Amnesty Journal Ecuador 21. September 2011

"Sie haben uns den Schmerz hinterlassen"

Mehr als ein Vierteljahrhundert lang bohrte der US-Konzern Texaco im Amazonasgebiet von Ecuador nach Erdöl – mit fatalen Folgen für die indigene Bevölkerung und die Umwelt. Vor Gericht wurde das Unternehmen deswegen
zu einer Rekordstrafe verurteilt. Ein Ende des Konflikts ist dennoch nicht in Sicht.

Von Kathrin Zeiske

Links und rechts der roten Schotterstraße zieht sich der Urwald entlang, in sattem, leuchtendem Grün. So stellt man ihn sich vor, den Regenwald des Amazonas. Erst auf den zweiten Blick fällt auf, dass die Wipfel der höchsten Bäume abgestorben sind und kein Vogel in den Himmel steigt. Es ist fast bedrückend still. Donald Moncayo kennt den Grund. Mit festem Schuhwerk stapft er durch das dichte Unterholz. Nur wenige Schritte von dem Gelände entfernt, das seine Familie schon lange verlassen hat, gelangt man auf eine große Lichtung. Glänzend schwarz erstreckt sich hier ein See aus zähem Schlamm, der bis zu den kahlen Stämmen am anderen Ufer reicht. »Hunderte solcher Rohölbecken hat Texaco hier hinterlassen, als der Konzern 1992 Ecuador verließ.

Alles sickert ungehindert ins Erdreich und verseucht das Grundwasser. So mangelt es uns im Einzugsgebiet des Amazonas, dem wasserreichsten Fluss der Welt, absurderweise an Trinkwasser«, berichtet Moncayo bitter. Der Vater einer kleinen Tochter kauft Wasserflaschen, um sie baden zu können. Denn der Hautausschlag, den das Leitungswasser bei dem kleinen Mädchen hervorgerufen hatte, ließ sie nicht mehr schlafen.

Die Siedler, verarmte Bauernfamilien aus dem Süden, kamen Anfang der achtziger Jahre über die von Texaco gebaute Überlandstraße in die scheinbar so fruchtbare Region im Nordosten des Landes. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Angehörigen der indigenen Gruppen an den nördlichen Amazonaszuflüssen schon ihre Erfahrungen mit dem Erdölkonzern gemacht: »Kurz nach den ersten Bohrungen färbten sich die Flüsse schwarz und blieben es fast zehn Jahre lang«, erzählt Emerejildo Criollo, Sprecher der Cofanes. »Wir hatten nichts mehr zu trinken, selbst der Regen kam sauer vom Himmel. Viele Tiere schwammen tot im Strom, aber wir konnten sie nicht essen. Sie schmeckten so metallisch und giftig wie das Öl.« Die Cofanes nennen sich selbst Ay; die Menschen. Die Ingenieure von Texaco nahmen die im Fördergebiet lebende Bevölkerung, die unbekleidet war und kein Spanisch sprach, gar nicht zur Kenntnis. »Texaco hat uns nie um Erlaubnis für die Ölförderung gebeten. Und sie taten es stets ohne jegliche Schutzmaßnahmen.«

Dies wirkte sich schon bald auf die Gesundheit der Cofanes-Gemeinschaft aus: Ständige Hautausschläge und Magenkrämpfe waren die Folge. »Vormals war der Wald unsere Apotheke, jetzt wussten die Schamanen keinen Rat mehr«, berichtet Criollo. Sein erster Sohn starb im Babyalter, sein zweiter Sohn siechte in jahrelanger Agonie dahin. »Heute erklären uns unsere Gesundheitspromotoren, wie wir uns besser schützen können, aber Krebsfälle sind dennoch keine Seltenheit.« Der Mediziner Adolfo Maldonado von der Umweltorganisation »Acción Ecológica« schätzt, dass im Bundesstaat Sucumbíos in den vergangenen zehn Jahren fast 3.000 Menschen an Krebs starben. »Das ist dreimal so viel wie im übrigen Land – ein Schreckensszenario.« Texaco hatte die Bevölkerung nicht auf Gesundheitsrisiken hingewiesen. Viele Häuser wurden in unmittelbarer Nähe zu Bohrlöchern und Rohölhalden gebaut. »Das Unternehmen hat hier sehr verantwortungslos gehandelt«, konstatiert der Arzt.

