Amnesty Journal Argentinien 15. März 2011

Weißt du noch?

Eine Kindheit in Zeiten der Diktatur: Bilder und Bausteine persönlicher Erinnerung.

Von María Cecilia Barbetta

Luft
Nomen est omen, würde man denken. Der Name meiner Heimatstadt bedeutet Gute Lüfte. Die Argentinier und alle, die Buenos Aires kennen, schmunzeln darüber, denn sie wissen, in den Genuss des durch die Kraft des Wortes Heraufbeschworenen kommt man nicht, zumindest solange man sich in der argentinischen Hauptstadt aufhält. Wer hinter den guten Lüften her ist, muss auf Reisen gehen, innerhalb Argentiniens vielleicht in die Pampa oder nach Patagonien.

Das erste Mal, als ich in ein Flugzeug stieg und mich kurz darauf in der Luft befand, stand das Goethe-Institut dahinter. Es war im Jahre 1995, sechs Monate, nachdem ich mein Studium absolviert hatte. Eine solide Lufthansa-Maschine brachte eine damals 23-jährige argentinische Deutschlehrerin, die ihr Zuhause bis dahin nie verlassen hatte, nach Europa, damit sie in München ihr Stipendium antrat. Die Erfahrung des Fliegens, die ich ein halbes Jahr später in umgekehrter Richtung würde wiederholen können, fand ich zu jener Zeit mindestens genauso auf­regend wie all das, was die fremde Kultur mir während meines gesamten Aufenthaltes anbieten würde.

Seitdem ich meinen Wohnort nach Deutschland verlagert habe und in der Regel alle zwei Jahre die lange Reise über den Ozean antrete, um meine Familie in Argentinien zu besuchen, schaue ich mir Buenos Aires zuallererst aus der Luft an. Jedes Mal verspüre ich Herzklopfen, kurz aufeinanderfolgende Zeichen einer seltsamen Aufregung. Aus der Distanz und der gewonnenen Entfernung komme ich nicht umhin, mich zu fragen, ob ich in jener, meiner über alles geliebten Stadt der Guten Lüfte jemals frei habe atmen können.

Glas
Am Himmel stehen meist keine Wolken. Die Sonne blendet mich. Durch das bruchsichere Doppelglas des Flugzeugfensters sehe ich auf meine Geburtsstadt hinab, welche sich sachte, beinahe lasziv an den Río de la Plata zu schmiegen scheint. Zur gleichen Zeit wird mir aus der Vogelperspektive bewusst, dass meine Stadt im Inneren zu Quadraten geordnet ist. Der Ort, wo ich hingehöre, erstreckt sich vor meinen glasigen Augen schachbrettförmig bis zum Horizont. Bald bin ich da, denke ich mir, und wie immer wird meine Mutter mich vor allen anderen in die Arme schließen.

In den nächsten Tagen wird sie häufig in Erinnerungen schwelgen: Weißt du noch dies und weißt du noch das? Ich bin oft erschrocken darüber, wie wenig ich nur noch weiß. Es fühlt sich an, als hätte jemand meine Kindheit und meine Jugend zum größten Teil aus meiner Erinnerung verbannt.

»Wie war das noch mal«, sagte ich vor ein paar Wochen in den Raum hinein. Ich sprach zu meinem aufgeklappten weißen iBook, skypte mit meiner Mutter, wühlte in dem Anekdoten­repertoire aus meiner Kindheit, welches sie gerne parat hält.
Zu jener Zeit wohnten wir in einem kleinen, eingeschossigen Wohnhaus. Da meine Mutter im Patio zu tun hatte, bemerkte sie nicht, dass ich, etwa zweijährig, den Schlüssel im Schlüsselloch umdrehte und mich versehentlich in der Wohnküche einsperrte. Die Glastür – bis dahin Verbindungsglied zwischen Patio und Wohnküche, Außen- und Innenwelt – trennte uns nun voneinander. Unerreichbar auf der anderen Seite blieben die wärmende Sonne, die Wäsche auf der Leine, die Terrakottatöpfe mit den hellblauen Vergissmeinnicht, meine Mutter in ihrem geblümten Kleid ... Alles nahm das Kind, das ich damals war, neugierig in Augenschein – zum ersten Mal aber durch die unzähligen kleinen Quadrate hindurch, die das Muster unserer siebziger Jahre-Glastür bildeten.

Wahrscheinlich auch davon beeindruckt, versuchte es meine Mutter mit klaren Worten. Sie war sicher, das Kind in der Wohnküche in die Kunst des Aufschließens einweihen zu können, doch recht bald – im Angesicht des ausbleibenden Erfolgs – änderte sie ihre Strategie. Es hieß dann, wir würden ein viel lustigeres Spiel ausprobieren. Ich wurde aufgefordert, ganz zurückzutreten, während sie bereits mit einem Schrubber in der Hand etwas Anlauf genommen hatte und jetzt mit dem Holzgriff auf eine der Scheiben in unmittelbarer Nähe des Schlosses zielte. Ich, die ich am anderen Ende unserer Wohnküche angelangt war, schaute dem Unternehmen gespannt zu. Das Glasfensterchen, das sie sich ausgesucht hatte, zersprang daraufhin mit ­einem dumpfen Knall in tausend …

