Amnesty Journal Ägypten 16. Januar 2012

"Ein Maßstab für Gerechtigkeit"

Im Juni 2010 musste der ­Ägypter Khaled Said sterben, weil zwei Polizisten ihn zu Tode ­prügelten. Der 28-Jährige ist die Symbolfigur der ­Protest­bewegung, die den ­langjährigen Präsidenten ­Hosni Mubarak stürzte. Im Oktober wurden die ­Polizisten wegen Totschlags zu sieben Jahren Haft verurteilt. Das Gespräch mit Khaled Saids Schwester ­Zahraa ­Kassem wurde vor der Urteilsverkündung ­geführt.

In Berlin hat ein Künstler auf einem Teil der ehemaligen Mauer ein Porträt von Khaled Said angebracht. Was empfinden Sie, wenn Sie Ihren Bruder so sehen?
Darauf bin ich sehr stolz. Aber natürlich bleibt die Trauer, weil der eigene Bruder getötet wurde. Ich will die Gelegenheit nutzen, um Khaleds Bild und seine Bedeutung für die Protestbe­wegung weiter bekannt zu machen.

Sie haben auch etwas auf die Mauerstücke geschrieben …
Ja. »Khaleds Rechte sind Ägyptens Rechte.« Damit soll ausgedrückt werden, dass es bei der Einforderung von Khaleds Rechten auch um die Rechte Ägyptens geht. Der aktuelle Prozess ­gegen die beiden Polizisten ist für die Bevölkerung von großer Bedeutung – er ist ein Maßstab für Gerechtigkeit. Zwar darf man nicht verallgemeinern, aber es gibt Korruption in der ägyptischen Justiz. Wird in diesem Prozess fair verhandelt, werden die Menschen Vertrauen in die Justiz gewinnen. Falls das nicht passiert, kann man vom Justizsystem nicht mehr viel erwarten.

Wie beurteilen Sie das Verfahren gegen die mutmaßlichen ­Täter?
Es geht sehr langsam voran. Der Prozess wurde schon mehrmals mit der Begründung vertagt, man befürchte Ausschreitungen und könne den Schutz des anwesenden Sicherheitspersonals nicht garantieren. Die Hauptsache ist, dass die Verteidigung kein Schlupfloch findet, um die Anklage abzuwehren. Derzeit werden verschiedene Gutachten zum Tod Khaleds geprüft. Wir hoffen, dass nach der Prüfung nicht mehr wegen Gewaltanwendung, sondern wegen Mordes ermittelt wird. Wir sind jedoch zuversichtlich, dass die Angeklagten zur Verantwortung gezogen werden.

Kurz nach dem Tod Ihres Bruders wurde die Facebook-Seite »Wir sind alle Khaled Said« gegründet. Welche Rolle spielte sie bei den Protesten?
Viele Menschen schlossen sich dieser Seite an, weil sie befürchteten, ihnen könne dasselbe wie Khaled passieren. Die erste ­große Demonstration gegen Mubarak, am 25. Januar 2011, wurde über diese Seite organisiert. Obwohl die Proteste brutal niedergeschlagen wurden, waren danach immer mehr Menschen bereit, weiter auf die Straße zu gehen.

Wie haben Sie Ihren Bruder in Erinnerung?
Khaled war ein bescheidener Mensch. Er war nicht so oft mit Freunden unterwegs, hat sich aber sehr für das Internet und Musik interessiert. Er hat auch eigene Lieder geschrieben, arabischen Rap mit sehr politischen Inhalten. Vor uns hat er das versteckt und seine Lieder auch selbst nicht veröffentlicht. Das Internet nutzte er im Prinzip 24 Stunden am Tag. Als wir ihm ­gesagt haben, er solle doch eine Pause einlegen, entgegnete er, dass das Internet-Café immer geöffnet sei. Was er im Netz genau gemacht hat, wussten wir nicht. Von ihm hat man nur etwas erfahren, wenn er es von sich aus mitgeteilt hat.

Bevor Khaled Said getötet wurde, wollte er angeblich ein Video über eine Polizeistation in Alexandria veröffentlichen, das ­deren Verbindungen in den Drogenhandel zeigt. Wussten Sie davon?
Dieses Video war tatsächlich das einzige, das ich vorher gesehen hatte. Er sagte, er wolle den Leuten vor Augen führen, was auf dieser Polizeistation wirklich vor sich gehe und dass dort mit Drogen, zum Beispiel Haschisch, gehandelt werde. Ich habe ihn gefragt, wozu er es denn publik machen wolle. Die Leute wüss­ten doch bereits, was dort passiert. Aber er bestand darauf, es zu veröffentlichen.

Wie haben Sie reagiert, als Sie von den Aktivitäten Ihres ­Bruders erfuhren?
Wir konnten es zunächst gar nicht glauben. Ich selbst hatte gar kein Interesse an Politik und verfügte weder über einen Facebook-Account, noch habe ich mich mit Computern beschäftigt. In der Familie lasen wir höchstens die staatliche ägyptische ­Zeitung Al-Ahram und haben dadurch praktisch nur Regierungsinformationen aufgenommen. Khaled war es, der auf uns zukam und sagte: »Schaut mal hier, was ich im Internet gefunden habe. Glaubt nicht, was die Leute im Fernsehen und in den offiziellen Zeitungen sagen.« Mittlerweile haben sogar meine beiden Töchter, sie sind sieben und zehn Jahre alt, Interesse an solchen Dingen.

Sie haben einen Verein im Namen Khaled Saids ins Leben ­gerufen. Wen möchten Sie damit unterstützen?
Es geht um Hilfe für Menschen, die in einer ähnlichen Situation sind wie wir und die beispielsweise zu Opfern von Polizeigewalt wurden. Weil wir mit unserem Gerichtsverfahren schon sehr weit gekommen sind, haben sich viele Menschen bei uns gemeldet. Wir wollen unser Wissen zur Verfügung stellen. Den Verein haben wir auch initiiert, weil der Name meines Bruders für politische Zwecke missbraucht wurde. Eine Partei hat ein Foto von ihm und meiner Mutter abgedruckt. Darunter stand: »Wenn ihr wollt, dass ich nicht mehr um mein Kind trauere, dann stimmt mit Ja.« Gegner der Partei haben das Foto zerrissen. Wir hatten jedoch weder mit der einen noch mit der anderen Gruppierung etwas zu tun. Deshalb haben wir uns dafür entschieden, klarzustellen, wofür Khaled Said steht und dass es um seine Rechte geht.

Was muss sich in Ägypten ändern, damit die Bevölkerung die Rechte, die sie einfordert, auch bekommt?
Die Staatsorgane und Institutionen müssen reformiert werden. Außerdem gibt es Korruption in vielen Bereichen. Wir brauchen eine zivile Regierung, die Wahlen transparent und fair durchführt – selbst wenn dadurch die Muslimbruderschaft zum Zuge kommt. Dem Militär vertraue ich nicht. Ich bezweifle, dass es
im Moment die Sicherheitslage in Ägypten und damit auch die Sicherheit der Wahlen gewährleisten kann.

Fragen: Ralf Rebmann

Zahraa Kassem
Zahraa Kassem ist die Schwester von Khaled Said, einem Internetaktivisten, der im Juni 2010 in Alexandria von zwei Polizisten getötet wurde. Auf Einladung der Friedrich-Ebert-Stiftung war Zahraa Kassem im September 2011 in Berlin und nahm stellvertretend für ­ihren Bruder den Menschenrechtspreis der Stiftung ent­gegen. Sie ist Mutter von zwei Kindern und lebt in Kairo.

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