugt. "Aber Tunesien ist auf einem guten Weg."

Emel Mathlouthi: Kelmti Horra (Harmonia Mundi)

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