Amnesty Journal Myanmar 25. November 2011

Ein Lächeln gegen die Repression

Lautsprecher der Menschen: Zarganar.

Lautsprecher der Menschen: Zarganar.

Die Regierung in Myanmar hat über 200 politische Gefangene freigelassen. Darunter auch Zarganar – den bekannten ­Comedian, Blogger und Regierungskritiker.

Zarganar steht in der Eingangshalle des Flughafens von Rangun und schüttelt Hände. Es ist Mittwoch, der 12. Oktober 2011, und für Zarganar der erste Tag in Freiheit nach über drei Jahren Haft. Dutzende Freunde, Unterstützer und Journalisten erwarten ihn bereits, klopfen ihm auf die Schulter, machen Fotos.

Der 50-Jährige ist es gewohnt, in der Öffentlichkeit zu stehen. Zarganar ist Comedian, Schauspieler und Filmemacher. In Myanmar kennt man ihn aus Fernsehserien und Theaterstücken. Zarganars Humor ist bissig. Wenn er Witze erzählt, sollen seine Zuhörer nicht nur lachen, sondern auch nachdenken. Er sei der »Lautsprecher« der Menschen, sagt Zarganar in dem vor kurzem erschienenen Dokumentarfilm »This Prison Where I Live«. Ein Lautsprecher, der auch Kritik übe.

Regierungskritik war auch der Grund für seine jüngste Verhaftung: Im Mai 2008 zerstörte der Wirbelsturm »Nargis« weite Teile des Irrawaddy-Deltas im Süden Myanmars. Schätzungsweise 138.000 Menschen starben oder sind bis heute vermisst. Die Umweltkatastrophe wurde zur humanitären Tragödie, weil die Behörden verhinderten, dass Hilfsgüter in die betroffenen Gebiete gelangten. Zarganar sammelte mit einigen Helfern Spenden, machte Video- und Fotoaufnahmen.

Während die ­Regierung das tatsächliche Ausmaß der Katastrophe zu verschleiern versuchte, gab er ausländischen Medien Interviews. Im Juni 2008 nahmen Sicherheitskräfte Zarganar und mindestens 21 seiner Helfer fest. Ihm wurde vorgeworfen, Angst geschürt und die öffentliche Ordnung gestört zu haben. Außerdem habe er gegen den »Electronics Act« verstoßen, der hohe Haftstrafen für den nicht genehmigten Gebrauch elektronischer ­Medien vorsieht. Zarganar wurde zu 35 Jahren Haft verurteilt.

Trotz der jüngsten Freilassungen sitzen weiterhin rund 1.800 politische Gefangene im Gefängnis, teilweise mit unzureichender oder überhaupt keiner medizinischen Versorgung. »Ich bin nicht zufrieden. Wie man sieht, werden die politischen Gefangenen nur schrittweise entlassen«, sagte Zarganar dem Nachrichtensender Mizzima nach seiner Freilassung. Sam Zarifi, Experte für den asiatisch-pazifischen Raum bei Amnesty, ­begrüßte die Entscheidung der Regierung, fügte aber hinzu: »Diese Amnestie sollte die internationale Gemeinschaft ermutigen, den Druck auf die Behörden aufrechtzuerhalten, damit alle politischen Gefangenen freikommen.«

Myanmar hat im November 2010 die ersten Parlamentswahlen seit 20 Jahren durchgeführt. Die Rechte auf Meinungs- und Versammlungsfreiheit bleiben jedoch eingeschränkt. Repressive Sicherheitsgesetze wie der »Electronics Act« sorgen dafür, dass öffentliche Kritik an der Regierung unterdrückt wird.

Zarganar will den Menschen die Angst nehmen, sich kritisch zu äußern. In der Dokumentation »This Prison Where I Live«, an der auch der deutsche Comedian Michael Mittermeier mit­gewirkt hat, erzählt Zarganar, wie er zu seinem Namen kam. In Myanmar gebe es das Sprichwort: »Wenn du Angst hast und dir die Haare zu Berge stehen, dann zieh sie mit einer Pinzette.« Die burmesische Übersetzung für Pinzette lautet Zarganar.

Die Dokumentation »This Prison Where I Live« ist im Handel erhältlich.

Text: Ralf Rebmann

Mehr dazu