Amnesty Journal Brasilien 16. November 2011

Falsches Spiel in Porto Alegre

In Brasilien laufen die Vorbereitungen für die Fußball-WM 2014 auf Hochtouren. Zehntausende Familien sollen den geplanten Großprojekten weichen. Doch der Widerstand wächst.

Von Gerhard Dilger

José Araújo zeigt auf seinen Garten: "Genau hier soll die Ringstraße verlaufen und eine Ecke von unserem Haus müss­te auch noch abgerissen werden." Seit 39 Jahren lebt der Rentner in dem fast idyllisch anmutenden Haus im Hinterhof, mit einer Tochter, dem Schwiegersohn und zwei Enkeln. Insgesamt 1.800 Familien sollen hier, im Süden von Porto Alegre, dem Ausbau eines Straßenzugs zu einem mehrspurigen Zubringer in Richtung WM-Stadion weichen.Es ist eines der größten Infrastrukturprojekte der südbrasilianischen Metropole vor der Fußball-WM 2014.

Araújo, 71, gehört auch zu den Sprechern der Betroffenen im Stadtteil Cristal. Viele seiner Nachbarn wohnen ebenso lange hier wie er. Aus den Slumhütten der ehemals armen Zuwanderer sind propere Häuser mit Strom- und Wasseranschluss geworden. Ein paar Straßenzüge weiter zeigt sich Porto Alegre jedoch von seiner tristesten Seite: Am Rande eines stinkenden Bächleins hausen Müllsammlerfamilien unter primitivsten Verhältnissen – auch sie sollen der Straßenerweiterung Platz machen.
"Das Volk muss sich zusammentun", sagt Araújo.

Er freut sich schon auf seinen nächsten Termin in der Stadtverwaltung. Und die Anwohner wehren sich: Im Februar wurde eine einstündige Straßenblockade organisiert, danach sträubten sich die Betroffenen monatelang dagegen, sich erfassen zu lassen – der ers­te Schritt zur Umsiedlung. Ende Juni schließlich musste sich Bürgermeister José Fortunati rund 400 Anwohnern in einer Gemeindeversammlung stellen.

Über allgemeine Versprechungen ging er dabei nicht hinaus – eine Abschlagszahlung für die alten Häuser, die Aussicht, in das Sozialwohnungsprogramm der Bundesregierung aufgenommen zu werden, Mietzuschüsse für die Übergangszeit. Wie es gelingen soll, die Betroffenen "in der Nähe" anzusiedeln, konnte der Bürgermeister nicht erklären – auf einem 16 Hektar großen Grundstück, das der nahe gelegene "Jockey Club" 2010 an eine Immobilienfirma verkaufte, sollen nun 20 Wohn- und Bürotürme der Luxusklasse entstehen.

"Die Richtung ist klar: Es geht um 'soziale Säuberung' mit anschließender Aufwertung", sagt Sérgio Baierle von der NGO "Cidade", die die Bewohner der betroffenen Stadtteile berät. "Die Armen sollen aus den zentraler gelegenen Regionen an die Peripherie abgedrängt werden." Diese Tendenz sei in allen zwölf WM-Austragungsorten zu beobachten. Überall haben sich Betroffene und Aktivisten zu sogenannten "WM-Volkskomitees" zusammengeschlossen.

Die WM wie auch die Olympischen Spiele 2016 in Rio seien der "perfekte Vorwand", um schon länger bestehende Tendenzen in den brasilianischen Städten fortzuschreiben, meint Baierle: "Es gibt einen unbeschreiblichen Immobilienboom – und das, obwohl schon jetzt mehr Wohnungen freistehen als das offizielle Wohnungsdefizit beträgt." Er sieht eine "politische Entscheidung" für ein Entwicklungsmodell, das die soziale Kluft ­reproduziere, ja sogar verstärke.

Besonders bitter ist das für Porto Alegre, das dank seines "Bürgerhaushalts" lange Zeit als Paradebeispiel für kommunale Mitbestimmung galt. Zwar musste der letzte Bürgermeister der linken Arbeiterpartei PT Ende 2004 abtreten. Doch stellt die PT mit Dilma Rousseff die brasilianische Präsidentin und im Bundesstaat Rio Grande do Sul, wo Porto Alegre liegt, den Gouverneur. Ohne Bundesmittel in Milliardenhöhe würde die WM grandios scheitern, doch Baukonzerne und korrupte Fußballfunktionäre haben das Heft fest in der Hand.

