Sex and Drugs and Amnesty
Zum Geburtstag ein Buch – zum 50. Jahrestag der Gründung von Amnesty ist nun ein Buch von engagierten Mitstreitern erschienen.
Eine Leseprobe von Urs M. Fiechtner
Es ist schon eine Ewigkeit her, aber gefühlt war es eigentlich erst gestern, als ein vor Empörung schwitzender und vor Zorn purpurrot leuchtender Deutschlehrer türenknallend in die 11. Klasse eines baden-württembergischen Gymnasiums stürmte. Er hatte die Zeitung gelesen: Einer seiner Schüler hatte zur Gründung einer Amnesty-Gruppe aufgerufen. Öffentlich. In der Zeitung. Und der Name der Schule wurde auch noch genannt. Das war zu viel!
Mit einem "Terroristenfreund" wolle er nichts zu tun haben, brüllte der Lehrer. Er war außer sich und tobte so laut, dass die Wände wackelten. Genau genommen, tobte er auf Schwäbisch – was angesichts einer solch gemütlichen Mundart bereits als künstlerische Leistung anerkannt werden muss – und brüllte daher wörtlich "Terrorischtefreindle". Aber es klang überhaupt nicht gemütlich. Wer von Menschenrechten fasele, sei ein vaterlandsloser Geselle und würde mit seiner Humanitätsduselei den Namen seiner Schule in den Dreck ziehen und die Namen aller aufrechten Deutschen noch dazu. Und das auch noch in diesen Zeiten, in denen der Russe vor der Tür stehe und Terroristen das Land bedrohten. Solche Dreckskerle dulde er nicht in seinem Klassenzimmer, schrie er, raus hier! Du hast Hausverbot! Lebenslang! Und deine Kinder und Kindeskinder auch!
Also verließ ich die Schule, sozusagen vorsichtshalber, um nicht verantwortlich zu sein für den explosiven Herztod eines Deutschlehrers, vor allem aber, weil ich der friedensstiftenden Bedingung des Schuldirektors, den Aufruf zur Gründung einer Amnesty-Gruppe "doch ganz einfach zurückzunehmen", nicht folgen wollte.
Das unrühmliche Ende meiner Schulkarriere hatte schon zwei Jahre zuvor begonnen, Anfang der siebziger Jahre, an einer bayerischen Schule unweit von München. Damals war ich 16 Jahre alt und gehörte zu einem Kreis von Schülerinnen und Schülern, die nicht länger von Leuten unterrichtet werden wollten, die ihr Handwerkszeug in der Nazi-Zeit erworben und die, wie wir fanden, seitdem nichts dazugelernt hatten. Wir wunderten uns über unsere Geschichtslehrer, die begeistert und endlos über Karl den Großen oder den Alten Fritz schwadronieren konnten, aber nur schmallippig und kurz angebunden in ein paar Schulstunden durch das "Dritte Reich" hetzten, als wäre jemand hinter ihnen her.
Wir hatten Zweifel an der Qualifikation von Französisch-Lehrern, die ihre Sprachkenntnisse ausschließlich als Besatzungssoldaten erworben hatten, und wir fanden es seltsam, dass der Direktor undisziplinierte Klassen, in denen es etwas lauter zuging, mit dem Ausruf "Hier geht es ja zu wie in einer Judenschule" unter Kontrolle zu bringen versuchte.
Wir hingegen versuchten, den Direktor unter Kontrolle zu bringen, indem wir gegen ihn auf der Straße demonstrierten – in der Zeitung hieß es, es sei die erste Demonstration seit den Novemberunruhen von 1918 gewesen – aber wir hatten in Physik nicht aufgepasst und die Sache mit dem längeren Hebel falsch berechnet. Es flog zwar niemand sofort aus der Schule, aber unsere Noten wurden wie durch Zauberhand immer schlechter.
In dieser Zeit kamen Referenten von Amnesty International an die Schule. Es war ein Zufall, ein Projekttag über Lateinamerika, über die sozialen und politischen Konflikte dort und über die Unterdrückung der Meinungsfreiheit durch Diktaturen. Manches davon kam uns ein bisschen bekannt vor, aber vor allem begegneten wir den ersten Erwachsenen in unserem Leben, die eine präzise Vorstellung von der Freiheit des Menschen hatten, die etwas zu sagen hatten über unsere Rechte, nicht nur über unsere Pflichten, und die dabei nüchtern und vernünftig blieben, ganz weit weg von all den ideologischen Verkrampfungen und den verfeindeten Lagern jener Zeit.
Wir nagelten an das Schultor ein Schild mit einer Aufschrift, die wir uns von den Grenzübergängen an der Berliner Mauer abgeschaut hatten: "Achtung! Sie verlassen den Geltungsbereich des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland!" und gründeten eine Schülergruppe von Amnesty International.
