Amnesty Journal Spanien 19. Mai 2011

Abschied von der Bühne

FlamencHop adé: In diesem Jahr wird die spanische Mestizo-Band »Ojos de Brujo« ein letztes Mal auf Tournee gehen.

Von Daniel Bax

Sag zum Abschied leise: »Adios!« Es ist für Musiker nicht leicht, den richtigen Moment zu finden, um von der Bühne abzutreten. Die spanische Mestizo-Band Ojos de Brujo zieht nach zehn Jahren einen Schlussstrich und verabschiedet sich mit einem Best-of-Album von Fans und Freunden. Ojos de Brujo waren immer mehr als eine Band: ein Künstlerkollektiv, eine Kooperative, zu denen auch Künstler und Grafik-Designer zählten, die Globalisierungskritik und ästhetische Innovation zum Gesamtkunstwerk verband.

»Die Augen des Hexers«, wie ihr Name übersetzt lautet, haben aus der Flamenco-Tradition der südspanischen Gitanos und der globalisierten Street Culture des HipHop ein Amalgam geschaffen, das so organisch wirkt, als hätten die beiden Musikstile schon immer zusammengehört. Aus zwei urbanen Stilen der Straße entstand ein neues Genre, der FlamencHop.

Schon mit ihrem zweiten Album »Bari« gelang Ojos de Brujo 2002 der internationale Durchbruch: Damit staubte das Kollektiv nicht nur den begehrten World Music Award der BBC ab, ihre Tourneen führten sie in den Folgejahren auch rund um die Welt. Für den Nachfolger »Techari« gab es dann einen Latin Grammy, die höchste Auszeichnung, die die US-amerikanische Musikindustrie in dieser Sparte zu vergeben hat. Zuletzt erschien das Album »Aocaná« – und jetzt, kein Jahr später, verkünden sie schon ihren Abschied.

Ein treibender Rumba-Rhythmus, fast beiläufig mit Beats und Scratches unterlegt, eine mediterrane Melodie, die wie eine frische Meeresbrise aus Barcelona herüberweht, dazu der vom Flamenco inspirierte Gesang der Sängerin Marina »La Canilla« Abad – das sind die typischen Zutaten, mit denen Ojos de Brujo ihren unverwechselbaren Stil begründet haben. Auf »Corriente Vital« (»Lebendiger Fluss«) erkennt man ihre Handschrift gleich von den ersten Takten an. Der Titelsong ist allerdings das einzige wirklich neue Stück auf »Corriente Vital«. Ansonsten versammelt die Compilation fast ausschließlich neu eingespielte Songs aus den vergangenen zehn Jahren.

Die Liste der Mitwirkenden auf »Corriente Vital« liest sich wie ein »Who is Who« der aktuellen spanischen Musikszene: Das zeigt den Status, den sich Ojos de Brujo im eigenen Land erspielt haben. Dem Stück »Todos Mortales« leiht Roldan von den Orishas seinen Schmelz; er ist die Gesangsstimme des Salsa-Hip­hop-Trio aus Kuba. Bei »Nueva Vida« schaut die Sängerin und Schauspielerin Bebe aus Valencia vorbei und bei »Lluvia« die baskisch-arabische Sängerin Najwa Nimri aus Pamplona, während »Baraka« jetzt Manolo Garcia, ein 55-jähriger Veteran des Flamenco-Pops, seinen Stempel aufdrückt.

Mit »Corriente Vital« geht eine Ära zu Ende. In diesem Jahr werden Ojos de Brujo ein letztes Mal auf Tournee gehen. Ihre Konzerte sind ein Spektakel für alle Sinne: Auf der Bühne kombinieren sie Flamencotanz und Breakdance, Graffiti-Art, Videokunst und Gipsy-Ästhetik zum multimedialen Ereignis. In Zukunft wird nun jeder seiner eigenen Wege gehen und sich eigenen Projekten widmen.

Ojos de Brujo: Corriente Vital (Warner Spain / Galileo MC)

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