Raperos
Wer auf Kuba Missstände öffentlich anspricht, gerät schnell ins Visier der Staatsmacht. Das macht viele Rapper zu Stars einer Underground-Szene.
Von Knut Henkel
Die Beamten im Gefängnis von Holguín staunten nicht schlecht, als Ende Februar die beiden Rapper von "Los Aldeanos", Aldo Rodríguez Baquero und Bian Rodríguez Gala, vor dem Tor standen und zwei Häftlinge besuchen wollten. Marcos und Antonio Lima Cruz heißen die beiden Brüder, die seit Ende Dezember inhaftiert sind, weil sie laut Behörden einen öffentlichen Skandal durch das zu laute Hören von Musik hervorgerufen haben. Laute Musik ist in Kuba in aller Regel kein Problem, aber wenn es sich um die Rap-Songs der "Los Aldeanos" handelt, dann liegt der Fall offensichtlich anders.
Dass die Verantwortlichen der kritischen Songs ihre beiden Fans besuchten, ließen die Gefängnisbeamten zwar nicht zu. Dafür sorgte die Anwesenheit der beiden Rapper, die in Kuba Kultstatus genießen, schnell für einen Auflauf von mehr als tausend jugendlichen Fans. Diese forderten ein spontanes Konzert. Doch die Polizei löste die Menge auf und nahm mehrere Dutzend Jugendliche fest, wie die von der Regierung geduldete Kommission für Menschenrechte und nationale Versöhnung (CCDHRN) berichtete.
Jüngstes Beispiel für die Popularität der Band, die nicht nur wegen ihrer melodischen Songs, sondern vor allem wegen der kritischen Texte beliebt ist. So schildern sie in "Niñito cubano" die triste Realität eines Kindes einfacher Arbeiter im wirtschaftlich maroden Kuba, das morgens mit einem trockenen Stück Brot und einer gesüßten Limonade im Magen in die Schule gehen muss. "Anspruch auf Milch hast Du ja nicht mehr, dazu bist Du schon zu alt", heißt es in den sarkastischen Textzeilen über eine Jugend in der "Período Especial". So wird die seit zwanzig Jahren währende Wirtschaftskrise in Kuba offiziell genannt. Sie geht auch am revolutionären Nachwuchs nicht vorbei.
Kaum einer weiß das besser als Bian Rodríguez Gala alias El B. Der 26-jährige Student der Psychologie steht regelmäßig am Lehrerpult. Er gehört zu den Studenten, die angesichts des Lehrermangels auf der Insel eingesprungen sind und den Hörsaal mit dem Klassenzimmer kombiniert haben. Erfahrungen, die er in seinen Texten verarbeitet. Die haben ihm und seinem kongenialen Partner El Aldeano alias Aldo Rodríguez Baquero den Respekt der Kollegen in Kuba und mehrere Auszeichnungen eingebracht.
So gewann El B. drei Mal in Folge den Preis als bester Freestyle-Rapper Kubas. Die Auszeichnung – von einem Brausehersteller gesponsert – war mit einer Einladung ins Ausland verbunden. Doch die Ausreisegenehmigung hat El B. von den kubanischen Behörden nie erhalten. Dass "Los Aldeanos" im Herbst 2010 dann doch in Spanien, Kolumbien und den USA auftreten konnten, hat so manchen in der Rap-Szene Kubas verblüfft.
So auch Gerald Thomas Collymore von "Madera Limpia", einer Rap-Band aus Guantánamo, im Osten Kubas. "Erst wollten sie, aber durften nicht ausreisen und nun sind sie Botschafter eines anderen Kubas", sagt Collymore. Was ihn im Übrigen sehr freut. In Guantánamo lebt und arbeitet er mit seinem Kumpel Yasel. Das Duo bildet den Kern der Band, die bisher zwei Tourneen im Ausland absolvierte und derzeit die dritte vorbereitet. In ihren Texten beschäftigen sich "Madera Limpia" mit dem Alltag der Jugend auf Kuba. Von jungen Männern aus der Provinz, die nach Havanna ziehen, um sich dort zu prostituieren, ist darin ebenso die Rede wie von den Spitzeln, die in der Nachbarschaft genau hinhören, was die Leute sagen und dies an die Behörden weitergeben. Pikante Texte, die "Madera Limpia" nicht überall in Kuba singen dürfen. "Stücke wie Boca Floja, in dem es um die Spitzel geht, dürfen hier in Guantánamo nicht im Radio gespielt werden. Andere Stücke schon", erklärt Gerald.
