Wortgewalt
Sprache kann befreien, wie Nelson Mandela in Südafrika zeigte, sie kann den Machthabern unbequem werden, wovon die Schriften Liu Xiaobos zeugen. Sprache kann aber auch zerstören, der Propaganda folgten die Granaten – dafür steht der Krieg auf dem Balkan.
Von Marica Bodrožic
Menschen, die in einer Diktatur gelebt haben, berichten oft, dass ihnen noch Jahre danach das alte Leben im Kopf spukt, dass das Regime einfach da ist, unvorhersehbar, flink wie ein Gespenst, das sie nicht loswerden können und das sie manchmal an unerwarteten Lebensstellen, manchmal mitten im Glück, überrascht. Dieses Gespenst ist vornehmlich bildlich und sprachlich – Bilder, Sätze, Verbote, Reglements im Denken, und einzelne Wörter von früher erhalten sich unbemerkt in unserer Erinnerung; sie sind recht besehen immer da – aller Freiheit zum Trotz.
Umgekehrt haben Menschen in einer Diktatur manchmal ganz eigene innere Sätze im Kopf, kleine Lichter, Worte und Ideen, die ihnen helfen, die Zeit der Unterdrückung, der Schrecken und des Grauens zu überbrücken. Die eigene innere Welt kann manchmal in Extremsituationen nur mit Sprache gestützt werden. Einige dieser Freiheit suchenden Menschen schreiben oder sprechen diese Sätze laut aus und helfen damit anderen, die sich in der gleichen Situation befinden, ihre Gedanken auf die Möglichkeiten der Freiheit auszurichten.
Sie schenken ihnen damit unter Einsatz ihres eigenen Lebens Hoffnung. Ein Beispiel dafür ist der chinesische Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo, den die chinesische Regierung am 10. Dezember vergangenen Jahres nicht zur Verleihung des ihm zugesprochenen Preises reisen ließ. Seiner Ehefrau Liu Xia wurde diese Reise ebenso verboten. Auch ihre Worte und die Kraft, die von ihnen ausgeht, bedrohen die Herrschenden. Aber warum eigentlich? Die Regierenden sind, strukturell betrachtet, viel machtvoller als ein einzelner Mensch. Der Schriftsteller Robert Musil hat einmal geschrieben, dass der Ausdruck, den wir den Dingen geben, erst den Sinn entwickelt, sie richtig aufzunehmen.
Das heißt, dass die Sprache uns auch in unserem Denken leitet, uns hinleitet zur ausformulierten Kraft der Freiheit. Das muss Machthaber wie jene in China naturgemäß zutiefst bedrohen. Hat einmal jeder Einzelne einen inneren Widerstand entwickelt, lässt sich dieser nicht mehr manipulieren – wenigstens nicht im Denken, im konkreten politischen Alltag schon. Es wäre naiv zu glauben, dass die Kraft des Wortes alle Gegebenheiten auf der Stelle ändern könnte. Die Kraft der Worte ist aber eine, die sich graduell entwickelt, eine, die sich durch ihre Beständigkeit mehr und mehr in Handlung übersetzt.
Das ist für einen jenseits der Diktatur lebenden Menschen vielleicht schwer zu verstehen, aber es ist keineswegs nur theoretisch oder philosophisch gemeint. Solcherart sprachliche Formulierungen sind konkrete Aktion, zunächst nur in einem einzelnen Kopf, aber dieser Kopf kann manchmal in einer ganz bestimmten historischen Situation eine große Möglichkeit erhalten, für viele Menschen wirksam zu handeln – und damit aus der einzelnen Aktion im singulären Denken herauszutreten, um für die Gemeinschaft tätig zu werden.
In Birma können wir derzeit diesen Prozess an der aus ihrem privaten Gefängnis entlassenen Aung San Suu Kyi beobachten. Sie ist ein Symbol für den friedlichen Widerstand. "Mut bedeutet", sagte sie nach ihrer Freilassung, "dass wir uns beharrlich für das einsetzen, woran wir glauben." Um herauszufinden, was das genau ist, muss jeder für sich seine eigene Freiheit sprachlich zu fassen versuchen.
