Amnesty Journal 10. November 2010

Klassiker der Reportage

Rodolfo Walsh zählt zu den prominentesten Opfern der Militärdiktatur. Er begründete den investigativen Journalismus in Argentinien und schrieb Krimis.

Von Gert Eisenbürger

Im Juni 1956 erhoben sich in Argentinien einige Militärs ­gegen Präsident Aramburu, der seinerseits durch einen Staatsstreich an die Macht gekommen war. Der Putschversuch scheiterte, die meisten Beteiligten wurden erschossen. Doch nicht nur aufständische Offiziere wurden ohne Verfahren hingerichtet, sondern auch unbewaffnete Zivilisten. Deren Geschichte erzählt der argentinische Autor Rodolfo Walsh (1927–1977) in seinem 1957 erstmals veröffentlichten Buch "Operación Masacre", das jetzt unter dem Titel "Das Massaker von San Martín" in neuer deutscher Übersetzung erschienen ist.

Am Vorabend des Aufstands hatten sich rund ein Dutzend Männer in einem Vorort von Buenos Aires in einer Wohnung ­getroffen. Unter ihnen waren peronistische Gewerkschafter, die von der Militärrevolte wussten und sich für mögliche Aktionen bereithielten, die meisten aber waren Arbeiter aus dem Viertel, die sich die Radioübertragung eines Boxkampfes anhören wollten. Gegen 23 Uhr stürmten Polizisten die Wohnung, brachten alle Anwesenden zur Polizeiwache und verfrachteten sie auf ­einen Lkw, angeblich zur Überstellung ins Gefängnis.

Doch der ­zuständige Polizeichef hatte ihre Erschießung angeordnet. Der Transporter fuhr auf ein freies Gelände nördlich der Stadt. Als sie vom Wagen steigen sollten, schwante den Gefangenen, was ihnen drohte. In dem entstehenden Chaos gelang mindestens fünf die Flucht, fünf wurden ge­tötet. Zwei weitere wurden ver­sehentlich für tot gehalten und ­liegen gelassen.

Der damals 30-jährige Journalist Rodolfo Walsh hatte von der Erschießung "Aufständischer" in der Zeitung gelesen. Dann erfuhr er, dass es Überlebende gab. Er machte sie ausfindig und recherchierte mit Unterstützung seiner Kollegin Enriqueta Muñiz den genauen Tathergang. Keine große Zeitung war bereit, Walshs Reportage zu veröffentlichen. Nur ein Gewerkschaftsblatt fand den Mut dazu. Monate später erschien sie als Buch und wurde zu einem Klassiker der argentinischen ­Literatur. Walshs Tatsachenbericht bietet alles, was gute Literatur ausmacht: Er ist hervorragend geschrieben, verdichtet das Geschehene so, dass die Lektüre fesselt und setzt sich mit den Motiven der Akteure auseinander.

Walsh verfasste auch fiktionale Texte. Seine unter dem Titel "Die Augen des Verräters" erschienenen Kriminalgeschichten aus den frühen fünfziger Jahren weisen ihn als großen Könner auch in diesem Genre aus. Mehr als ein Jahrzehnt vor dem Aufkommen des kritisch-illusionslosen Roman Noir präsentierte er Miniaturen, in denen schon vor dem eigentlichen Delikt die Dinge nicht stimmen und die Lösung der Fälle daher nicht zur Wiederherstellung von Recht und Ordnung führt.

Über das Massaker im Juni 1956 aber wollte er keinen Roman schreiben. Er wollte Fakten vorlegen. Damit ist "Das Massaker von San Martín" ein frühes Dokument des Kampfes gegen Straflosigkeit, der bis heute die Arbeit lateinamerikanischer Menschenrechtsorganisationen bestimmt. Walsh hat diesen Kampf 1957 verloren: Obwohl er erdrückende Beweise vorlegte, wurde der verantwortliche Polizeichef der Provinz Buenos Aires, Desi­derio Fernández Suárez, nie vor Gericht gestellt.

Seine Recherchen und deren Ignorierung durch die Behörden radikalisierten den bis dahin politisch nur mäßig interessierten Rodolfo Walsh. Anfang der siebziger Jahre schloss er sich der linksperonistischen Guerilla "Montoneros" an. Im März 1977 erschoss ihn eines der berüchtigten Einsatzkommandos der Diktatur im Zentrum von Buenos Aires.

Der Autor ist Redakteur des Magazins "Informationsstelle Lateinamerika".

Rodolfo Walsh: Das Massaker von San Martín.
Aus dem Spanischen von Erich Hackl, Rotpunktverlag, Zürich 2010, 255 Seiten, 19,50 Euro

Rodolfo Walsh: Die Augen des Verräters. Kriminalgeschichten. Aus dem Spanischen von der Gruppe "Transports", Rotpunktverlag, Zürich 2010, 166 Seiten, 18 Euro

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