… Splitter
Manchmal träume ich heute noch von einer heilen Welt in einem intakten Land. In meinen Augen ist Argentinien die Chiffre für das geworden, was niemals war, aber hätte sein können. Ich fliege über den Ozean. Auf meiner Haut sind Verletzungen wie Wasserzeichen. Ich bin Krebs, geboren am 8. Juli 1972. Lanusse, letzter Regierungschef einer Diktatur, die sich »Argentinische Revolution« nennt, ist an der Macht. Im August ereignet sich

das Massaker von Trelew. 1973 kehrt General Perón aus dem Exil zurück, am Flughafen kommt es zu einer bewaffneten Auseinandersetzung, dem Massaker von Ezeiza. Perón wird Präsident, nach seinem Tod im Jahre 1974 übernimmt seine Frau Isabel Martínez die Führung des Landes – mit verheerenden Folgen. Dem wirtschaftlichen Niedergang kann kein Einhalt mehr geboten werden; die paramilitärische »Triple A« ermordet Oppositionelle und Aktivisten der Linken. Im März 1976 bringt ein Militärputsch Jorge Rafael Videla an die Führungsspitze. Im August kommt mein Bruder zur Welt. Er ist mager und sieht hässlich aus. Videla und seine Nachfolger sind die Träger des sogenannten »Prozesses der Nationalen Reorganisation«, der dunkelsten Zeit Argentiniens.

Aus Angst verbrennt mein Vater einige unserer Bücher. Im Jahr 1977 komme ich in den deutsch-argentinischen Kindergarten. Man bringt uns deutsche Lieder bei, ich verstehe kein Wort, singe aber mit. Argentinien wird Fußballweltmeister. Ich habe ein neues Wasserglas mit einem lustigen Motiv, einem Gaucho im Nationaltrikot, die Aufschrift lautet »Argentina – Mundial ’78«. 1979 komme ich in die deutsch-argentinische Grundschule. Ein Jahr später ziehen wir um. Von nun an wohnen wir in einem großen Haus mit Garten. Mein kleiner Bruder ist begeistert. Ich bin untröstlich. Ich will in unserem alten Zuhause bleiben. In der Schule üben wir, beim Ertönen der Alarmanlage das Gebäude schleunigst zu verlassen. Dabei dürfen wir nichts – nicht einmal den Schulranzen – mitnehmen.

Eines Tages rettet sich die ganze Schule in den nahegelegenen Park. Man munkelt, jemand habe eine Bombe gelegt. Zwischen April und Juni 1982 ist Falklandkrieg. In der Schule singen wir morgens den Malwinen-Marsch, einen echten Ohrwurm. 1983 ist Demokratie. Raúl Alfonsín wird in freien Wahlen zum Staatspräsidenten gewählt. Ich bin elf und in der fünften Klasse. Meine Schulfreundin erzählt mir, dass ihr Vater auf der Plaza de Mayo gewesen sei. Und ich sage, meiner ebenfalls. Später erzähle ich ihr, dass mein Vater vor Freude hat weinen müssen. Ich will wissen, ob auch ihr Vater vor Freude geweint hat und ob sie schon mal andere Väter gesehen habe, die weinen, und ob sie genauso wenig wie ich im Bilde darüber ist, wie das überhaupt gehen soll: vor Freude weinen.

Wasser
Beim Schreiben suche ich ununterbrochen nach Bildern. Ich ­suche ununterbrochen nach Bildern, um darüber zu berichten, dass es in meiner Familie keine Sprache gibt, um sich über die traumatische Zeit von 1976 bis 1983 auszutauschen. Ich suche nach Bildern, in die sich die Angst übersetzen lässt, die in der Luft liegt und die man als Kind unmittelbar einatmet.

Sieben Jahre argentinischer Militärdiktatur in den Zahlen der ersten Erhebung von 1984 bedeuten: 1.300 aktiv an den Verbrechen der Junta Beteiligte, 340 auf das ganze Land verteilte geheime Gefängnis- und Folterzentren, cirka 9.000 Verschwundene. Heute spricht man dagegen von 30.000 ›desaparecidos‹, die Zahl der Haftzentren ist auf 550 gestiegen, inhaftierten Müttern wurden etwa 500 Neugeborene gewaltsam entrissen und zur Adoption freigegeben. Die Öffentlichkeit erfuhr darüber hinaus von sogenannten Todesflügen, bei denen betäubte Opfer des Staatsterrors aus Flugzeugen lebend in den Río de la Plata geworfen wurden. Mit großer Not schreibe ich darüber, und während ich mich des Eindrucks nicht erwehren kann, die Bilder würden mir entgleiten, fallen mir unsere Familienurlaube Ende der siebziger Jahre am Meer wieder ein, meine Sehnsucht nach den Wellen und die damit verbundene Angst vor dem Wasser, schließlich auch die Erkenntnis, dass das Wasser – auch wenn man nicht schwimmen kann – einen trägt.

Sicherlich möchte ich mir aus diesem Grund die Erinnerung als ein Meer vorstellen, in dem wir alle treiben, eins, das sich in der Bewegung der Wellen in ein Meer aus unzähligen Erinnerungen verwandelt. – »Kannst du dich noch entsinnen«, frage ich meine Mutter über Skype, »unserer Nachmittage am Strand?«

María Cecilia Barbetta wurde 1972 in Buenos Aires, Argentinien, geboren, wo sie Deutsch als Fremdsprache studierte. Mit einem DAAD-Stipendium kam sie 1996 nach Berlin und blieb. 2008 erschien ihr Debüt-Roman »Änderungsschneiderei Los Milagros« (S. Fischer), für den sie verschiedene Auszeichnungen erhielt, unter anderem das Arbeitsstipendium des Berliner Senats, das Alfred-Döblin-Stipendium, den aspekte-Literaturpreis sowie den Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis. María Cecilia Barbetta schreibt auf Deutsch.

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