Es gibt aber Situationen in der Geschichte der Menschheit, in denen sich "plötzlich" Tausende darüber einig sind, worin die Freiheit genau in diesem Augenblick für ihre Gesellschaft oder ihr Volk besteht. Nelson Mandelas Freilassung aus dem Gefängnis hat Südafrika für immer verändert. Noch am gleichen Tag hielt er eine Rede vor 120.000 Menschen und rief öffentlich zur Politik der Versöhnung auf.
Er rief außerdem alle Menschen, die die Apartheid aufgegeben hatten, zur Mitarbeit auf und lud sie ein, an einem nichtrassistischen, geeinten und demokratischen Südafrika mit freien Wahlen und einem Stimmrecht für alle mitzuarbeiten. Im Wort "Stimmrecht" ist das Wort Stimme zu finden; eine Stimme ohne Sprache ist nicht denkbar. Die eigene Freiheit und demokratische Wahlen sind der politische Ausdruck dieser Bedeutung. Leider fehlt gerade dieses Bewusstsein sehr oft in demokratischen Ländern, weil die Menschen den Zusammenhang zwischen ihrer Stimme und der herrschenden Politik nicht mehr erkennen.
Die Wirkkraft der Sprache haben im ehemaligen Jugoslawien Menschen wie der wegen Kriegsverbrechen angeklagte Radovan Karadžić in voller Tragweite erkannt, und sie haben sie für ihre im höchsten Maße destruktiven Zwecke missbraucht. Erst in den Sätzen, die einer ganz konkreten Syntax unterliegen (und diese wiederum spiegelt ein ganz bestimmtes Denken, wie wir es etwa bei Mandela sehen können), wurde der Krieg in einem Land vorbereitet, das bis zu diesem Zeitpunkt das freieste (und wenn man so will – das demokratischste) aller einst kommunistischen Länder war.
Das Ergebnis der kriegerischen Sprache der jugoslawischen Machthaber war unter anderem die jahrelange Belagerung einer mitten in Europa liegenden Stadt namens Sarajevo. Aber die Granaten, die auf sie fielen, waren zuallererst Sprachgranaten, erst danach sind daraus konkrete Mordinstrumente geworden.
Noch Jahrzehnte später wird das Anfang der neunziger Jahre entstandene Leid die Biografien der dort lebenden und von dort weggegangenen Menschen prägen. Unter den Zungen wird der Schmerz von damals wohnen; das kann man sehr gut an den Büchern sehen, die von Autoren dieser Sprache geschrieben werden; und ebenso an jenen, die aus Ex-Jugoslawien stammen und nun in anderen Sprachen schreiben, wie etwa der Bosnier Aleksandar Hemon, in dessen Büchern Sarajevo nie fehlt, obwohl er seit Jahrzehnten in Chicago lebt und seine Bücher auf Englisch schreibt.
Im Dokumentarfilm "Images from the corner" der bosnischen Regisseurin Jasmila Žbanić kann man eine junge Frau sehen, die wochenlang im Krankenhaus lag, während der Belagerung von Sarajevo operiert wurde, überlebt hat und nun von der Regisseurin nach jenem Tag gefragt wird, an dem sie fast ums Leben gekommen wäre. Die junge Frau ist zum Zeitpunkt der Aufnahmen gerade mal 29 Jahre alt, sieht aber aus wie eine von Trauer gezeichnete Sechzigjährige.
Sie beginnt mit einer sicheren Stimme über jenen Unglückstag zu erzählen, an dem auf Anordnung von Karadžićs Militärs die Granatenexplosion beinahe ihr Leben ausgelöscht hätte. Dann wird ihre Stimme immer brüchiger, irgendwann stößt sie unter Tränen aus, dass sie einfach nicht begreifen könne, warum all das sinnlose Leiden sein musste und dass es in jedem Fall absurd und überflüssig und nur sinnlos sein könne, ohne ein Bein durch die Gegend zu laufen, wie es ein Bekannter von ihr tun müsse, einfach, weil er nie wieder sein gesundes Bein zurückbekommen werde; der Zufall wollte, dass er just an einem ganz bestimmten Tag, zu einer ganz bestimmten Uhrzeit an einer ganz bestimmten Stelle stand – und es erwischte dann eben ihn. Sinnlos sei das alles, sagt sie immer wieder, eben weil das Bein für immer weg ist. Seine Abwesenheit ist im Frieden besonders absurd, schmerzhaft als Anblick, Symbol und konkrete Lebenssituation ohnehin.