Zunächst stellte die Erdölförderung und die Verklappung der Abfälle für viele Menschen, die sich rund um das Texaco-Camp in Lago Agrio ansiedelten, eine willkommene Einnahmequelle dar. Auch für Nicolas Soto. Der 40-Jährige sitzt auf einer Holzbank vor einem unverputzten, spärlich möblierten Haus. Manchmal krümmt er sich unter den Schmerzen, die ihm die Tumore in seinem Körper bereiten. Von seinem Platz aus kann der abgemagerte Mann die in den Himmel ragenden Rohre der Förderanlage Erokanke sehen, die heute von der staatlichen Firma Petroecuador betrieben wird. Zischende grelle Flammen fackeln hier unablässig das aus dem Bohrloch strömende Gas ab. Als junger Familienvater bekam Soto vor mehr als 20 Jahren einen Aushilfsjob bei Texaco. »Schutzkleidung erhielt ich keine, obwohl ich nicht selten bis zur Brust im schwarzen Schlamm stand. Wie giftig dieser war, konnte ich mir damals nicht vorstellen.« Vor drei Jahren, als er den Einsatz schon fast vergessen hatte, wurde bei ihm Lungenkrebs diagnostiziert. »Texaco ist gegangen, uns haben sie den Schmerz hinterlassen«, sagt er leise.

Doch die Erdölbohrungen bescherten der Region und ihren Bewohnern nicht nur fatale ökologische und gesundheitliche Folgen, sondern auch soziale Probleme. »Der Konzern behauptete stets, er habe dem nördlichen Amazonasgebiet Entwicklung gebracht – aber zu welchem Preis?«, fragt Pater Pablo Gallego und schiebt sich seine braune Hornbrille zurecht. »Immer, wenn in einem Land der Ressourcenabbau intensiviert wird, nimmt die politische Unterdrückung zu. Hier gab es fast gegen jede Regierung Proteste, denn die Erdölförderung wurde zum Staatsinteresse erklärt und die Förderanlagen wurden nicht selten von Soldaten geschützt«, erinnert sich der Angehörige des spanischen Karmeliterordens. In den achtziger Jahren stellte Pater Gallego noch seine Kirche in Lago Agrio zur Verfügung, damit sich Indigene und Siedler dort gemeinsam beraten konnten. Mittlerweile umfasst das aus diesen Treffen hervorgegangene »Bündnis zur Verteidigung des Amazonasgebiets« nahezu 30.000 Menschen.

Im Jahr 1993 erhob das Bündnis Klage gegen Texaco am Gerichtshof in New York. Doch nachdem Texaco 2001 von dem US-Konzern Chevron aufgekauft wurde, erreichte das Unternehmen, dass das Gerichtsverfahren in die ecuadorianische Provinzhauptstadt Lago Agrio verlegt wurde – und damit aus der US-amerikanischen Öffentlichkeit verschwand. »Für das Unternehmen geht es um sein Image und eine Milliardenstrafe; für die Menschen hier schlichtweg ums Überleben«, konstatiert Anwalt Pablo Fajardo. Der Mann mit den krausen schwarzen Haaren schaut mit ernstem Gesicht auf seinen von Papierstapeln überhäuften Schreibtisch. Die Unterlagen des Verfahrens füllen das weißgetünchte Arbeitszimmer bis unter die Decke. »Chevron setzt auf legalem und illegalem Wege alles daran, dass sich das Verfahren Jahr um Jahr in die Länge zieht. Mittlerweile müssen wir uns mit 20 Gegenklagen befassen.«

Vor sieben Jahren wurde der Bruder des Anwalts ermordet; Fajardo selbst von Auftragskillern verfolgt. Ein direkter Zusammenhang zum Gerichtsverfahren lässt sich nicht nachweisen. Doch im Jahr 2006 dokumentierte Amnesty International eine ganze Reihe von Vorfällen, die zeigten, dass das gesamte Anwaltsteam und die Pressesprecherin des Bündnisses bedroht wurden. Diese haben sich jedoch nicht einschüchtern lassen. »Wir fordern weiterhin, dass Chevron für alle Schäden aufkommt«, sagt Cofanes-Sprecher Emerejildo Criollo und streicht über die Feder eines tropischen Vogels, den es in dieser Gegend schon lange nicht mehr gibt. Criollo war es, der vor 18 Jahren nach New York reiste, um das Verfahren einzuleiten.
Im Februar 2011 kam es im mittlerweile größten Umweltverfahren der Welt schließlich zu einem Urteil gegen Chevron als Rechtsnachfolger von Texaco. Richter Nicolás Zambrano verurteilte den Konzern zu einer Zahlung von 9,5 Milliarden Dollar. Das Unternehmen hat das Urteil angefochten; denn eine Fortführung des Streitfalls ist für Chevron im Endeffekt kostengüns­tiger. Trotzdem ist der Urteilsspruch zugunsten der Kläger ein Warnsignal für den Ölgiganten, Umwelt- und Menschenrechte ernst zu nehmen.

Doch auch das Bündnis zur Verteidigung des Amazonasgebiets legte Berufung ein. Seine Angehörigen halten die festgelegte Strafe für nicht ausreichend. Ein Gerichtsgutachten hatte die notwendige Summe, um das ökologische Gleichgewicht in der Region wiederherzustellen, auf das Dreifache geschätzt. »Für uns ist es unmöglich geworden, so zu leben wie vor dem Eintreffen Texacos«, sagt Emerejildo Criollo, »aber zumindest wollen wir gesund bleiben und nicht an Krebs sterben.«

Die Autorin ist Journalistin und lebt in Bonn.

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