"Mister Amnesty" und viel mehr
Zum Tod von Helmut Frenz.
Von Wolfgang Grenz
Ich traf Helmut Frenz persönlich zum ersten Mal 1979 – zum Bewerbungsgespräch. Da war er seit drei Jahren Generalsekretär, das Gesicht von Amnesty International in Deutschland. Helmut Frenz stellte mich ein und ich konnte als Referent für politische Flüchtlinge in den folgenden Jahren hautnah verfolgen, wie er seine Rolle ausfüllte: Ging man mit ihm durch den Bundestag oder in ein Ministerium, dann musste er sich nicht vorstellen – er war "Mister Amnesty".
Für Amnesty und die Menschenrechtsbewegung in Deutschland war Helmut Frenz ein Glücksfall. 1976 ernannte ihn der ehrenamtliche Vorstand zum ersten Generalsekretär der deutschen Sektion. Die Mitgliederzahlen stiegen, Amnesty brauchte einen hauptamtlichen Vertreter, um der Organisation mehr Gewicht in der Öffentlichkeit zu verschaffen. Helmut Frenz schaffte mehr als das – unter seiner Leitung wurde Amnesty zu einem in Deutschland ernstzunehmenden politischen Akteur.
Dass Helmut Frenz überhaupt in Deutschland war, um diese Aufgabe zu übernehmen, war für ihn persönlich alles andere als ein Glücksfall. 1975 hatte ihn die chilenische Militärjunta zur unerwünschten Person erklärt. Von einem Aufenthalt in Genf konnte er nicht mehr zurück nach Chile, wo er mit seiner Familie seit 1965 lebte. Dass er eine so herausragende Rolle für die Menschenrechte und für Amnesty in Deutschland spielen konnte, lässt sich nur aus dieser Vorgeschichte verstehen.
Als junger Pastor geht Helmut Frenz 1965 nach Chile und übernimmt dort eine Gemeinde der kleinen lutherischen Kirche, die von Nachkommen deutscher Einwanderer dominiert ist. In seinem Buch "… und ich weiche nicht zurück" beschreibt er, wie er auf die mehrheitlich konservativen Gemeindemitglieder trifft. Für viele von ihnen ist der Besuch der deutschsprachigen Gottesdienste vor allem deutsch-nationale Traditionspflege. In diesem Umfeld sorgt er schon für Proteste, als er beginnt, Konfirmanden auf Spanisch zu unterrichten. Er erwirbt sich schnell den Ruf eines "roten Pastors", schon weil er sich für die Bewohner einer illegalen Slumsiedlung einsetzt.
Trotzdem, inzwischen zum Bischof der lutherischen Kirche in Chile gewählt, begrüßt Frenz 1973 den Militärputsch zunächst. Aber die Realität unter der Diktatur verändert seine politische Haltung innerhalb von Wochen grundlegend: Vier Tage nach dem Putsch suchen circa 50 Personen Schutz in seiner Kirche. Es sind vor allem Frauen und Kinder, Angehörige von Familien, die vor anderen lateinamerikanischen Diktaturen nach Chile geflohen waren. Erschüttert von ihren Berichten organisiert Frenz zusammen mit Vertretern anderer Kirchen und dem UNO-Flüchtlingskommissariat die Ausreise der Familien.
Diese Arbeit findet mit Duldung des Pinochet-Regimes statt. Gleichzeitig schmuggeln er und seine Mitstreiter aber immer wieder bedrohte Chilenen in ausländische Botschaften. Beim deutschen Botschafter findet er dafür keine Unterstützung. Dieser sympathisiert mit dem Militärregime und verweigert jede Zusammenarbeit. Frenz findet aber auch ohne das Wohlwollen des Diplomaten einen Weg, um Flüchtlinge in die Botschaft zu schleusen: Während Frenz die Wachen beschäftigt, lässt das chilenische Personal die Asylsuchenden unbemerkt über den Dienstboteneingang in die Residenz. Viele Male begibt sich Frenz bei ähnlichen Aktionen in Lebensgefahr. Gemeinsam mit seinen Mitstreitern rettet er damit vielen Menschen das Leben.