Wie prekär Umsiedlungen selbst bei langem Vorlauf funktionieren, zeigt ein weiteres Beispiel: Wegen der Erweiterung des Flughafens müssen insgesamt 1.500 Familien das Armenviertel Vila Dique verlassen. Die neue, gleichnamige Siedlung liegt nun fünf Kilometer weiter östlich. Die Pläne dafür stammen von 2006. Im vergangenen Jahr hätte die Umsiedlung abgeschlossen sein sollen, doch da fing sie erst an. Schon von weitem sind lange, rötliche Reihen von halbfertigen Backsteinhäusern zu sehen.

Gerade mal ein Drittel der Familien ist in die fertiggestellten Reihenhäuser eingezogen, aber zufrieden ist kaum jemand. Gilberto Comin lebt mit seiner Frau Carmen und einer kleinen Tochter in einer der winzigen, zweistöckigen Wohnungen. "42 Quadratmeter sollten sie ursprünglich groß sein, nun sind es nur 35", schimpft der Maurer, "und entgegen früherer Zusagen sollen wir sie jetzt über 30 Jahre hinweg abbezahlen, doch das machen wir nicht". Es ist Sonntagnachmittag, von nebenan tönt ohrenbetäubende Discomusik herüber.

Die Wände sind dünn und von schlechter Qualität. "In den ersten Wohnungen kommt schon das Wasser durch Risse in der Wand", sagt der 38-Jährige, "auch gibt es weder Kinderkrippen noch eine Schule oder einen Gesundheitsposten" in der neuen Siedlung. Seine Frau ergänzt: "Wenn die Leute krank sind, fahren sie in unser altes Viertel und stellen sich früh um drei Uhr am Gesundheitsposten an."

Für das Straßenprojekt im Süden von Porto Alegre verheißt das nichts Gutes. "Selbst im bestmöglichen Fall, falls alle Betroffenen in der Nähe angesiedelt werden, dürften sie 2012 und 2013 in Übergangshäusern oder in Sozialmiete verbringen", sagt die Geografin Lucimar Siqueira voraus, die bei der NGO "Cidade" für die WM-Projekte zuständig ist.

Wahrscheinlicher sei allerdings immer noch das Szenario, dass viele Anwohner an die Peripherie umgesiedelt würden – mit mangelhafter Infrastruktur wie im Fall der "neuen" Vila Dique, weit weg von ihrem Heimatviertel und von ihrem Arbeitsplatz. "Viele haben nicht nur ihr Haus, sondern ihr ganzes Leben hier aufgebaut", sagt Siqueira.

Leandro Anton, ebenfalls Geograf, gehört zu den Organisatoren des Widerstands. "Auch wenn die sozialen Bewegungen deutlich schwächer dastehen als vor 20 Jahren, sind wir in Brasilien doch besser und viel früher aufgestellt als etwa die Aktivisten in Südafrika vor der Fußball-WM oder in China vor den Olympischen Spielen", sagt Anton. "Viele Jugendliche werden durch die Mitarbeit in den WM-Volkskomitees politisiert."

"Der neoliberale Vormarsch in der Stadtpolitik ist ein globales Phänomen", analysiert der Aktivist, "auch die Arbeiterpartei hat dem wenig entgegensetzen können". Zwei "große Siege" in Porto Alegre machen ihm jedoch Mut: 2009 stimmten bei einer Volksbefragung 80 Prozent der Bürger gegen ein protziges Immobilienprojekt am Guaíba-See. Und vor einem Jahr wurde im Landesparlament der geplante Verkauf eines riesigen Grundstücks auf einem malerischen Hügel an Immobilienhaie gekippt – 4.000 arme Familien hätten umgesiedelt werden müssen.

In beiden Fällen kam es zu Allianzen zwischen ökologisch gesinnten Gruppen aus der Mittelschicht, linken Aktivisten und den Betroffenen aus dem jeweiligen Gebiet. "Im Fall der WM-Projekte ist das nicht so einfach, denn gerade die Ärmsten, die kaum politisiert und mit dem täglichen Überleben beschäftigt sind, lassen sich nur schwer organisieren", sagt Anton. Für die nächsten Jahre prophezeit er "zähe Kämpfe".

Der Autor ist Journalist und lebt in Porto Alegre.

Weitere Artikel