Bei Konzerten ist es nicht viel anders und das ist nicht nur im Osten der Insel so, wo der Rap weitaus weniger populär ist als in Havanna. In der Hauptstadt, genauer im Stadtteil Alamar, steht die Wiege des Rap Cubano. Doch auch dort sind Auftrittsmöglichkeiten rar. "Das kommt nicht von ungefähr", erklärt Irak Sáenz. Er ist Sänger von "Doble Filo", einem Urgestein der Rap-Szene von Havanna.
Seit fast zwei Jahrzehnten ist er dabei; hat mit "Doble Filo" 1996 das zweite Rap-Festival Kubas gewonnen und betreibt gemeinsam mit seinem Kollegen Edgard González das Studio 675 in Alamar. Die Trabantenstadt auf der östlichen Seite der Bucht von Havanna gilt als Keimzelle des Rap Cubano. Zwischen Plattenbauten und betonierten öffentlichen Plätzen improvisierten hier die ersten kubanischen MCs unter freiem Himmel, trainierten die ersten Break Dancer ihre Figuren und entstanden die ersten Tags der kubanischen Grafiteros.
Das Studio 675 von "Doble Filo", was zu Deutsch soviel wie "zweischneidig" heißt, ist eine Institution in Alamar. Recht solidarisch geht es in Havannas Rap-Comunity zu. So laden sich die Bands gegenseitig zu den Konzerten ein, um die wenigen Auftrittsmöglichkeiten zu teilen, unterstützen sich durch den Verkauf von CDs und nehmen hin und wieder Stücke gemeinsam auf. So waren mehr als zwanzig Rapper Ende Oktober 2010 in Alamar zu einer Session gekommen.
Längst hat sich die Szene ihre eigenen Strukturen geschaffen – und die sind oft wichtiger als die halb-offiziellen Einrichtungen wie die Agencia de Rap. Diese wurde im Anschluss an die offizielle "Anerkennung des Rap cubano als authentischer kubanischer Musikstil" durch Kulturminister Abel Prieto im Jahr 2001 geschaffen. Auch in der Kulturstiftung Hermanos Saíz, die landesweit Kulturevents organisiert, wurde eine Sparte für den Rap Cubano eingerichtet. In der Agencia waren lange Zeit Bands wie "Doble Filo" tonangebend.
Die Agentur wollte so zu einem Anlaufpunkt für die Raperos von Havanna werden. "Eine positive Initiative, aber viele Raperos stehen außerhalb der Agencia, weil sie sehr bürokratisch ist und sich mit kritischen Texten nicht immer leicht tut", schildert Edgard González von "Doble Filo" das zentrale Problem der Agencia. Ein Grund, weshalb sich "Doble Filo" zurückgezogen haben, denn obendrein hat die Agencia kaum etwas anzubieten: Konzerte oder Studio-Termine hat sie nicht im Angebot. An Radio- oder gar TV-Sendezeit ist in aller Regel ohnehin nicht zu denken. "Zudem sind viele Texte über die soziale Wirklichkeit den Leuten zu kritisch. Es heißt sehr schnell, ihr seid zu politisch", sagt Irak Sáenz von "Doble Filo". "Man muss aber kritisieren können – auch wenn wir mit vielen Dingen zufrieden sind."
Sáenz hat gemeinsam mit Edgard und anderen nach Alternativen gesucht. Zum Sprungbrett wurde dabei das kleine Label "Emetrece" aus Puerto Rico. Gegründet hat es Melisa Riviere, gebürtige Argentinierin und Ethnologin, um Rap aus Kuba ein Forum zu geben. Sie hat mit einer Reihe von kubanischen Rappern Videos und CDs aufgenommen, dazu Clips erstellt und Puerto Ricaner und Kubaner zusammengebracht. "Um den Dialog zwischen den Kulturen zu ermöglichen", erklärt Melisa Riviere, die gerade ihre Doktorarbeit über die Rap-Szene in Kuba schreibt.
Ihr Engagement hat einiges dazu beigetragen, dass die Songs von "Los Aldeanos", "Doble Filo" und einigen anderen Rap-Formationen inner- und außerhalb der Karibik bekannt wurden. Ein Grund, weshalb El Aldeano und El B. schließlich doch im Herbst 2010 erstmals auf Tour gehen konnten.
Der Autor ist freier Journalist und lebt in Hamburg.