Der Krieg lebt nicht nur in den entstellten Körpern der Menschen weiter. Er lebt immer auch in ihrer Erinnerung. Und das Gedächtnis ist sprachlich. Ohne Sprache gibt es kein Bewusstsein und keine Gestaltung der Freiheit. Intuitiv müssen dies Diktatoren wie Ceauşescu erkannt haben. Autoren wie Richard Wagner und Herta Müller schreiben in ihren Büchern bis heute darüber – beide waren in Rumänien schon schreibende Menschen, gemeinsam kamen sie 1987 nach Berlin. In ihren Werken und in ihrem Leben ist die Diktatur noch immer präsent. Diese Autoren übersetzen ihr ganz persönliches Wissen in Sprache (und in Literatur). Besonders eindringlich geschieht dies bei Richard Wagner in seinen Gedichten, die Wissen und Bewusstsein spiegeln.
Die Machthaber in China haben aus der Geschichte vieles gelernt. Sie machen sich ihr Wissen strategisch zunutze. Und sie gestatten keine Zufälle mehr. Schon gar keine sprachlichen, denn Texte wie jene, die Liu Xiaobo verfasst hat, sind für die Machthaber eine immense Bedrohung. Genauso wie es die Hilfsbereitschaft der Bürger Sarajevos für die vom Berg Schießenden war – denn immer, wenn Granaten geworfen wurden, eilten die Menschen einander zu Hilfe. Diesen Moment nutzten die auf dem Berg sitzenden Militärs in perfider Weise, um dieses Miteinander in größter menschlicher Not symbolisch und vor allem konkret auszulöschen: irgendwann lernten die Menschen von Sarajevo, dass nach der ersten Granate immer eine zweite, noch heftigere kommen und alle töten würde, die gerade im Begriff wären, den Verletzten zu helfen. Also mussten sie dem sinnlosen Sterben ihrer Freunde, Geschwister, Eltern, Kinder, Frauen und Männer zusehen, wenn sie nicht selbst sterben wollten.
Heute, da der Krieg vorbei ist, können die Menschen von Sarajevo über das an ihnen Vollzogene nachdenken. Vielen fällt das noch schwer. Der Schmerz hat sich hinter der Sprache versteckt. Doch je mehr Menschen sich trauen, ihrem Leid auch sprachlich zu begegnen, desto mehr werden ihnen folgen und erkennen, wie sehr man sie für die perverse Idiotie Machthungriger missbraucht hat. Anders wird sich im Frieden nichts daraus lernen lassen. Eine Diktatur ist nur ein geheuchelter Frieden, eine Inszenierung, die leider auch handfeste Wirklichkeit ist, wie zum Beispiel in Weißrussland. Man muss nur einmal durch die Straßen von Minsk gehen, dann wird man sofort an jeder Ecke diese Inszenierung benennen können.
Die Bedrohung, die von den Worten des Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo für die chinesische Regierung ausgeht, dürfte evident werden, wenn wir in einem seiner Essays Folgendes lesen: "In der ideologischen Sphäre hat das Erwachen eines individuellen Bewusstseins und eines Bewusstseins für die eigenen Rechte zum Zusammenbruch der einheitlichen, offiziellen Ideologien geführt. Und die Diversifizierung im Wertesystem zwingt die Regierung dazu, ihre ideologischen Ausreden anzupassen." Allein in diesen zwei Sätzen ist so viel Dynamit enthalten, dass es das Denken einer ganzen Gesellschaft verändern kann. Das heißt nicht, dass das sofortige Ergebnis eine totale Freiheit ist. Es heißt aber durchaus, dass die Freiheit etwas ist, das sich im einzelnen Bewusstsein gestalten lässt. Diese Gestaltung kann sowohl in einer Diktatur als auch in einer Demokratie im Grunde genommen nur in Köpfen von Individuen beginnen.
Marica Bodrožić, geboren 1973 in Dalmatien (heutiges Kroatien), studierte Kulturanthropologie, Psychologie und Slawistik in Frankfurt am Main. Sie schreibt Gedichte, Romane, Erzählungen und Essays. Für ihre Bücher erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Förderpreis für Literatur der Akademie der Künste in Berlin und den Kulturpreis Deutsche Sprache. Marica Bodrožić lebt als freie Schriftstellerin und Übersetzerin in Berlin. Zuletzt ist ihr Roman "Das Gedächtnis der Libellen" im Luchterhand Verlag erschienen.