Amnesty Journal 10. November 2010

Ambivalente Gesellschaft

K. Sello Duikers Roman "Die stille Gewalt der ­Träume" handelt von Drogen, Sex und Toleranz in Zeiten der Postapartheid.

Von Ines Kappert

Trag eine Swatch…, damit die Leute sagen, wow, bist du cool und nicht, wow, bist du schwarz oder weiß. Du solltest auf Schlagzeug stehen, den Schuldenerlass für die Dritte Welt unterstützen und dein Horoskop kennen. Du musst die Universalität von CK One anstreben … bis Musik das Einzige ist, was zählt, und Tanzen das Einzige, was dich von anderen unterscheidet. Das sind die Sachen, die die Clubkultur in Kapstadt bestimmen, nicht die Rassenpolitik." Die Pop- und Konsumkultur als Pufferzone in der Postapartheid – davon handelt der Roman "Die stille Gewalt der Träume", aber auch von Drogen, Sex und Freundschaft.

Der jüngste Roman von K. Sello Duiker erinnert an große Pop­literatur, etwa an die Werke von Rolf Dieter Brinkmann oder von Rainald Goetz. Auch Duiker gelingt eine faszinierende Nah­aufnahme der jungen, urbanen Mittelschicht – mit dem Unterschied, dass seine Anti-Helden nicht in Berlin leben und leiden, sondern im heutigen Südafrika, genauer, in Kapstadt. Doch auch sie gleiten auf der Suche nach sich selbst durch das Nachtleben, lieben Musik und erproben Sex als Möglichkeit einer gewaltfreien Kommunikation. Das geht nicht immer gut.

Für Tshepo, den Journalistikstudenten, geht es sogar richtig schief. Laut Attest katapultiert ihn eine "Cannabis-induzierte Psychose" in die geschlossene Psychiatrie. Gnadenlos wird er mit Medikamenten vollgestopft; er und die anderen Patienten kämpfen um einen Rest an Menschenwürde. Vergebens. Wenn der Umgang mit Abweichlern einen Lackmustest für Demokratien darstellt, dann hat Südafrika noch einen langen Weg vor sich.

Gleichzeitig ähnelt das Studentenleben in Kapstadt dem westlichen. Der ewige Streit um den Abwasch bestimmt auch dort das WG-Leben, lausige Kellnerjobs nerven ebenso wie Freunde, die immer noch glauben, man wüsste nicht, dass sie schwul sind. Genau die Mischung aus Vertrautem und Fremden erlaubt dem westlichen Leser differenzierte Einblicke in die so tolerante wie gewalttätige südafrikanische Gesellschaft.

Für Duiker ist Ambivalenz kein Problem. Alle seine Figuren sind vielschichtig, sie sind verantwortlich, ohnmächtig, abstoßend und liebenswert zugleich. Jeder bekommt eine Stimme, jeder das Recht auf seine Sicht der Dinge, fast alle haben Humor. Das ist Basisdemokratie vom Feinsten. Entsprechend wird der fünfhundertseitige Roman auch von keinem souveränen Erzähler zusammengehalten, niemand schwebt hier über den Dingen. Stattdessen werden viele Situationen mehrmals geschildert, denn konsequent schneidet Duiker das Erleben des einen Protagonisten gegen die Interpretation des anderen. So entsteht ein Geflecht aus Gesprächen und Perspektiven, aus inneren Monologen, Streitereien und Geständnissen, die in Betten, an Theken, Küchentischen oder vor dem Fernseher stattfinden. Es obliegt dem Leser, sie zu einem Panorama zusammenzusetzen.

K. Sello Duiker erhielt 2001 für sein Debüt "Thirteen Cents" den Preis für den "Besten Erstlingsroman eines afrikanischen Schriftstellers". "The Quiet Violence of Dreams" wurde ebenfalls begeistert aufgenommen. Die deutsche Übersetzung hat K. Sello Duiker nicht mehr erlebt. Er nahm sich im Januar 2005 das Leben.

K. Sello Duiker: Die stille Gewalt der Träume. Aus dem Englischen von Judith Reker. Herausgegeben von Indra Wussow. Verlag Wunderhorn, Heidelberg 2010, 538 Seiten, 26,80 Euro

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