Amnesty Journal Deutschland 25. Juli 2011

Vielfalt statt Einfalt

Eine deutliche Antwort hatte es nötig: das Pamphlet von Thilo Sarrazin gegen Muslime in Deutschland. Das "Manifest der Vielen" liefert sie.

Von Maik Söhler

Dreißig Autorinnen und Autoren gegen einen und doch ist das nicht unfair: Denn der eine heißt Thilo Sarrazin und er weiß weite Teile der deutschen Gesellschaft hinter sich, wenn er wieder und wieder seine Thesen über Migranten und Muslime verbreitet. Das "Manifest der Vielen" gibt eine Antwort auf Sarrazins "Deutschland schafft sich ab", nein: Es gibt viele Antworten. Und stellt gleichzeitig neue Fragen. Fragen nach der Verantwortung der Medien etwa, die Sarrazin so viel Raum geben, dass "für Musliminnen und Muslime derzeit nicht einmal der Gang zum Zeitungshändler leicht ist, weil sie nie wissen, welche Schlagzeile, welches stereotype Bild sie dort erwartet", wie es in einem "Offenen Brief deutscher Musliminnen und Muslime an Bundespräsident Christian Wulff" heißt, den die Islamwissenschaftlerin und Mitautorin Riem Spielhaus zitiert.

Mit Sachverstand und großem Ernst beschreiben die Autorinnen und Autoren – unter ihnen etwa der Schriftsteller Feridun Zaimoglu – welche Folgen die Sarrazin-Debatte bereits hatte und welche sie befürchten. Ihre Ausführungen zu politischen, ökonomischen, kulturellen, religiösen und ganz alltäglichen ­Aspekten zeigen das Panorama eines Landes, in dem das Zusammenleben noch immer nicht selbstverständlich ist. Der Jurist Ekrem Senol betont dabei die Bedeutung des Grundgesetzes für alle in Deutschland lebenden Menschen: "Das Grundgesetz ist Ihr Schutzgesetz gegenüber dem Staat – und nicht umgekehrt. Der Staat ist Ihnen gegenüber verpflichtet, die im Grundgesetz verankerten Rechte zu gewähren."

Subjektive Zugänge zum Thema wechseln sich mit Essays und wissenschaftlichen Beiträgen ab. Die Tonlage schwankt ­zwischen offensiv und defensiv, Forderungen an die deutsche Mehrheitsgesellschaft finden sich neben Beifallsbekundungen für den Bundespräsidenten. Sichtbar werden die Vergangenheit, die Gegenwart und auch eine mögliche Zukunft von Rassismus, Diskriminierung und Ausschluss. Beim Lesen vermisst man manchmal einen roten Faden oder gemeinsame Thesen, auf den oder die sich die Beiträge beziehen.

Gedankliche und stilistische Brüche erschweren die Lektüre ebenso wie manche Banalität. Doch die Schwächen dieses Buches sind zugleich seine Stärken: Gerade die vielen Differenzen und Widersprüche der Autorinnen und Autoren machen deutlich, dass "der Islam" eine Erfindung Sarrazins bleibt und dass migrantische Vielfalt mehr zu ­einer offenen, an den Rechten aller orientierten Gesellschaft beiträgt als deutsche Einfalt.

Hilal Sezgin (Hg.): Deutschland erfindet sich neu – Manifest der Vielen. ­Blumenbar Verlag, Berlin 2011, 232 Seiten, 12,90 Euro

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