Amnesty Journal China 16. Januar 2012

"Politische Themen sind tabu"

Die chinesische Regierung versucht alles, um das Internet
unter Kontrolle zu bringen. Ein Gespräch mit dem chinesischen Blogger und Journalisten Michael Anti.

Können Sie die Amnesty-Website von China aus aufrufen?
Nein, die Amnesty-Seite ist gesperrt. Aber es gibt Mittel, um geblockte Internetseiten zu erreichen.

Zum Beispiel?
Ich benutze die Technologie VPN. Damit kann ich die Blockade umgehen, um beispielsweise über die Suchmaschine Google zu recherchieren. Der Dienst wird vor allem von Journalisten, Wissenschaftlern und in der Werbebranche genutzt. Im Vergleich zur Gesamtzahl der Internetnutzer in China, über 400 Millionen Menschen, ist VPN jedoch nicht sehr verbreitet.

Wie kontrolliert man die Internetaktivitäten von über 400 Millionen Menschen?
Es gibt verschiedene Stufen der Kontrolle. Ein wesentlicher Punkt betrifft den kommerziellen Bereich: China blockiert internationale Internetdienste und setzt an deren Stelle eine chinesische Alternative: So haben wir statt Youtube Toudu, statt Google Baidu und statt Facebook Renren. Um wirtschaftlich bestehen zu können, müssen sich diese Dienste den Kontrollkriterien der Behörden anpassen. Weitere Formen der Zensur reichen von der Indizierung von Schlagwörtern in Suchmaschinen bis hin zu tatsächlicher "Manpower" – also Menschen, die Inhalte in Blogs aufspüren und löschen, wenn man sie für problematisch hält.

Was für Inhalte sind das?
Es betrifft alle Themen, die sich mit dem politischen Wandel in China befassen. Zwar ist es möglich, über Entscheidungen und Nachrichten aus den Ministerien zu berichten. Aber die Frage nach den Mechanismen, die hinter diesen Prozessen stehen, ist sehr sensibel. Politische Themen sind für chinesische Journalisten tabu. Es gibt zwar investigative Journalisten, aber diese leben sehr gefährlich. Aus diesem Grund ist auch die politische Blogger-Szene in China sehr klein und hat nur wenig Einfluss. Ansonsten würde der Blog von den Behörden sofort gesperrt werden.

Dennoch gibt es eine Blog-Plattform, die überaus erfolgreich ist – "Weibo".
Ja, diese Plattform hat über 100 Millionen aktive Nutzer, die ­eigene Inhalte ins Internet stellen und sehr einfach miteinander kommunizieren können. Man darf den Einfluss dieser Plattform nicht unterschätzen. Durch die große Verbreitung entsteht in China erstmals eine landesweite öffentliche Sphäre, in der ­bestimmte Themen besprochen werden können. Jeder Nutzer kann dadurch journalistisch tätig werden. Diese Möglichkeit ­bereitet den Behörden Sorgen. Dennoch handelt es sich dabei mehr um ein Medienphänomen als um eine Bewegung, die ­einen politischen Wandel auslösen könnte.

Welchen Einfluss haben die Umbrüche in Nordafrika auf einen politischen Wandel in China?
Die Umstürze haben die chinesischen Behörden vorsichtiger ­gemacht, vor allem was die Blog-Plattformen betrifft. Diese ­werden stärker kontrolliert. Die chinesische Politik und ein möglicher politischer Umbruch sind jedoch nicht allein vom Internet abhängig. Auch der "Arabische Frühling" wurde nicht durch das Internet ausgelöst, sondern durch soziale Aspekte wie die hohe Arbeitslosigkeit. Maßgeblich ist deshalb die wirtschaftliche Situation eines Landes. Einen politischen Umbruch, wie wir ihn in Nordafrika erlebt haben, sehe ich für China derzeit nicht.

Fragen: Ralf Rebmann

Michael Anti wurde 1975 in Nanjing geboren. Sein bürgerlicher Name ist Zhao Jing. Der Journalist ist einer der meistgelesenen Blogger Chinas und setzt sich für die Presse- und Meinungsfreiheit ein. In der Vergangenheit arbeitete er als Korrespondent für die "New York Times". Er erhielt zahlreiche Stipendien, unter anderem von den Universitäten Harvard und Cambridge. Michael Anti lebt derzeit in Peking.

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