Der Klang der Freiheit
Aus Anlass des 50-jährigen Engagements von Amnesty International für die Menschenrechte covern über 80 Künstler Songs von Bob Dylan. Mit ihrer CD-Compilation "Chimes of Freedom" setzen sie ein Zeichen gegen Zensur und Freiheitsberaubung.
Von Osia Katsidou
Das Jahr 1961 bescherte der Geschichte zwei bedeutsame Ereignisse: Peter Benenson initiierte mit Amnesty International eine Bewegung, die das Bewusstsein für globale Gerechtigkeit für immer verändern sollte und heute mehr als drei Millionen Menschen in über 150 Ländern für den Kampf gegen Diskriminierung und Missbrauch motiviert. Zur gleichen Zeit zog einer der wohl bedeutendsten Songwriter der Geschichte los und definierte in den folgenden Jahren Musik als Ausdrucksmedium gesellschaftlicher Themen: Bob Dylan.
Die CD-Compilation "Chimes of Freedom" ehrt diese beiden einflussreichen Menschen, die denen eine Stimme gaben, die ohne sie kein Gehör gefunden hätten. Kaum eine andere Person der Popgeschichte wird so stark mit Protestkultur und globalem Verständnis in Zusammenhang gebracht wie Bob Dylan, der große Poet und Botschafter für die Menschenrechte. Zu einer Zeit, als sich die Popmusik überwiegend mit Romantik und seichten Liebesgeschichten befasste, führte der damals 20-Jährige eine Kultur der Aufklärung in eine Gesellschaft ein, in der Konventionen das politische Klima prägten und Auflehnung nur wenig Verständnis fand. Dylan schaffte es, eine ganze Generation zu Auflehnung und kritischer Auseinandersetzung mit bestehenden Strukturen zu inspirieren und wurde so zur Leitfigur der Bürgerrechts- und Anti-Kriegsbewegung.
Um 50 Jahre Kampf gegen Zensur und Folter zu ehren, interpretieren Künstler verschiedenster Genres auf "Chimes of Freedom" einige von Dylans Klassikern sowie unveröffentlichte Songs. Die 72 Lieder und drei Downloads mit einer Gesamtlaufzeit von über fünf Stunden wirken wie ein Stück Musikkunde und feiern ein halbes Jahrhundert Amnesty International. Neben Größen wie Joan Baez, Patti Smith und Sting finden sich auch junge Künstler auf den vier CDs, darunter Miley Cyrus und Adele, die derzeit die weltweiten Hitlisten beherrschen.
"Chimes of Freedom" ist ein facettenreiches Werk, das die unterschiedlichsten Musikgeschmäcker anspricht. Weil Dylan ein vielseitiger Musiker ist, der im Laufe der Jahre verschiedene Genres bediente, funktioniert die Vielschichtigkeit des Albums. Anfangs nahmen insbesondere Dylans Folk-Anhänger seine Ausflüge in andere Gattungen krumm, doch schaffte er es immer wieder, seine Kunst glaubwürdig zu vermitteln. Dank einer klugen Komposition repräsentiert auch "Chimes of Freedom" diese Genrevielfalt.
Darauf findet sich neben der Punkrock-Band Rise Against das Popsternchen Kesha und der Soulsänger Raphael Saadiq folgt auf das Folk-Kollektiv The Avett Brothers, die neben einer alten Johnny Cash-Aufnahme mit einer außerordentlichen Version von "One Too Many Mornings" in das Album einleiten. "Chimes of Freedom" führt zudem auf eine Entdeckungsreise, wenn Joan Baez das vorher unbekannte "Seven Curses" vorträgt. Hervorstechend ist der Einsatz der 92-jährigen Folk-Legende Pete Seeger, der, unterstützt von einem Kinderchor, "Forever Young" singt.
Als letztes Lied ziert der titelgebende Originalsong "Chimes of Freedom" das Werk, gesungen von Dylan selbst im Jahre 1964. Fast hymnisch trägt der Dichter dort die Worte "the countless confused, accused, misused, strung-out ones an’ worse" (die unzähligen Verwirrten, Beschuldigten, Missbrauchten, Erschöpften und vieles Schlimmere) vor und richtet die Wahrnehmung auf Menschen, die unter globalen Missständen und Ungerechtigkeit zu leiden haben.
Dylans Songs entfalten auch heute noch Wirkung und Aussagekraft. "Du kannst jeden Dylan-Song nehmen und darin etwas finden, das noch heute relevant ist", sagt Pete Townshend von The Who, der für "Chimes of Freedom" den Song "Corrina, Corrina" interpretierte.
Produziert wurde das Projekt von Jeff Ayeroff und Julie Yannatta, die gemeinsam bereits die John Lennon-Compilation "Instant Karma" auf die Beine stellten, um die Organisation "Safe Darfur" zu unterstützen. "Wir haben uns mit Lennon in Sphären begeben, in denen nicht viele Künstler mithalten können. Nur jemand wie Bob Dylan findet sich dort wieder", sagt Ayeroff zur Entscheidung, Dylan für das 50-jährige Jubiläum von Amnesty International als Leitkünstler zu wählen. "Bob Dylan repräsentiert die Ideen von Amnesty und klärt über gesellschaftliche Zustände auf, deshalb war dieser Entschluss so richtig", fügt Karen Scott hinzu, Sprecherin für Music Relations bei Amnesty International.
Alle beteiligten Künstler, Mischer und Produzenten arbeiteten ohne Honorar an dem Projekt mit. Der Grammy-prämierte Grafiker Mick Haggerty, der zahlreiche Plattenhüllen der Musikgeschichte entwarf, verantwortete das Cover von "Chimes of Freedom", auf dem der Kopf des jungen Bob Dylan in Pop-Art-Aufmachung zu sehen ist. Das aufklappbare Album hat kein Booklet, enthält aber in den Innenseiten einen Text des Historikers und Dylan-Biografen Sean Wilentz, der an der US-Universität Princeton Geschichte lehrt. Darin fasst Wilentz die Bedeutung von Bob Dylan für die Musikwelt, aber auch für das globale Bewusstsein zusammen. "Dylans Kunst hat menschlichen Kummer erforscht und zum Ausdruck gebracht", schreibt der Wissenschaftler, "diese Kollektion seiner Lieder fasst die menschlichen und menschenwürdigen Impulse zusammen, die der Arbeit von Amnesty International Antrieb geben – ebenso wie der von Dylan selbst."
Alle Erlöse von "Chimes of Freedom" kommen der Arbeit von Amnesty International zugute. Dieses inspirierende Werk steht im Namen von Bob Dylan und der Unterstützung internationaler Musikstars für die Forderung nach weltweiter Meinungs- und Redefreiheit. "Chimes of Freedom" ist ein Ausnahmewerk, das 50 Jahre Arbeit für eine bessere Welt würdigt.
Die Autorin ist Musikkritikerin, Amnesty-Mitglied und lebt in Berlin.