Damit hatten wir uns allerdings noch verdächtiger gemacht, als wir es sowieso schon waren. Ein paar Wochen später holte mich mein Vater am Schultor ab, was er sonst nie tat, schon gar nicht in voller Uniform. Er war damals ein hohes Tier bei der Bundeswehr. An seinen Schläfen konnte man die Zornesadern pochen sehen.
Er ließ mich wortlos in seinen Dienstwagen einsteigen und blätterte in einer Akte. "Ich weiß jetzt endlich, warum du urplötzlich so ein schlechter Schüler geworden bist", sagte er. Und dann las er mir aus der Akte vor. Erst kamen die Namen und Adressen aller meiner Freunde.
Dann die Adressen der Orte, an denen wir uns trafen, die Eisdiele, die Kneipe am See, der Sportplatz, die Disko im verlassenen Bootshaus, die Studenten-WG, der Badestrand … Dann kam unsere Wohnung dran mit den Namen der Leute, die mich besuchten, Beschreibungen der Fahrräder, die vor der Tür standen, Nummernschilder von Mofas und Rollern und Autos, peinlicherweise auch die Personenbeschreibung und Namen der beiden Mädchen, mit denen ich gleichzeitig ging und die nichts voneinander wissen sollten (und meine Eltern schon gar nicht …). Zuletzt waren alle Treffen der neuen Amnesty-Gruppe im evangelischen Gemeindehaus aufgelistet, einschließlich der Namen aller Mitglieder.
Es waren ungefähr 20 Seiten in Schreibmaschinenschrift, aus denen er mir da vorlas; die Daten stammten aus mehreren Monaten und waren fast lückenlos. Dann kam er zu den politischen Bewertungen. In der Studenten-WG gäbe es jemanden, las er vor, der zum "Marxistischen Studentenbund Spartakus" gehöre und einen Bart wie Fidel Castro trüge, eine meiner Freundinnen stamme aus einer Familie, die komplett sozialdemokratisch sei, im Dritten Reich im Exil gelebt habe und heute Willy Brandt unterstütze, mein bester Freund sei auf Veranstaltungen von Anarchisten gesehen worden, zwei weitere Freunde hätten an Veranstaltungen gegen die CSU und den Bundestagsabgeordneten Franz Josef Strauß teilgenommen, die Band, in der ich spielte, würde Drogen anpreisen, gezielt anti-amerikanische Lieder spielen und zu ungezügeltem Sex aufrufen und die Schüler, die das ganze Theater gegen den Direktor inszeniert hätten, seien alle mit den JuSos und sonstigen Unterwanderern verbandelt. Und, o ja, diese Organisation Amnesty International, bei der ich mich neuerdings herumtreiben würde, sei, und das wisse doch eigentlich jeder, nichts anderes als eine Schöpfung des sowjetischen Geheimdienstes KGB. Das sei wohl der Gipfel – sein Sohn ein russischer Agent!
Er klappte die Akte zu und sah mich an, noch immer puterrot. "Deine Schule hat den Verfassungsschutz auf dich aufmerksam gemacht, weil du dich in den falschen Kreisen herumtreibst. Du bist unter faule Äpfel geraten, du hast dich anstecken lassen und musst jetzt die Folgen tragen." Er holte Luft und erklärte mir, dass ich in diesem Schuljahr zum zweiten Mal durchfallen würde. Und in Bayern würde mich dann kein Gymnasium mehr aufnehmen. Er dächte auch gar nicht daran, mich in dieser Umgebung zu lassen. Ab nächstem Jahr würde ich nebenan in Baden-Württemberg zur Schule gehen und dort von vorne anfangen. Und damit basta.
Die Amnesty-Gruppe gibt es übrigens heute noch. Die Schule auch. Nur der Deutschlehrer ist nicht mehr da. Aber neulich hat mich einer seiner Nachfolger angerufen und deutliche Zeichen des Zorns gezeigt – über seine Schüler.
Die seien politisch ungebildet und desinteressiert, klagte er. Sie hätten nicht die geringste Ahnung von Menschenrechten. Unwissenheit sei doch der perfekte Nährboden für politischen Radikalismus und so. Ob Amnesty da nicht irgendetwas tun könnte? Vielleicht einen Vortrag halten? Oder an der Schule eine Amnesty-Gruppe aufbauen? Selbstverständlich habe ich ihm zugesagt. Morgen werde ich in meine alte Schule gehen und etwas über Amnesty erzählen. Und danach hole ich freiwillig die Polizei – wegen des lebenslangen Hausverbots.
Der Autor ist Schriftsteller, ist seit 1970 Mitglied bei Amnesty International und lebt in Langenau.
Der Text ist eine gekürzte Fassung des Beitrags "Sex and Drugs and Rock’n’Roll – and Amnesty?" aus: Urs M. Fiechtner / Reiner Engelmann (Hg.): Dass wir heute frei sind … Ein Amnesty-International-Lesebuch, Verlag Sauerländer, Mannheim 2011, 200 Seiten, 16,95 Euro.