Seine Arbeit als Generalsekretär von Amnesty in Deutschland ist natürlich längst nicht so spektakulär und das persönliche Risiko kleiner. Aber auch der Helmut Frenz, den ich kennenlerne, zeigt immer wieder den unbedingten Willen, leidenden Menschen unmittelbar zu helfen. Von widrigen Umständen lässt er sich nicht aufhalten, seine Stärke ist die Improvisation.
In den Weihnachtstagen 1979 erfahren wir, dass eritreisch-äthiopische Studenten aus Ungarn nach Äthiopien abgeschoben werden sollen. Sie haben sich während ihres Studiums politisch verdächtig gemacht, in ihrem Heimatland droht ihnen Haft, Folter oder sogar die Hinrichtung. Es scheint zunächst unmöglich, über die Feiertage eine Aufnahme in Deutschland zu erreichen. Helmut Frenz setzt sich trotzdem schon am zweiten Weihnachtsfeiertag ans Telefon und schafft es schließlich durch seine Hartnäckigkeit und seine persönlichen Kontakte zu Politikern, dass die 30 Studenten nach Deutschland einreisen können. Damit sind sie vor der drohenden Verfolgung in Äthiopien gerettet.
Bei einer anderen Gelegenheit erreicht er die Aufnahme einer Minderjährigen, die der Bundesgrenzschutz auf dem Stuttgarter Flughafen festhält. Im Hubschrauber fliegt er mit dem damaligen Bundesinnenminister Gerhart Baum nach Stuttgart. Die Grenzschutzbeamten behaupten, die 14-Jährige habe nichts von politischer Verfolgung erwähnt und auch nicht, dass ihre Mutter bereits in Deutschland lebe. Als Frenz und Baum eintreffen, stellen sie fest, dass die Beamten so gut wie kein Englisch sprechen und deshalb schlicht nicht verstanden haben, was das Mädchen gesagt hat.
Für Helmut Frenz war die Zeit bei Amnesty nur ein Abschnitt seines politischen Lebens. Aber der Einsatz für Menschenrechte und für verfolgte Menschen blieb seine Lebensaufgabe. Nach seiner Zeit als Generalsekretär wurde er Flüchtlingsbeauftragter der nordelbischen Kirche, später des schleswig-holsteinischen Landtags. Er engagierte sich weiter für die Opfer der Militärdiktatur in Chile. Ab 2004 lebte er zeitweise wieder in Chile und arbeitete in einer Stiftung, die sich mit Opferentschädigung befasst.
Schon als er zu Amnesty kam, war Helmut Frenz ein außergewöhnlicher Mensch, der Außergewöhnliches geleistet hatte. Einer seiner hervorstechendsten Wesenszüge war, dass er immer am Schicksal des Einzelnen interessiert war und sich spontan auf sein Gegenüber einlassen konnte. Deshalb konnte er sehr einnehmend sein, auch im Gespräch mit Politikern, die seine Meinung in keiner Weise teilten.
Umgekehrt stand er deshalb auf Kriegsfuß mit jeder Bürokratie. Und sie mit ihm. Als wollte die deutsche Bürokratie diese Intimfeindschaft festigen, entzog sie ihm 2007 die deutsche Staatsbürgerschaft. Der Grund: Das Parlament in Santiago hatte ihn zum Ehrenbürger Chiles ernannt. So musste Helmut Frenz 2009 als Tourist nach Deutschland einreisen, als er sich in Hamburg operieren lassen wollte. Wegen seines schlechten Gesundheitszustands entschloss er sich, mit seiner Familie in Deutschland zu bleiben. Er starb am 13. September 2011 in Hamburg im Alter von 78 Jahren.
Der Autor ist amtierender Generalsekretär der deutschen Sektion von Amnesty.