Amnesty Journal Russische Föderation 14. Mai 2012

"Nicht zu viele Illusionen machen"

Ein Gespräch mit der preisgekrönten Literatin Alissa Arkadjewna Ganijewa über das Engagement russischer Künstler gegen Putin.

Die Protestbewegung gegen die Regierung in Russland reißt nicht ab. Was ist für Sie das Überraschendste daran?
Ein großer Teil der Demonstranten sind Leute, die in ihren ­Büros vor sich hinarbeiten, das Internet benutzen und denen Politik bislang egal war. Sie hatten schon lange vor den ganzen Ungerechtigkeiten kapituliert und glaubten nicht daran, etwas bewirken zu können. Diese Leute lebten nach dem Grundsatz: Beschäftige dich mit deinen eigenen Dingen, misch dich nicht in die Politik ein, und versuche die Augen vor allem Schlechten zu verschließen. Doch jetzt werden sie plötzlich aktiv.

Was hat sie motiviert?
Diese neuen Demonstranten fühlen sich betrogen und von den Politikern für dumm verkauft. Nun wollen sie allen zeigen, dass sie keine Idioten sind.

Bei den Protesten marschieren auch Nationalisten auf …
Das ist in der Tat eine unerwartete Tendenz, dass sich ein Libe­raler, wie der Blogger Alexej Navalny, mit extremen Nationa­listen zusammentut. Es ist ja normal, dass sich die Opposition vereinen will. Doch gleichzeitig ist es sehr gefährlich, dass bestimmte Sichtweisen auf diese Weise populär werden und solche Leute an die Macht kommen könnten.

Welche Rolle spielen Künstler in der aktuellen Protestbewegung?
Die Künstler waren immer eine der progressivsten Schichten der russischen Gesellschaft. Das ist auch heute noch so. Nicht umsonst stehen Schriftsteller wie Boris Akunin und Dmitri Bykow oder der Rockmusiker Juri Schewtschuk an der Spitze der Protestbewegung. Das kommt beim Publikum an, viele nehmen gerade deswegen an den Kundgebungen teil. Doch man sollte sich nicht zu viele Illusionen über ihren Einfluss machen. In einer abgeschotteten Gesellschaft wie der sowjetischen hatte eine Erzählung wie der "Archipel Gulag" von Alexander Solschenyzin noch den Effekt einer Bombe. Heute ist das anders. Ich glaube nicht, dass die satirischen Gedichte von Bykow überall in Russland gelesen werden und Millionen Leser beeinflussen. Sie erreichen nur einen kleinen intellektuellen Kreis. Deshalb ist es der Staatsmacht in der Regel auch egal, worüber in Büchern geschrieben wird. Nein, jetzt ist nicht die Zeit für ernste Literatur, sondern für Blogs und Filme auf YouTube. Wenn ein Schriftsteller seine Meinung über die heutige Situation in einem Buch ausbreiten würde und das gleichzeitig auf YouTube täte, hätte Letzteres einen ungleich größeren Effekt.

Stehen Künstler jetzt stärker unter Druck?
Druck wurde auch schon vor den Wahlen und Protesten ausgeübt. In einzelnen Fällen jedoch leiden die Leute darunter. Der Schriftsteller Sachar Prilepin hat kürzlich bei einem Treffen mit Putin die Frage nach der Kampagne eines persönlichen Freundes von Putin gestellt. Dabei waren mehrere Milliarden Rubel verschwunden. Putin, als guter Demagoge, antwortete irgendetwas und beendete das Gespräch. Dann sollte Prilepin an einer Talkshow im Fernsehen teilnehmen. Als er dort ankam, wurde ihm mitgeteilt, dass er nicht auftreten dürfe. Die Mitarbeiter des Senders hatten Angst. So etwas kommt oft vor. Wer unbequeme Fragen stellt, den lädt man eben besser nicht ein. In der Regel sind alle diese Beispiele mit dem Fernsehen verbunden. Denn das ist das Medium, in dem am stärksten zensiert wird.

Wie geht es Ihrer Meinung nach weiter?
Jetzt, wo die Menschen so ganz unerwartet ihr kreatives Potenzial entdeckt haben, ist das Eis endgültig gebrochen. Was sind auf den Kundgebungen nicht alles für Plakate zu sehen! Die sind alle sehr geschmack- und gehaltvoll. Die Menschen haben ihre Furcht verloren, und alles läuft ganz ohne Aggressionen ab. Sie gehen auf die Straße wie zu einem Fest. Dieses Gefühl werden die Menschen nicht vergessen und auch weiter zum Ausdruck bringen.

Wie wird sich die Staatsmacht verhalten?
Die Regierung ist etwas eingeschüchtert. Das zeigt sich daran, dass jetzt über die Demonstrationen im staatlichen Fernsehen berichtet wird und die Machthaber einige Zugeständnisse gemacht haben. Die sind zwar noch nicht viel wert, aber für die Bewegung ist das bereits ein kleiner Sieg. Deshalb glaube ich auch nicht, dass die Staatsmacht ihre Repressionen vor den Wahlen verstärken, sondern zurückhaltender handeln wird. Das gilt auch für die Präsidentschaftswahlen. Dort wird es wohl nicht zu solchen massiven Fälschungen kommen wie im Dezember.

Was wünschen Sie sich persönlich für Russlands weitere Entwicklung?
Dass sich die jetzige Situation ändert, jedoch keinesfalls durch eine Revolution oder radikale Maßnahmen. Denn jeder erbarmungslose Aufstand führt immer zu einer Niederlage aller Seiten. Ich wünschte mir, dass noch mehr Menschen aktiver werden und auf diese Art und Weise neue Gesichter auftauchen, die auch wählbar sind. Und ich wünsche mir, dass sich um diese herum neue Parteien bilden können, die ins Parlament kommen und dort eine reale Stimme haben. Ich fürchte jedoch, dass es in der nächsten Zeit nicht dazu kommt. Wenn das aber zu lange dauert, ist eine Revolution leider wohl unausweichlich.

Fragen: Barbara Oertel

Alissa Ganijewa wurde 1985 in Moskau geboren und verbrachte ihre ersten 17 Lebensjahre in der nordkaukasischen Republik Da­gestan. Nach dem Studium am Moskauer Gorki-Literaturinstitut arbeitete sie als Literaturkritikerin. Ihre Werke wurden in russischen Periodika wie "Snamja" und "Nowy Mir", aber auch in Wochenzeitungen wie der "Literaturnaja Rossija" abgedruckt. 2010 debütierte sie mit dem Kurzroman "Salam Dalgat", den sie unter dem männlichen Pseudonym Gulia Chiratschew verfasst hatte und der mehrfach ausgezeichnet wurde. Der Text ist in deutscher Übersetzung in der Anthologie von Christiane Körner "Das schönste Proletariat der Welt, Junge Erzähler aus Russland" (edition Suhrkamp 2011) nachzulesen. Derzeit arbeitet Ganijewa als Redakteurin für die Literaturbeilage der Tageszeitung "Nezavissimaja Gazeta".

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