Amnesty Journal 21. September 2011

Im Rausch der Macht

In seinem neuen Buch "Die Lust am Bösen" diskutiert der Schweizer Psychotherapeut Eugen Sorg die ­verstörende These, dass dem Menschen das Ausüben von Gewalt immanent ist.

Von Maik Söhler

Was wäre, wenn alle Erklärungen, nach denen wir suchen, wenn wir über individuelle und kollektive Gewalt sprechen, die Menschen Menschen antun, gar keine Erklärungen wären? Wenn also Armut, Unterdrückung, Entrechtung, Verfügbarkeit von Waffen, Verzweiflung, Fanatismus, traditionelle Rollenbilder, politische und religiöse Verblendung usw. nur "äußere Umstände" wären, die zwar einen Rahmen bilden, "der dem Einzelnen den Reaktionsspielraum offen lässt", aber eben nicht die Ursache der gewaltsamen Handlungen?

Diese Frage stellt der Schweizer Psychotherapeut Eugen Sorg in seinem neuen Buch "Die Lust am Bösen". Für das Rote Kreuz war er Anfang der neunziger Jahre in Bosnien, es folgten Aufenthalte in zahlreichen Kriegs- und Bürgerkriegsgebieten wie Somalia, Liberia und Afghanistan. Sorg stellt nicht nur die Frage, er gibt auch gleich Antworten. Im Kapitel "Todesengel" heißt es über Bürgerkriegssoldaten: "Sie hatten die absolute Verfügungsmacht und nichts zu befürchten. Wie unter Drogen schlugen sie drauflos, befeuert von der Todesangst ihrer Opfer, euphorisiert von deren Wimmern, besoffen von der eigenen Wirkung und der aufkochenden Wut. Ihre Gewalt war 'nicht persönlich' gemeint, war weder Reaktion auf etwas, noch Mittel eines zugrundeliegenden Zwecks. Sie diente einzig dem ozeanischen Hochgefühl des entgrenzten Schlägers."

Anders gesagt: Sorg rückt die Täter in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen, die Täter und ihren Spaß an der Gewalt. Dem Titel des Buches, "Die Lust am Bösen", ist die Unterzeile "Warum Gewalt nicht heilbar ist" beigegeben und an dieser Zeile arbeitet sich der Autor ab. Sorg versucht, völlig unterschiedliche Gewaltformen wie Massaker in Bürgerkriegen, islamistischen Terror und prügelnde Jugendliche in westeuropäischen Staaten unter der gleichen Voraussetzung zu fassen: dem Rausch der Macht – Macht zu erlangen und auszuüben, um andere zu erniedrigen. Teils schablonenhaft und teils gut ausgearbeitet, wabern bekannte und unbekannte Gewaltphänomene am Leser vorbei, sie hinterlassen zu gleichen Teilen Verstörung und Erkenntnisgewinn.

Die Stärke von Sorgs Buch liegt darin, das Phrasenhafte an gängigen Erklärungen der Gewalt deutlich zu machen und ihnen eindrücklich das Bild von Menschen entgegenzuhalten, die die eigene Macht und die Ohnmacht anderer genießen. Seine Schwäche ist jedoch ebenso klar zu erkennen. Das Zusammenwirken unzähliger Faktoren, die zu individuellen und kollektiven Gewalttaten führen können, zu ignorieren und die alleinige Verantwortung beim Einzelnen zu suchen, kann schnell zu einer Atmosphäre der Angst, des Misstrauens und des permanenten Verdachts führen. Dass eine solche Atmosphäre neue Gewalt erzeugen kann, sollte dem Autor nicht verborgen geblieben sein.

Eugen Sorg: Die Lust am Bösen. Nagel & Kimche, München 2011, 160 Seiten, 14,90 Euro

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