Amnesty Journal 10. November 2010

Lied ohne Entkommen

Der neue Krimi des Schriftstellers und ehemaligen politischen Gefangenen Raúl Argemí spielt im ­argentinischen Mafiamilieu.

Von Klaus Jetz

Die argentinische Militärdiktatur war eine der brutalsten des Subkontinents. Zehn lange Jahre verbrachte der Autor Raúl Argemí in den Kerkern der Junta, wo er immer wieder gefoltert und mit dem Tode bedroht wurde. Er hat die Hölle auf Erden gesehen. Nur selten redet er in Interviews über seine Erlebnisse.

In "Chamäleon Cacho", Argemís erstem Roman, der auf Deutsch erschien, tauchen all die Grausamkeiten der Kerkerhaft und die schmutzigen Taten der Militärs auf. Argemí verarbeitet Erlebtes: entführen, foltern und spurlos verschwinden lassen. Der Terror gegen Gewerkschafter, Guerilleros, Kommunisten, Sozialisten hatte System. Und obwohl die fußballbegeisterte Welt 1978 auf Argentinien schaute, interessierte sich kaum jemand für die Verbrechen des Regimes.

Argemís neuer Roman "Und der Engel spielt dein Lied" ist in Patagonien angesiedelt, in Zeiten des Terrors und der WM. Der "schmutzige Krieg" spielt jedoch nur am Rande eine Rolle. Im Zentrum des Geschehens stehen die schmutzigen Geschäfte der Mafia, die die Militärs schützen und an denen sie mitverdienen. Doch die Guerilla "hat die Straßen unsicher gemacht" und stört die kriminellen Machenschaften. Es ist "nur eine Frage der Zeit, bis sie sie kaltgestellt haben und es wieder ruhiger auf den Straßen wird".

Argemís Helden sind Bösewichte und Taugenichtse. In "Chamäleon Cacho" überraschte die Perspektive des Folterknechts, des treuen Staatsdieners, der seine Pflicht tut, regelmäßig foltert, fleißig Berichte schreibt, pünktlich Feierabend macht und zu Frau und Kind eilt. Jetzt erzählt Argemí aus Sicht des Kriminellen, des Handlangers und Duckmäusers, der sich seinem Boss andient, wieder auf die Beine kommen will und doch alles vermasselt.

El Polaco, ein kleiner Mafioso, beauftragt den Kriminellen El ­Negro, einen Drogentransport über die Grenze nach Chile abzuwickeln. Was ein schnelles Geschäft ohne Komplikationen zu werden verspricht, mündet bald in eine Katastrophe: Verfolgungsjagden, Schießereien, Exekutionen, die Rache des Paten. Die ganze Palette mafiotischer Verbrechen wird vor dem geistigen Auge des Lesers abgespult. Der ­Roman schreit geradezu nach Verfilmung.

Und er strotzt vor Fatalismus: Die Figuren, vor allem der Protagonist, sind nicht Herr über ihr Schicksal. Ihr Leben, ihre Geschäfte, ihre Dramen und ihr Tod sind durch die Geburt vorherbestimmt: "Wenn du auf die Welt kommst, greift ein Engel nach der Geige und spielt eine Melodie, nach der du dein Leben lang tanzen wirst. Immer dasselbe Lied. Bei deinen Geschäften, deinen Freunden, bei allem… Der Geige des Engels entkommt keiner."

Für El Negro hat der Engel die kriminelle Laufbahn vorgesehen. Als Kind wird er zusammen mit seinem Freund Sapo beim Fahrradklau erwischt. Er kommt in ein Jugendheim, und "in dieser Zeit lernte er, wie man Vorhängeschlösser mit einem Draht knackte, wer am meisten für gestohlene Radios und Uhren bezahlte… Es vergingen drei Monate, drei endlose Monate, in denen er vor allem lernte, dass man zu unfairen Mitteln greifen musste, wenn man überleben wollte." Verbrechen als Bestimmung.

Eine packende "novela negra" also, aber auch ein Krimi ohne Ermittler, Polizisten, Detektive. Die mag der Autor nicht. Denn wie so vielen zeitgenössischen Krimiautoren aus Lateinamerika geht es Argemí nicht um die Aufklärung eines Verbrechens, sondern ums Erzählen und Entwickeln von Charakteren. Und um die Schilderung von sozialen und politischen Zuständen, vor deren Hintergrund sich unpolitische Verbrechen, Drogenschmuggel, Mord oder Entführung abspielen. So gelingen Argemí spannende Romane, frei von platten Politbotschaften und Belehrungen.

Der Autor ist Geschäftsführer des Lesben- und Schwulenverbands
in Deutschland und schreibt als freier Journalist regelmäßig zu ­Lateinamerika.

Raúl Argemí: Und der Engel spielt dein Lied. Aus dem ­Spanischen von Susanna Mende. Unionsverlag, Zürich 2010, 192 Seiten, 16,90 Euro

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